Home
http://www.faz.net/-gsb-vyer
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Interview: Richy Müller und Jürgen Vogel „Ein echter Kerl muss Gefühle zeigen“

26.11.2007 ·  Von der Männer-WG zur „Schatzinsel“: Die Schauspieler Richy Müller und Jürgen Vogel sprechen über ihre Vater-Sohn-Beziehung, Klischees über Männer, leichte und schwere Stoffe und ihre Piratenrollen in dem Abenteuerfilm von Pro Sieben.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Von der Männer-WG zur „Schatzinsel“: Die Schauspieler Richy Müller und Jürgen Vogel sprechen über ihre Vater-Sohn-Beziehung, Klischees über Männer, leichte und schwere Stoffe und ihre Piratenrollen in dem Abenteuerfilm von Pro Sieben.

Herr Vogel, stimmt es, dass Sie mit ihrem Piratenkumpan Richy Müller mal eine WG hatten?

Jürgen Vogel: Ja, ist aber ewig her. Richy, wann bin ich nach Berlin gekommen? 1986?

Richy Müller: 1985.

Vogel: Vor „Kleine Haie“ sogar. Ich hatte erst ein Jahr zuvor mit der Schauspielerei angefangen. Bei Richy: Das war so eine Art Asyl für den jungen Kollegen, der damals auch vor der Bundeswehr nach Berlin geflohen ist.

Müller: Jürgen war eine Art Ziehsohn. Ich habe ihn aufgenommen als er siebzehn war und sich dort, wo er gelebt hat, nicht wohl mehr fühlte. Da hab’ ich ihm ein Zimmer im meiner Berliner Wohnung angeboten. Wir hatten zwei Jahre eine Art Vater-Sohn-Beziehung; er war ja noch ein richtiger Bengel und irgendwann hat er sich flügge gemacht.

Als Sie ihn erzogen hatten?

Müller: Eher gequält, durch permanentes Zulabern. Ich war damals am Theater. Dort kreist man ständig um sich selbst, hat nie frei, muss Texte lernen und braucht jemanden, der einen abhört. Hinzu kam, dass ich ihm all meine Erlebnisse erzählt habe, bis er meinte, er könne es nicht mehr hören. Wir haben uns trotzdem extrem gut verstanden, ich hab’ noch mit keinem anderen Menschen so viel gelacht. Bloß irgendwann war es zuviel für ihn und für mich war es gut, dass ich dieselben Fehler nicht mehr bei meinen eigenen Kindern machen musste, dieses ewige Mitteilen.

Vogel: Es war eine gute Zeit. Sehr lustig, aber nicht so versifft, wie man vielleicht denken könnte. Richy ist schließlich sehr ordentlich. Er hat mir das Saubermachen beigebracht, es gab sogar richtigen Frühjahrsputz. Ich bin durch seine harte Schule gegangen, um mit dem Klischee zu brechen, junge Männer können so was nicht.

Und dass sie untereinander ungewaschen, laut, chaotisch sein dürfen.

Vogel: Ist das so? Wir waren jedenfalls keine zwei Raufbolde in einer Wohnung. „Männer“ ist ohnehin eine schwierige Kategorie. Wir sind doch alle ein bisschen beides, Mann und Frau. Ich hab’ auch meine femininen Seiten, wer hat die nicht?

Für „Die Schatzinsel“ durften Sie dagegen ganze Kerle sein.

Vogel: Da darf man das nicht nur, da will man das auch. Also: Das Ganze war natürlich ein Kindheitstraum, ein einziger großer Abenteuerspielplatz, wenn man so will. Fast wie Urlaub, nur dass man ab und zu arbeiten musste und sogar ein wenig Geld dafür bekommt. Trotzdem kommt man danach nicht nach Hause und ruft permanent: boah, war das toll. Man hat eher versucht, Piraten so hinzukriegen, dass es niemanden peinlich wird, trotzdem Spaß macht und man sich beim Zugucken ein wenig gruselt.

Müller: Wenn ein derartiges Kinderspiel so professionell vorbereitet wird, muss man das auskosten. Wer da nicht richtig loslegt und voll aus sich rauskommt, ist selbst schuld. Aber es ist auch harte Arbeit, vor allem körperlich. Wenn man sich mit einer Figur richtig auseinandersetzt, zehrt das aus, obwohl man am Tag nur ein paar Minuten dreht.

Vogel: Einen Piraten hatte ich bislang noch nicht. Wenn mich meine Kinder später fragen, ob ich je einen gespielt habe, kann ich jetzt sagen: na klar! Das ist doch schon was. Aber ich würde auch gern mal einen Western machen, wenngleich das in Deutschland schwierig ist. Oder einen Horrorfilm.

Legt man da als Schauspieler eine Art Wunschrollen-Liste an?

