30.07.2009 · Senderchef Guido Bolten will mit Sat.1 zurück zu alter Stärke. Fußball, Pocher, Kerner, Sabine Christiansen und Stefan Aust sollen dabei helfen. Und die Seifenoper „Eine wie keine“ mit einer Schauspielerin, die wir so noch nicht gesehen haben.
Senderchef Guido Bolten will mit Sat.1 zurück zu alter Stärke. Fußball, Pocher, Kerner, Sabine Christiansen und Stefan Aust sollen dabei helfen. Und die Seifenopfer „Eine wie keine“ mit einer Schauspielerin, die wir so noch nicht gesehen haben.
Was braucht der Geschäftsführer von Sat.1, um zufrieden zu sein?
Viel Energie, ein gutes Gespür, ein gutes Team – das ich habe – und Leidenschaft fürs Fernsehen.
Mit Leidenschaft fürs Fernsehen war auch die alte Crew von Sat.1 bei der Sache, von der kaum jemand von Berlin nach München mitgegangen ist. Personell hat sich der Sender beinahe komplett verwandelt. Wie haben Sie, wie hat der Sender den Umzug bewältigt?
Mit vielen Gesprächen. Es war eine für alle Beteiligten anstrengende, aber auch wichtige Zeit – und eine große Chance. Wir haben bei Sat.1 jetzt ein neues Team zusammen, das seine Aufgabe mit großem Engagement bewältigen will – und wird.
Sat.1 war der Hauptstadtsender, jetzt sind alle Pro-Sieben-Sat.1ler in München. Bringt das wirklich nur Vorteile?
Es hat viele Vorteile, denn es war nie wirklich leicht mit drei Vollprogrammen an zwei Standorten. Nun sitzen alle in einem Haus, und wir haben einen besseren Austausch, weil Menschen sich sehen und nicht über eine Entfernung von 600 Kilometern miteinander kommunizieren. Nicht zu vergessen: Wichtige redaktionelle Formate des Senders – das Frühstücksfernsehen, das Sat.1-Magazin und die Nachrichten – entstehen nach wie vor in Berlin. Letztere werden von unserem Hauptstadtsender N24 produziert.
Was ist eigentlich die Positionierung Ihres Senders? Sat.1 war der Familiensender und soll es wohl bleiben. Doch hatte man in letzter Zeit den Eindruck, dass das Profil nicht mehr so ganz klar war.
Was meinen Sie mit „letzter Zeit“? Die letzten Monate oder die letzten Jahre?
Ich würde sagen: die letzten Monate.
Da muss ich widersprechen. Sat.1 ist die starke Sendermarke für die moderne Familie. Der Sender hat in den letzten Monaten wieder an Profil gewonnen und gewinnt es weiterhin. Wir bieten nach wie vor breites Familienfernsehen, wollen aber zeitgemäßer sein. Das anstehende Redesign und unser neuer Claim „Colour Your Life“ unterstreichen das. Wir brauchen wieder mehr Innovationen und Sat.1 mehr Relevanz. Daran arbeiten wir.
Relevanz suchen Sie offenbar vor allem über den Fußball. Dafür holen Sie die alte Marke „ran“ aus dem Keller. Hätte es nicht etwas Neues sein dürfen?
Ab Sommer haben wir mit dem größten Live-Paket im deutschen Free-TV den Fußball wieder originär bei uns im Programm und dafür die perfekte Marke gefunden – „ran“. Sie ist in den Köpfen der Zuschauer immer noch verankert und steht für Modernität und Innovation. Das neue „ran“ wird die Zuschauer begeistern. Wir haben mit Johannes B. Kerner, Oliver Welke und Andrea Kaiser ein hervorragendes Moderatorenteam – und mit Franz Beckenbauer den besten Experten, den man sich wünschen kann. Der Auftritt von „ran“ wird sehr modern, unter anderem mit einem besonderen grafischen Analysesystem. Auch das wird Sat.1 helfen, sein Profil zu schärfen und natürlich auch Reichweite zu gewinnen.
Es ist erstaunlich, dass Sie das hinkriegen. Die Gesellschafter von Pro Sieben Sat.1 – die Investoren KKR und Permira – erwarten hohe Renditen und haben die Sender durch die Fusion mit der skandinavischen SBS-Gruppe hoch verschuldet. Abgesehen davon sitzt das Geld angesichts der Krise nicht gerade locker.
