05.04.2010 · Ausgepackt und für revolutionär befunden: Der iPad weckt Bedürfnisse in uns, von denen wir bisher nichts ahnten. Die grundlegende Frage aber heißt: Passt er in unser Leben? Jordan Mejias hat den Tablet-Computer einem ersten Streicheln unterzogen.
Von Jordan Mejias, New YorkSteve Jobs träumt davon, das Internet in Händen zu halten. Der Mensch und die digitale Unendlichkeit, auf immer und ewig verschmolzen. Hoffen wir, dass es nie dazu kommt. Denn dann hätten wir auch keine Gelegenheit mehr, ein hip und cool verpacktes Ding wie den iPad in Empfang zu nehmen, unter dem ermutigenden Blick des Verkäufers die minimalistisch vollendete Kartonhülle aufzureißen und schließlich das Elektrokunstwerk in all seiner glatten Makellosigkeit erstmals zu berühren. Eine Tafel im Oktavformat, halb aus Glas, halb aus Aluminium. Und zwischendrin genug Technik, um die Welt aufleuchten zu lassen.
Es ist eine Vernissage, für die, ganz klar, aus der Sicht von Jobs nur ein Fest wie Ostern den angemessenen Rahmen zu liefern vermag. Die Firma Apple ist inszenierungsmässig unerreicht, selbst wenn ihre Jünger diesmal die Verkaufstempel nicht gerade in rekordverdächtigen Scharen stürmten. Ketzer, an denen es angesichts eines weit verbreiteten inbrünstigen Design- und Technoglaubens nicht fehlen kann, wollten darin gleich die Folge von Mängeln und Lücken des Geräts erkennen. Sie haben vielleicht sogar recht. Der iPad, perfekt wie er ausschaut und sich anfühlt, erfüllt nicht jedes Wunschgebet der globalen Netzgemeinde.
Widerstand fast zwecklos
Obwohl längst eine Selbstverständlichkeit in besseren wie schlechteren Laptops, fehlt die Kamera. Wer telefonieren will, muss weiterhin das iPhone mit sich herumschleppen. In ein paar Wochen erst werden iPads ausgeliefert, die überall Zugang zum Internet gewähren. Kein Wunder, dass sich viele Käufer noch gedulden.
Sie sollten allerdings dem iPad nicht zu nahe kommen. Die Verlockung, doch die Kreditkarte zu zücken und ihn im silbrig glänzenden Plastikbeutel nach Hause zu tragen, ist groß.
Einmal berührt, ist ihm in seiner bedienungsfreundlichen Mitteilsamkeit kaum zu widerstehen. Natürlich liegt keine Gebrauchsanweisung bei: Intuitiv sei der Nutzer! Der iPad erklärt sich gleichsam auf Berührung, und alle, die ein iPhone ihr eigen nennen, werden ohnehin keine Schwierigkeiten haben. Darauf haben schon die Kritiker hingewiesen, die den schlanken iPad als aufgeblasene Variante des iPhone und iPod Touch abtun. Keine Frage, das ist er auch. Aber seine Größe ist keine Kleinigkeit. Durch sie bekommen Zeitungen, Zeitschriften und Bücher auf dem tragbaren Bildschirm überhaupt erst eine echte Chance.
Eine neue Art der Zeitung
Der iPad will dem Leser der „New York Times“ zum Beispiel sogar eine neue Zeitung anbieten. Bislang allerdings ist mit „Editors‘ Choice“, der für den iPad maßgeschneiderten Applikation, noch nicht viel Staat zu machen. Auch wenn die Redaktion vorerst nur eine stark begrenzte Auswahl von Artikeln anbietet, ist doch schon abzusehen, wie sich das Ganze entwickeln könnte. Die „Times“ könnte demnach auf dem iPad wohl tatsächlich zum interaktiven Medium werden, das überall zu empfangen ist und den Text mit immer mehr Videos anreichert. Allen Videos, die auf dem am weitesten verbreiteten Flash Format beruhen, verweigert sich jedoch der iPad. Der Bildschirm bleibt eingefroren, weil Apple die Technik nicht schätzt. Zugleich passt das gezielte Videoverbot zu den Restriktionen, mit denen sich das Haus Jobs gern idiosynkratisch hervortut und so auch unter seinen Fans bisweilen Unmut stiftet.