Vogel: Ich würde eher sagen, dass alles, was man noch nicht gespielt hat, automatisch auf dieser Liste landet, sobald es einen zu reizen beginnt. Ganz einfach, weil es extrem langweilig ist, immer nur Krimis oder immer nur Komödien zu drehen.

Müller: Ich lebe eher für den Moment, auch wenn sich Planung manchmal nicht vermeiden lässt, vor allem, wenn man Vater von zwei Kindern ist. Deshalb habe ich keine Ahnung, welche Rolle mir noch fehlt, denn es erscheint mir immer ein wenig vermessen, unbedingt Richard III. spielen zu wollen.

Sie spielen beim SWR bald einen „Tatort“-Kommissar. Spüren Sie Ehrfurcht?

Müller: Ehrfurcht habe ich vor Menschen, die unter Vernachlässigung eigener Träume anderen helfen. Also habe ich keine Ehrfurcht vor Drehbüchern. Aber ich freue mich über jedes, das umsetzbar ist. Trotzdem bleibt selbst das perfekte Buch von den Schauspielern abhängig. Wenn ich etwa in der „Schatzinsel“ Tobias Morettis Rolle als Long John Silver gespielt hätte oder André Hennickes wahnsinnigen Ben Gunn, hätte alles ganz anders ausgesehen.

In der „Schatzinsel“ spielen Sie beide fiese Piraten. Mit welchen Ihrer früheren Rollen ist das vergleichbar?

Müller: So sehr sie sich auch sonst unterscheiden mögen: Ich versuche immer, die besondere Atmosphäre einer Rolle rüberzubringen. Wenn ich mich, wie als Kommunist Karl Hotze in „Nicht alle waren Mörder“, als Feind im „Dritten Reich“ bewege, muss ich vor allem die Angst erspüren, unter dem Dauerdruck der Entdeckung zu stehen. Als Pirat bin ich zwar vogelfrei, kann aber im Grunde tun und lassen, was ich will – töten zum Beispiel. Man kann verschiedene Rollen am ehesten mit der Differenz zwischen einem Tennis- und einem Schachspieler vergleichen. So tun völlig Verschiedenes – am Ende aber sind immer beide ausgelaugt.

Vogel: Das einzig Verbindende zwischen den Rollen: Ich bin immer Schauspieler. Sonst ist alles anders. Bei der „Schatzinsel“ ging es darum, praktisch ohne Sprache physische Präsenz zu entwickeln. So etwas wie den Vergewaltiger in „Der freie Wille“ zu spielen, kann man definitiv nicht ständig machen. Diese Rolle hat mich sechs Jahre meines Lebens gekostet – von der Recherche bis zur Nachbereitung.

Man kann also leichte und schwere Stoffe nicht hintereinander wegspielen.

Müller: Auf keinem Fall. Ich kann das sowieso nicht. Ich brauche generell viel Regeneration zwischen zwei Rollen. Ein einziges Mal habe zwei Filme parallel gedreht, bin dreimal täglich im Flugzeug gesessen und habe hier einen Pfarrer, dort einen ehemaligen Obdachlosen gegeben. Das Resultat war ein Bandscheibenvorfall, das perfekte Signal des Körpers an die Seele. Ich muss zwischen zwei Projekten normales Leben tanken.

Vogel: Ein bisschen Regeneration wäre sicher gut, aber man kann es sich nicht immer aussuchen. Direkt nach „Der freie Wille“ hab’ ich mit Daniel Brühl „Ein Freund von mir“ gedreht, ein witziger Film. Es war äußerst anstrengend, in den neuen Rhythmus zu gelangen, aber man kann sich mit etwas komplett Anderem natürlich auch gut von der Last der vorigen Thematik wegspielen.

Ist Fernsehen in Deutschland noch ein gutes Pflaster für Kerle, bei all den starken Frauenfiguren?

Vogel: Das ist eine Definitionsfrage. Viele Klischees sind doch völlig überholt. Was soll ein echter Kerl sein – einer, der nicht weint? Das ist für mich gerade keiner. Ein echter Kerl muss den Mumm haben, Gefühle zu zeigen. Die wahren Weicheier lassen keine Emotionen zu. Das erfordert nämlich Kraft. Da find’ ich es fast süß, dass diejenigen als harte Kerle gelten, die zum Aggressionsabbau in die Wildnis gehen und Forellen fischen. Dieses Bild stammt noch aus den fünfziger Jahren – und ich werde ja erst vierzig.

Keine Angst davor?

Vogel: Im Gegenteil, ich freue mich darauf und bin froh, keine fünfundzwanzig mehr zu sein.

Müller: Also wenn man mit zwanzig morgens um acht aus der Disco kommt, geht das schon leichter als mit zweiundfünfzig. So lange steh ich da nicht mehr rum, man teilt sich seine Kraft einfach besser ein.

Die Fragen stellte Jan Freitag.

„Die Schatzinsel“ läuft heute und morgen um 20.15 Uhr bei Pro Sieben.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr