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Interview mit Wolfgang Büchner : Beim „Spiegel“ kann man nichts anordnen

In einer lebendigen Diskussion um Themen. Der „Spiegel“ entsteht nicht durch Anordnungen oder gar einsame Entscheidungen des Chefredakteurs. Ein guter „Spiegel“ gelingt durch fundierte, offene und kontroverse Diskussionen mit meinen Stellvertretern, mit den Ressortleitern und der Redaktion. Die besten Argumente setzen sich durch. Wenn dann am Ende zwei Themen gleich stark scheinen und auf den Titel drängen, dann ist natürlich die Chefredaktion gefragt.

Ihr Vorvorgänger Stefan Aust hat gesagt, die wichtigste Aufgabe des Chefredakteurs bestehe darin, zu erkennen, welches die richtige Titelgeschichte ist.

Unbestritten: Was auf den Titel kommt, zählt zu den wichtigsten Entscheidungen. Und auch diese Entscheidung ist das Ergebnis eines Prozesses, wie ich ihn eben beschrieben habe. In dieser Woche haben wir uns für einen Titel über den Papst entschieden, weil wir exklusive Informationen über die erste weltweite Umfrage unter den Gläubigen haben.

Retro, aber mit Aussicht: So gibt sich jedenfalls die Caféteria im „Spiegel“-Verlagsgebäude. Bilderstrecke

Es heißt, wenn der „Spiegel“ gut verkaufen will, hilft im Zweifel immer eine Thema aus der NS-Zeit. Aktuelle Politik dagegen läuft nicht.

Nein, das kann ich so nicht bestätigen. Wenn Sie allein auf Parteipolitik abheben – da wäre es in der Tat schwierig. Aber mein Politikbegriff ist breiter. Die NSA-Affäre ist beispielsweise ein originär politisches Thema. Und die Hefte zum Thema NSA haben sich hervorragend verkauft – weil der „Spiegel“ hier auch nachrichtlich vorne dran war.

Nachrichtlich vorne dran zu sein – das wäre dann das Kriterium des Erfolgs.

Der „Spiegel“ ist ein Nachrichtenmagazin. Also brauchen wir – bestenfalls exklusive – Nachrichten. Aber nicht nur. Jeder „Spiegel“ ist eine Komposition – aus relevanten News, Reportagen, Analysen, Essays, zeitgeschichtlichen Stücken, viel Hintergrund und einer tiefgehenden Titelgeschichte. Das Gesamtkonzept jedes Heftes entscheidet mit über seinen Erfolg. Dass der „Spiegel“ häufiger zitiert wird als alle anderen Medien, zeigt, dass das nach wie vor gut funktioniert.

Dann dürften in Ihrer Redaktion alle zufrieden sein. Die Befürchtung lautete, dass Sie, weil Sie zuletzt Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur waren, für etwas anderes als nachrichtlich getriebene Stücke nichts übrighaben.

Und als ich bei der dpa anfing und von „Spiegel Online“ kam, gab es die Befürchtung: Der Mann macht jetzt gar keine Nachrichten mehr, sondern Geschichten, die online gut funktionieren. In beiden Fällen hat sich die Befürchtung als Irrtum erwiesen. Der „Spiegel“ muss zweierlei haben: exklusive Nachrichten und besonders gute Erzählformen. Wenn es um Nuancen geht, habe ich in einer Ressortleiterrunde gesagt, gilt: Hart recherchierte Geschichten und relevante Nachrichtengeschichten sind ein Must-have. Das heißt aber nicht, dass wir keine besonders gut geschriebenen Stücke brauchen. Der „Spiegel“ ist immer dann am besten, wenn beides zusammenkommt.

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