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iPad vor Ort Im Tal der Ahnungslosen

27.01.2010 ·  Stell Dir vor, Apple präsentiert sein neues iPad und keiner geht hin: Während der feierlichen Präsentation in San Francisco bleibt man in einem Frankfurter Apple Store ruhig und unter sich. Und gewinnt doch eine Erkenntnis: Im digitalen Zeitalter geht fast alles von zu Hause aus.

Von Swantje Karich
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Das Apfel-Logo leuchtet weit hinein in die Freßgass von Frankfurt. Hinter der mächtig glänzend geputzten Glasscheibe herrscht gähnende Leere. Nur die Arbeitertiere in ihren blauen Kollektiv-T-Shirts zeigen sich mal im Pulk, mal vereinzelt. Es gibt auch einen jungen Mann im roten T-Shirt und Knopf im Ohr, er ist der König, und er winkt sofort ab: „Was willst Du hier, das ist wirklich Zeitverschwendung. Geh' nach Hause und schau Dir die Sendung im Internet an“. Es ist der 27. Januar 2010, um 18.30 Uhr. In einer halben Stunde wird der Apple-Impresario Steve Jobs in den Vereinigten Staaten das große Geheimnis lüften und das neue iPad vorstellen. Und da soll ich nach Hause gehen? Das kommt nicht in Frage. Habe ich mich doch extra eingestimmt auf diesen großen Moment, wie auf ein Spiel des 1. FC Köln. Im Internet hatte ich mir ein Video angeschaut von der Eröffnung des Apple Stores vor wenigen Tagen. Hatte schon die blauen Männchen gesehen, wie sie die Massen zum Jubeln und Feiern animieren.

Damit wir sie unterscheiden können, haben sie weiße Bänder mit iPod Attrappen umgehängt, auf denen ihre Namen stehen: Frank, Mark, Bernd, Holger, Anton und viele mehr. Der Rote heißt Dirk. Ein Mädchen gibt es. Sie heißt Taim. Ich warte gemeinsam mit ihnen. Das Pathos von Steve Jobs wird auch diese Runde in Wallungen bringen!

Überlasteter Datenverkehr

Ein junges Mädchen mit lilafarbener Mütze und passendem Schal verzieht ihr Gesicht, als ich sie frage, ob sie wegen Steve Jobs und der Pressekonferenz hier sei. Sie hat keine Ahnung, wovon ich spreche. Als die Show in den Vereinigten Staaten beginnt, finde ich irgendwann - nach gefühlter halber Stunde - drei Besessene, die sich zwar das Ganze auch lieber zu hause angeschaut hätten, aber ihre Freundinnen wollten lieber in die Stadt. Nun stehen sie hier verloren um einen Computer herum und öffnen etwas konsterniert den Live-Ticker von Apple. Ein blauer Mann nähert sich und will fragen, ob er helfen könne. Wendet sich aber gleich wieder ab und windet sich, als hätte man ihm etwas Schmerzhaftes angetan. Der junge Mann heißt Dirk: „Bitte sagt nichts, ich will nichts sehen und nichts hören, ich schaue mir die Pressekonferenz heute Nacht live an“.

Die drei Apple-Fans geben derweil Tipps ab, wie das neue Wunderding heißen wird und spielen mit ihren iPhones: „iPad“ ist tatsächlich ihr Favorit. Doch die Leitung des Live Tickers ist völlig überlastet. Auf anderen Nachrichtenseiten erscheint schon vor der feierlichen Präsentation: Wireless-Lan zusammengebrochen. Oder abgeschaltet, wie Shawn, ebenfalls im blauen T-Shirt, bemerkt. Aber dann könnte doch Apple auch nicht mehr übertragen? „Die haben doch 3G“, sagt er kühl.

Die Feier kommt später

Doch es bleibt ein Trauerspiel, da hilft auch 3G nicht. Ablenkung muss her: Klimpern auf einem Keyboard, die übereifrigen Arbeiter kommen immer wieder und wollen einem das System Apple erklären, Dashboard, Apps, . . . „Nein, danke, es geht mir gut. Ich kenne das alles hier.“ Aber irgendwann lasse ich Felix reden und höre: „Die sind im Hintergrund geil verzahnt“.

Kein Jubelschrei. Ich verpasse tatsächlich den großen Moment um 19.10 Uhr. Dann wird es doch noch etwas unruhig. Ein Pulk blauer Männer verschwindet in einer Seitentür. Ich versuche unbemerkt zu folgen, werde aber jäh ausgebremst. Sie schauen mich an, als wäre ich ihnen auf die Herrentoilette gefolgt. Ich bitte sie mich zu informieren, wenn etwas geschieht. Ich studiere derweil den Alarmknopf an einer Seitenwand und überlege, ob ich mit seiner Hilfe diesem Schauspiel endlich ein Ende bereiten kann.
Als um 19:10 Steve Jobs das „iPad“ hervorzieht, sitze ich in einem surrealen Funkloch.

Mittlerweile ist es 19.25. Jetzt ist alles klar. Es gibt ein Bild vom iPad zu sehen und endlich auch die erste Überraschung. Shawn erklärt mir, dass man in Zukunft mit Hilfe des iPad an Verlagen vorbei seine Bücher selbst publizieren könne. Wie ein Podcast für Bücher würde das funktionieren. Er freut sich wie ein Kind. Mir wird mulmig.

Es ist 19.40. Die Party bleibt aus. Die Putzfrau beginnt mit der Glastreppe und schert sich nicht, als die blauen Männer immer wieder über die frisch gesäuberten Flächen laufen. Shawn ist sich sicher, wenn sie das iPad in den Laden kriegen, dann wird die Feier nachgeholt. Er zeigt noch einem Touristen, der hereinschaut, mit seinem iPhone den Weg zum Hilton-Hotel. Ein technischer Höhepunkt des Abends. Um 20 Uhr ist Schluss. Frank, Mark, Bernd, Holger, Anton, Shawn, Taim, Felix und die anderen beginnen mit Stolz geschwellter Brust, die Computer zu putzen, als würden sie in einem Museum zerbrechliche Meisterwerke aus längst vergangenen Zeiten Instand halten. Bald wird ein neues Kunstobjekt hinzukommen, und sie werden es sicherlich noch viel fürsorglicher behandeln.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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