Offenbar ist man sich bei Apple seiner Sache so sicher, dass man die iPad-Nutzer nicht nur zu diesem Verzicht nötigt. Bücher aus dem iBooks Store, der im übrigen alles andere als gut sortiert ist, können auf keinem anderen Gerät gelesen werden, und wer es sich angewöhnt hat, gleichzeitig unterschiedliche Funktionen aufzurufen, muss vom Multitasking wieder zum Singletasking zurückkehren. Musik, Bücher und Videos, jegliche Software liefert ausschließlich und allein Apple. So will es Steve, und so geschieht es. So hält die Firma Apple aber auch Konkurrenten in Schach und sorgt dafür, dass die Nutzer des iPad nicht in anderen Geschäften ihre Einkäufe erledigen. Freiheit des Nutzers? Apple pfeift drauf und setzt stattdessen auf anspruchsvolles Design, Bedienungskomfort, Kultstatus.
Keyboard erscheint, Maus überflüssig
„Pu der Bär“ ist das einzige E-Buch, das es gratis gibt. Es braucht sich vor der gedruckten Version nicht zu verstecken. Was nicht nur mit der Bildschirmqualität zu tun hat, mit den warmen, leuchtenden Farben und den gestochen scharfen Konturen. Ein zarter Wisch mit dem Finger, und schon kräuselt sich elegant die Seite. Ein Sprung von Seite 19 auf 164? Kein Problem, ein kleines verschiebbares Rechteck am unteren Blattrand ist zu Diensten. Im Hochformat gibt es die einzelne Seite zu sehen, im Querformat erscheint das Buch aufgeschlagen. Fünf Schriftarten stehen in zehn Größen zur Auswahl, und wer ein Wort nicht versteht, braucht es nur einzutippen, um in Wikipedia oder Google die Erklärung zu finden. Das Keyboard taucht auf, wenn nötig. Die Maus ist überflüssig.
Aber auch das E-Book per iPad bleibt eine Maschine. Für den Strand ist sie sicher ungeeignet, des Sandes und vor allem der Sonne wegen, die noch die schönsten Bildschirmkontraste verblassen lässt. Aber in der U-Bahn? Wäre da der handliche iPad nicht ideal, um ein Buch oder eine Zeitung zu lesen? Wohlgemerkt: Nicht um den Text von oben nach unten zu schieben, sondern die Seiten von links nach rechts und rechts nach links zu durchblättern, fast wie gewohnt. Und auf dem Sofa und im Bett? Den Bildschirm zu streicheln und damit den neuesten Bestseller herbeizuholen, ohne auch nur aufstehen zu müssen?
Die Revolution ist in vollem Gang
Mit Magie und Revolutionspathos allein ist der iPad nicht, wie von Apple geplant, millionenfach zu verkaufen. Aller Digitalpoeterei und Weltumwälzungsgewissheit zum Trotz muss sich im Alltag ein Werkzeug bewähren, das schon vor seiner Verkaufspremiere die heftigsten Kontroversen hervorrief. Der technologischen Intelligenz, den Techies, ist der iPad viel zu banal. Aber ob es bloß eine bessere Fernbedienung ist oder nicht, ob es zu den Smartphones oder eher zu den Laptops gehören will, ist dem gemeinen Nutzer ziemlich egal. Ihn werden auch nicht die technophilen Ästheten beeindrucken, die das Kunstwerk schon in der Museumsvitrine liegen sehen.
Wie die Geschichte um den nahezu knopflosen iPad ausgeht, bestimmen die Leute, die den Bildschirm des Instruments, das durch Gedanken doch noch nicht zu steuern ist, mit Fingerabdrücken übersäen. Wie schnell sie abzuwischen sind, welche Folgen sie haben und wovon sie Spuren sind, darum geht es jetzt. Der iPad mag Bedürfnisse in uns wecken, von denen wir bisher nichts ahnten. Die grundlegende Frage aber heißt: Passt er in unser Leben? Dass wir nur darauf aus sind, es passend für ihn und sein Angebot von Internet und Email, von Büchern, Videos und Musik einzurichten, wird nicht einmal Steve Jobs sich auszumalen wagen. Die Revolution, die er ausgerufen hat, ist dennoch in vollem Gang.
Werd ich mir nicht kaufen-zu viele Restriktionen
Lukas Werth (lukaswerth)
- 05.04.2010, 14:57 Uhr
Die grundlegende Frage ist: Beugen wir uns der Zensur?
Kai Luers (ftee)
- 05.04.2010, 15:13 Uhr
Kostenlos
Udo Meyer (Nettfaz)
- 05.04.2010, 16:42 Uhr
Nicht so einseitig bitte ...
Thomas Kluge (thkl)
- 05.04.2010, 16:44 Uhr
Iphone Kontra Ipad
perry hagedorn (perryhagedorn)
- 05.04.2010, 17:40 Uhr