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Iranische Protestbewegung Die Angst ist überall

06.07.2009 ·  Die Kräfte der iranischen Widerstandsbewegung sind fast verbraucht. Keiner weiß, was die Regierung mit ihnen vorhat, ein Zurück in das alte Leben gibt es nicht mehr. Jetzt hat der wirkliche Albtraum begonnen: die Flucht.

Von Swantje Karich
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Basim hat sich gemeldet. Sechs Tage hat es gedauert. Basim, der fünfundzwanzigjährige Student, Organisator von Demonstrationen gegen das iranische Regime. Der Chat mit ihm war plötzlich abgebrochen. Seine letzte Zeile: „tanke you for your nice ddddd ddssssfggggg“. „Mein Kopf ist runtergefallen. Ich bin ohnmächtig geworden. Ich war zu erschöpft. Als ich im Krankenhaus aufwachte, war mein Bruder da, und ich fühlte mich nicht mehr in Gefahr“, schreibt Basim jetzt im Chat.

Von einer Freundin, die sich als Junge verkleidet durch die Straßen von Teheran gekämpft hat, haben wir nichts mehr gehört. Der Facebook-Status ihrer Schwester sagt verzweifelt-trotzig: „Ich hasse die iranische Regierung.“ Sie wohnt in der schlimmsten Gegend. Tuba, eine enge Freundin, sagt, es sei so unsicher auf den Straßen, dass es unmöglich ist, sie zu besuchen. Und auch von der iranischen Journalistin, die grausam zusammengeschlagen wurde und sich in einer ihr fremden Familie versteckte, gibt es bislang kein verlässliches Lebenszeichen.

Es gibt kein Zurück

„Sie haben meine Professorin abgeholt, sie ist nur eine von siebzig Professoren, die sie geholt haben. Jetzt sind nicht mehr viele übrig. Sie haben sie alle mitgenommen nach einem Treffen mit Mir Hossein Mussawi“, schreibt Basim weiter: „Wo bringen sie wohl all diese Massen an Menschen hin? In ein paar Monaten werden sie eine Mauer bauen um das ganze Land, dann haben sie genug Platz für alle Gefangenen.“

Er ist immer noch erschöpft bis an seine Belastungsgrenze. Basim hatte, als die Wut der Masse nach der Wahl ausbrach, Angst, auf die Straße zu gehen, zu demonstrieren. Sein Wille zu kämpfen hat ihn dann aber rausgetrieben, die Sorgen verdrängt. Nun hat sich die Welle gelegt. Doch alles ist anders, ein Zurück in das alte Leben gibt es nicht mehr: Er muss untertauchen. Jetzt hat der wirkliche Albtraum begonnen: die Flucht.

Keiner weiß mehr

Es ist ein quälendes, demütigendes Wegducken nach all dem Mutüberschuss, weil man nichts mehr erreichen kann: „Es ist langweilig“, schreibt Basim niedergeschlagen und lässt zwei Regungen spüren, die in ihm wüten: der Wunsch, auszureisen und entgegen aller Empfehlungen in Teheran auszuharren, sich für seine Freunde im Gefängnis einzusetzen.

Doch es ist möglich, dass seine Professorin unter Folter die Namen ihrer Studentengruppe preisgegeben hat. Gemeinsam mit zwölf Freunden hat sich Basim zur Reise aufs Land entschieden. Dort wollen sie abwarten, „zwei Wochen, einen Monat“, er weiß es noch nicht. Nach diesem letzten, geteilten Gedanken verschwindet er wieder in der Weite des Internets.

Die iranische Künstlerin Parvin ist in Sicherheit. Ihr Bruder hat geschrieben, dass sie sich versteckt hält. Auch sie hat sich völlig verausgabt, muss jetzt verarbeiten, auftanken. Wie es weitergeht? Die einzige Reaktion des Bruders auf die Frage ist der Dank für die Proteste in Berlin gegen die iranische Regierung; er hat die Videos bei Youtube gesehen und sich auf der „Pinnwand“ bei Facebook geäußert. Vernetzte Welt: Er sitzt jetzt in Kanada vor dem Computer.

Dank deutscher Technologie

Noch einmal meldet sich Basim überraschend im Chat zu Wort: „Wir sind jetzt in einer kleinen Stadt, in der uns niemand kennt. Ein sehr nettes Paar hat mich aufgenommen, ich kannte sie vorher gar nicht. Ich war so durcheinander, als ich Teheran verlassen habe.“

Basim hat kein Telefon mehr. Er musste die Simkarte wechseln, weil sein Telefon abgehört wurde. Im Chat schreibt er: „Sie können jeden Anruf mitanhören. Alle Telefone. Es ist ein deutsches Unternehmen, das die Technologie verkauft hat.“

In der Provinz, erklärt Basim dann, sei es in diesen Zeiten zuweilen weit gefährlicher als in der Großstadt: „Dort greift man schneller mal zum Strick. Aber in Teheran kann ich nichts mehr tun. Und irgendwie fühle ich mich hier seit langer Zeit einigermaßen sicher.“

Verbrauchte Kräfte

Basim weiß, dass dieses Gefühl trügt: „Oft denke ich, dass es besser wäre, zurück nach Teheran zu fahren. Die haben so viele Freunde von mir festgenommen, ich glaube, weglaufen ist zu einfach. Aber ich kann nichts tun, das ist der einzige Grund, der mich hier festhält.“ Sein Abschiedssatz: „Ihr sollt wissen, dass die Mentalität von Ahmadineschad sehr viel gefährlicher ist, als ihr Euch das überhaupt vorstellen könnt; sie ist wie ein Virus und verbreitet sich schneller. Diese Menschen sind so grausam, um das Paradies der Macht zu erlangen.“

Die Revolution auf der Straße ist Wirklichkeit geworden, doch die blutige Niederschlagung auch. Die Kraft der Freiheitskämpfer ist vorerst aufgebraucht.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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