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Veröffentlicht: 23.08.2014, 12:50 Uhr

„Promi Big Brother“ bei Sat.1 Irgendwas mit Sex

Selbst Schadenfreude kann diese freudlose Veranstaltung nicht retten: Warum „Promi Big Brother“ an dem scheitert, was der Dschungelshow „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ gelingt.

von Stefan Niggemeier

Mario-Max Prinz zu Schaumburg-Lippe bringt alles mit, was man sich von einer Witzfigur wünschen kann. Einen komischen Titel, eine bizarre Besessenheit vom Adel, einen passenden Schimpfnamen („Titten-Prinz“), einen dümmlichen Gesichtsausdruck, einen halb albernen, halb kommerziellen Hang zur Esoterik, ein Model als Freundin, einen bestens dokumentierten Drang, sich in der Öffentlichkeit lächerlich zu machen (oder vielleicht genauer: die Öffentlichkeit an der eigenen Lächerlichkeit teilhaben zu lassen).

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Am Donnerstagabend saß Mario-Max in der klassisch-irreführend benannten Sendung „Promi Big Brother“ und rang vor laufenden Kameras um Fassung. „Big Brother“ hatte ihn gerade informiert, dass seine Freundin ihn, während er von der Außenwelt abgeschnitten im Haus saß, verlassen habe. Das hatte die „Bild“-Zeitung, der Medienpartner der Sat.1-Show, berichtet. Live in der Sendung sollte Mario-Max davon erfahren, das hatte Moderator Jochen Schropp mit einer Mischung aus Schadenvorfreude und Heuchel-Mitleid als Höhepunkt angekündigt. Mario-Max, der auch unter normalen Umständen nicht den Eindruck übertriebener Zurechnungsfähigkeit macht, war zu diesem Zeitpunkt völlig übernächtigt. Aufgrund einer „Strafe“ hatte er die vorangegangene Nacht und den ganzen Tag nicht schlafen dürfen.

Er reagierte mit einem wirren „Statement“, das er in die Kamera sprach und in dem er seine Liebe zu der Frau beteuerte und nach Erklärungen suchte und sich um seine Familie sorgte und seine Schwester bat, vielleicht im Betrieb aushelfen zu können.

Es ist eine außerordentlich freudlose Veranstaltung, dieses „Promi Big Brother“; selbst die Schadenfreude macht keinen Spaß. Stattdessen entwickelt man als Zuschauer Mitleid - mit Leuten, mit denen man wirklich kein Mitleid haben wollte.

Natürlich beruht auch der Erfolg der RTL-Dschungelshow „Ich bin ein Star - holt mich hier raus“ auf dem Sadismus und Voyeurismus der Zuschauer. Aber die kalkulierten Grausamkeiten dienen wenigstens der Unterhaltung. Bei „Promi Big Brother“ wirken sie wie ein Selbstzweck. Das macht sie besonders abstoßend. Es fehlt an allem. An einem Gefühl für Grenzen, an einem Interesse der Macher an den Kandidaten, an handwerklichem Können. Am Mittwoch führte „Big Brother“ die Hälfte der Mitwirkenden, die unter kargen Bedingungen im Keller leben müssen, einzeln den im Luxus wohnenden Bewohnern oben vor. Sie hatten zunächst die Augen verbunden und sollten dann darum betteln, nach oben zu dürfen. Schon die plumpe Inszenierung war erbärmlich. „Big Brother“ hatte aber die Menschlichkeit des „Promi“-Personals unterschätzt: Die meisten plädierten nicht für sich, sondern für die am meisten leidende Mitbewohnerin.

Wer zwingt sie eigentlich dazu?

Das Ausgangsmaterial, das in den zwei Wochen entsteht, kann bei „Promi Big Brother“ eigentlich nicht so anders sein als im Dschungelcamp. Der Unterschied ist die Fähigkeit, etwas daraus zu machen. Geschichten zu erzählen, Dramaturgien zu bauen, dem Zuschauer die Charaktere näher zu bringen und ihnen Entwicklungen zu erlauben. „Big Brother“ zeigt stattdessen bloß ungelenk eine vermeintlich komische oder krasse Szene nach der anderen, im Zweifel irgendwas mit Sex, Sex oder Sex.

Im Studio versucht derweil Jochen Schropp - meist vergeblich - fehlerfrei Moderationssätze zu sprechen. Einmal zählt er auf, wer sich von den Kandidaten sichtlich geschämt habe - eine nachvollziehbare Reaktion, die ihm selbst bislang erstaunlicherweise fehlt. Manchmal betont er, dass die Kandidaten ja alle freiwillig dabei wären, wobei unklar ist, ob das auch für die als „Mother of Big Brother“ bezeichnete Ko-Moderatorin Cindy aus Marzahn gilt, die immer mal wieder auf die Bühne geschlappt kommt und mit einer solch sensationellen Unlust schlechte Witze schlecht von Karten abliest, dass man sich fragt, wer sie dazu zwingt. Und wer Sat.1, sie dafür zu engagieren. So viele tragische Schicksale, und das des Senders gehört auch dazu.

Glosse

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Von Andreas Rossmann

Das Aussterben der gemütlichen, kleinen Buchläden geht weiter. Aber manche haben Kunden, die das nicht hinnehmen wollen. Und etwas dagegen tun. Mehr 4

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