Es ist extrem wichtig, dass wir die Uefa Champions League und die Europa League zeigen können. Und wir investieren auch in andere Bereiche des Programms. Von Vorstand und Aufsichtsrat haben wir dafür grünes Licht bekommen. Es gibt also reichlich klare Bekenntnisse, dass Sat.1 wieder der große Sender werden soll, der er einmal war. Natürlich sind das Investitionen, aber sie bleiben budgetär im Rahmen.
Woran liegt es, dass Sat.1 zurückgefallen ist? War der Sender selbst schuld, oder wurde er vom Mutterkonzern nicht vielleicht stiefmütterlich behandelt?
Alle Sender im Konzern werden gleich behandelt. Ich glaube, Sat.1 hat in den letzten Jahren an Selbstbewusstsein verloren. Das hat mit vielen Faktoren zu tun, mit Misserfolgen im Programm etwa, obwohl der Sender immer wieder Neues probiert hat. Es fehlte die Fortune, es gab zu wenige Hits wie die Telenovela „Verliebt in Berlin“. Und sicher hatte es auch etwas mit der Distanz zu tun – der Distanz zwischen Sat.1 in Berlin und den anderen Sendern in München.
Fortune scheinen Sie zu haben. Sie fliegen in der halben Welt herum und sammeln Moderatoren – Oliver Pocher bei der ARD, Johannes B. Kerner beim ZDF, Franz Beckenbauer bei Sky. Zu Kerner haben Sie passenderweise nach einem Fußballspiel Tuchfühlung aufgenommen: nach der Begegnung der Bayern gegen Barcelona – als Kerner fürs ZDF moderierte. Sie lagen auf der Lauer.
Man muss sich Glück auch erarbeiten, das fällt nicht vom Himmel. Es hat mit gesundem Menschenverstand zu tun, mit Wachsamkeit und mit dem regen Austausch mit anderen. Und man muss hartnäckig sein. Franz Beckenbauer habe ich das erste Mal in Lyon angesprochen – es hat sechs Monate gedauert, bis wir im Ziel waren. Bei Johannes B. Kerner war es auch ein Momentum. Er war zwölf Jahre beim ZDF und suchte eine neue Herausforderung. Wir haben uns zwei-, dreimal getroffen, ich konnte ihn wieder für Sat.1 begeistern, und dann ging es relativ zügig. Als er Ausschnitte früherer „ran“-Sendungen sah, leuchteten seine Augen.
Wird Kerner zu „Mister Sat.“? Er präsentiert nicht nur den Sport, sondern bekommt eine eigene Talkshow und mischt in der Unterhaltung mit.
Kerner wird für uns mehr machen als nur Sport. Er moderiert wöchentlich ein Livemagazin von zwei Stunden Länge, mit den Themen der Woche, mit prominenten und nichtprominenten Gästen.
Den Sendetermin gibt es auch schon?
Offiziell noch nicht, aber in unseren Köpfen. Und so groß ist die Auswahl an Tagen nicht. Es wird nicht an den Abenden der Champions League sein.
Und wann kommt Kerner?
Seine Zeit beim ZDF endet am 1. Oktober. Wir können sicher deutlich vor Weihnachten starten.
Oliver Pocher ist schon da.
Ja, er hat sich schon warmgelaufen. Leider mit einer derben 0:13-Niederlage gegen die Bayern. Dafür aber mit einem großartigen Marktanteil von 35 Prozent.
Welche Rolle übernimmt er in Ihrem Moderatorenkabinett?
Oliver Pocher produziert und moderiert für Sat.1 eine klassische Late-Night-Show, aber natürlich mit den überraschenden Ideen, für die er bekannt ist. Er bringt eine Farbe ins Programm, die dem Sender guttut, das sieht man schon jetzt.
Die ARD dachte, sie hätte Pocher im Sack. Dann kam es anders, und der Programmdirektor des Ersten reagierte beleidigt. Welchen Köder hatten Sie denn für Pocher ausgelegt?
Oliver Pocher kam mit einer ganzen Palette von Ideen auf uns zu, wie etwa dem Spiel der Sportfreunde gegen die Bayern. Wir haben uns ein paarmal getroffen, eine gemeinsame Vision entwickelt – und es passte.
Bei den Shows bleibt Kai Pflaume der Platzhirsch?
Sicherlich. Wir starten im Herbst mit ihm die neue Show „Yes we can dance“, eine sechsteilige Eventshow, in der es nicht nur bierernst zugeht. Mit Oliver Pocher denken wir über verschiedene Events nach, mit Johannes B. Kerner bestreiten wir unseren Jahresrückblick. Und Wolfgang und Anneliese alias Anke Engelke und Bastian Pastewka präsentieren für uns die 11. Verleihung des Deutschen Fernsehpreises.
