12.08.2010 · In ihren Rollen versucht sie, die Möglichkeiten des Lebens zu erproben. Dass Iris Berben dabei immer im natürlichen Sinn schön blieb, ist ihr Erfolgsgeheimnis. Denn so konnten die Fernsehzuschauer mit ihr altern, ohne sich alt zu fühlen.
Von Freddy LangerÜber Iris Berben kann man nicht sprechen, ohne ihre Grübchen zu erwähnen. Das ist hiermit geschehen. Der Rest ist komplizierter. So kompliziert, wie ein Mensch eben sein kann, wie man es gerade von Fernsehstars jedoch nicht unbedingt gewohnt ist. Der LeoBaeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland 2002 für ihr Engagement gegen Ausländerfeindlichkeit, ein Jahr später der Titel „Europäische Heldin“ vom amerikanischen Nachrichtenmagazin „Time“ für ihren Kampf gegen Antisemitismus und erst jüngst der Internationale Mendelssohn-Preis sind Auszeichnungen, die mehr über Iris Berben verraten als alle Bambis, Romys und Goldenen Kameras zusammen. Und es wird ihr nicht unrecht sein, ihren Namen in jüngster Zeit ebenso häufig in Beiträgen der Gesellschaftskritik wie in denen der Fernsehkritik zu finden. Sie sei ein „Tausendmenschler“, hat sie bei Gelegenheit über sich gesagt - ein widersprüchlicher Mensch indes scheint sie nicht zu sein. Vielmehr fügt sich geradezu harmonisch eine Facette zur anderen.
Ihren Ruhm nutzt sie dazu, Zivilcourage zu demonstrieren und in Lesungen anderen eine prominente Stimme zu leihen, etwa der Journalistin Anna Politkowskaja, oder mit der Aufklärungsveranstaltung „Mama, was ist Auschwitz“ durch deutsche Schulen zu reisen; ihre Rollen sucht sie nicht zuletzt danach aus, die Möglichkeiten des Lebens zu erproben, bestenfalls bis ins Extrem; und ihrer Lebensfreude ist es geschuldet, dass sie ein Buch mit Schönheitstipps veröffentlicht hat, „Älter werde ich später“, mit Anti-Aging-Hormonen kokettiert oder für ein Herrenmagazin posierte. Aber wer es im Jahr auf dreihundert Drehtage bringt, muss sich auch die Frage gefallen lassen, ob er nicht vor irgendetwas davonlaufe. Dass sie voller Selbstzweifel stecke, wird Iris Berben, die als Inbegriff der starken Frau gilt, dann in Interviews nicht müde hervorzuheben. Zu spüren ist davon nichts; im Gegenteil: Wäre es so, sie wäre eine schlechte Schauspielerin.
Ungeschminkt schön mit strähnigem Haar
Zum Film kam sie, die seit diesem Jahr mit Bruno Ganz an ihrer Seite Präsidentin der Deutschen Filmakademie ist, eher zufällig. Als sie die Klosterschule noch vor dem Abitur verlassen hatte, tauchte sie Ende der Sechziger in die Künstlerszene Hamburgs ein, drehte 1968 mit Rudolf Thome den Spielfilm „Detektive“ und spielte wenig später in Klaus Lemkes „Brandstifter“ eine junge Frau, in der sich die politische Stimmung der Zeit spiegelte. Das war fast autobiographisch, denn in der radikalen Protestszene war sie zumindest eine Mitläuferin, und als sie im vorigen Jahr in „Es kommt der Tag“ eine untergetauchte RAF-Terroristin spielte, sahen manche darin die fast selbstquälerische Untersuchung dessen, was auch hätte geschehen können.
Es war nicht die erste Rolle, in der sich Iris Berben vom Zwang verabschiedet hat, attraktiv sein zu müssen. Sie war es dennoch; auch ungeschminkt und mit strähnigem Haar. Fließend hat sie im Laufe von mehr als hundert Filmen den Weg genommen von der brünetten Ulknudel in den „Himmlischen Töchtern“ und dem Ruf, Deutschlands erotischste Frau zu sein, hin zur Grande Dame des Fernsehens, von Lack und Leder und dem ins Ohr gehauchten Versprechen „Falls Sie anderes Spielzeug bevorzugen: Es wird mir ein Vergnügen sein - und Ihnen auch“ in einem ihrer frühen Filme bis zu solch zugeknöpften Patriarchinnen wie der Konsulin Bethsy Buddenbrook oder der Industriellengattin Bertha Krupp in Mehrteilern unserer Tage.
Dass sie dabei immer schön blieb, bildschön im klassischen Sinn, ist das Geheimnis ihres Erfolgs. Denn so können Fernsehzuschauer seit nunmehr vierzig Jahren mit ihr altern, ohne sich je eigentlich alt zu fühlen. Erst im vorigen Frühjahr stellte sie in dem Kinderfilm „Tiger Team - Der Berg der tausend Drachen“ eine Geheimbündlerin dar auf der Jagd nach dem Elixier der ewigen Jugend. In Wahrheit ist Iris Berben also der Jungbrunnen des Landes. An diesem Donnerstag wird sie sechzig.
Freddy Langer Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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