Die Herren Kerner, Pflaume und Pocher tummeln sich im Abendprogramm. Eine echte Durststrecke liegt aber davor – das Vorabendprogramm. Tut sich da was?
Über den Vorabend haben wir lange nachgedacht. Zum Glück lange genug. Unsere Telenovela „Anna und die Liebe“ liegt jetzt über Senderschnitt und holt mit einzelnen Folgen bis zu fünfzehn Prozent. Und da ist noch mehr drin, da bin ich mir sicher. Wir machen aber am Vorabend noch einen neuen großen Schritt: Im späten Herbst starten wir mit der Daily Soap „Eine wie keine“. Die Hauptrolle spielt Marie Zielcke, was uns sehr freut. Sie ist eine hervorragende Schauspielerin, die in diesem Genre bislang noch nicht tätig gewesen ist. Und um es mit Joachim Kosack, unserem Leiter Deutsche Fiction, zu sagen: Sie hat das „Star-Gen“.
Die Krimi-Doku-Soaps „Lenßen und Partner“ und „K 11“ fallen dann weg.
Sie stehen unter Beobachtung.
Der Trend zu sogenannten Doku-Soaps scheint aber generell ungebrochen. Das fiktionale Programm verliert an Boden.
Wir reduzieren die anderen Genres nicht – schon gar nicht die deutsche Fiction. Der Dienstag bleibt bei Sat.1 der Abend für hochwertige TV-Movies, wir werden im nächsten Jahr gleichbleibend viele Erstausstrahlungen haben wie in den Jahren zuvor. Dazu kommen die großen TV-Events – 2010 sind das etwa der spektakuläre Zweiteiler „Die Grenze“ von Teamworx, „Die Säulen der Erde“ mit Natalia Wörner und „Die Wanderhure“ mit Alexandra Neldel in der Hauptrolle. Leider tun sich deutsche Serien immer noch schwer. Die bisherige Erkenntnis: Eine neue, eigenproduzierte Serie darf keine Kopie amerikanischer Formate sein, sondern muss eine originäre Geschichte erzählen. Wie etwa die Serie, die wir mit Annette Frier produziert haben. Sie spielt eine Anwältin ohne eigenes Büro, die ihre Zelte in einem Einkaufscenter aufschlägt. Wir überlegen uns sehr genau, wann und wo wir diese Serie programmieren, da gilt es, behutsam zu sein.
Zur Bundestagswahl machen Sie Politik – mit Sabine Christiansen und Stefan Aust. Das klingt – personell – nicht nach Innovation. Zudem könnte man meinen, dass die beiden, angesichts der Meinungsstärke des einstigen „Spiegel“- Chefs, Gäste gar nicht mehr brauchen.
Von wegen. Wenn uns das von den beiden als herkömmliche Polittalkshow angeboten worden wäre, hätten wir dankend abgelehnt. Sabine Christiansen und Stefan Aust werden mit all ihrer Erfahrung etwas Neues machen, sie werden die Zuschauer aktiv beteiligen, über das Telefon, über SMS, über Webcam. Das wird ein sehr lebendiges Kreuzverhör.
Das, wenn es Erfolg hat, zur Dauereinrichtung werden könnte?
Eine rein politische Talkshow kann ich mir nicht vorstellen. Eine Sendung, die sich mit gesellschaftlich relevanten Themen beschäftigt, schon.
Als Geschäftsführer von Sat.1 werden Sie bei aller Innovationsfreude vor allem am Marktanteil gemessen. Wo liegt Ihre Maßgabe?
Wir liegen jetzt stabil bei elf Prozent, aber mittelfristig sollten die zwölf Prozent drin sein.
Von interessierter Seite wird immer wieder gestreut, Sat.1 könne als Einzelsender zum Verkauf stehen. Haben Sie diese Erfahrung seit Ihrem Amtsantritt auch schon gemacht?
Jetzt, nach dem Umzug, auf die Idee zu kommen, Sat.1 zu verkaufen – absurd. Es gibt in der Gruppe mehr Kooperationen, Synergien und Gemeinsamkeiten als je zuvor. In diesem Fall ist das Ganze mehr wert als die Summe seiner Teile.
Oh - ein neuer "claim"
Christian Becker (cjb-78)
- 31.07.2009, 09:29 Uhr
Anglizismenärger
Wolfgang Körner (oskartheo)
- 31.07.2009, 10:25 Uhr
Schwer erträglich
gisbert heimes (gisbert4)
- 31.07.2009, 10:46 Uhr