http://www.faz.net/-gqz-8m5oh

Interview mit Oliver Berben : Jetzt wird sich zeigen, wie gut wir sind

Oliver Berben in den Räumen seiner Produktionsfirma Moovie Bild: Matthias Lüdecke

Wie macht man Fernsehen, über das alle reden? Der Produzent Oliver Berben über moderne Erzählformen, anspruchsvolle Zuschauer und den Grund für die Übermacht amerikanischer Serien.

          Am Montag läuft der erste Teil des Zweiteilers „Familie!“ im ZDF. Sie wollen damit an die Tradition der deutschen Familienserien anknüpfen, wie „Diese Drombuschs“ oder „Das Erbe der Guldenburgs“. Finden Sie das Genre noch zeitgemäß?

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Familienserien waren in Deutschland einmal sehr beliebt und sehr bekannt. Wir haben uns überlegt: Wie würde man so eine Familienserie heute erzählen? Wir machen das nicht klassisch, anhand einer Figur oder an einer Erzählung orientiert, sondern erzählen multiperspektivisch. Es gibt nicht die eine Figur des Patriarchs oder der Patriarchin, sondern eine wie auch immer zusammengesetzte Familie – sei das klassisch, sei das Patchwork. Und jede dieser Figuren hat ihr Zentrum und ihre Geschichte. Die treibende Handlung wird durch die Charaktere vorgegeben. Das in dieser Form zu erzählen, ist für mich das Neuartige. Das ist sehr viel schwerer zu schreiben, es ist auch sehr viel schwerer zu machen, weil Sie sich natürlich, wenn Sie einem einzigen Plot folgen, immer wieder auf ihn verlassen können. Wenn Sie den nicht haben, müssen die Figuren und deren Geschichten so stark sein, dass sie die Zuschauer nicht langweilen.

          Muss man dazu nicht viel überraschender erzählen, mutiger, radikaler? Es gibt ja im Moment ein paar sehr erfolgreiche Familienserien. Aber sie heißen eben heute „Sopranos“, „Breaking Bad“ oder „Game of Thrones“.

          Wir tun uns mit solchen Programmen leider bei der Akzeptanz beim großen Publikum immer noch schwer. Ich bringe immer das „Homeland„-Beispiel. Bei aller Liebe zu dieser Serie: Das interessiert den Großteil der Leute nicht. Nur ein kleiner Teil der Leute sieht sich das an. Und das ist auch okay.

          Iris Berben als Lea Behrwaldt im ZDF-Zweiteiler „Familie!“
          Iris Berben als Lea Behrwaldt im ZDF-Zweiteiler „Familie!“ : Bild: dpa

          Das hält nur in anderen Ländern niemanden davon ab, solche Serien trotzdem zu produzieren. Offensichtlich gibt es ein Geschäftsmodell dafür.

          Genau das ist der Punkt. „Mad Men“ wäre ein weiteres Beispiel: Als die erste Staffel von „Mad Men“ rausgekommen ist, lagen die Zuschauerquoten in Amerika zwischen 500.000 und 700.000 Zuschauern – in einem Land von 300 Millionen Menschen! Das wäre hier quotenmäßig noch nicht mal messbar, so wenig ist das! Es spielt aber keine Rolle, da die Produktion, so wie sie angelegt war, auf einen Markt schielt, der sehr viel größer ist. Die Serie war außergewöhnlich und hatte eine große mediale Präsenz. Aber vor allem wurde sie überall hin verkauft. Da haben wir es mit einer Sprache, die insgesamt „nur“ 100 Millionen Menschen sprechen, natürlich viel schwerer. Das heißt, es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder fangen wir an, auf Englisch zu drehen, was ich nicht für die Lösung halte. Oder wir machen so starke Programme in unserer Sprache, dass sie sich unabhängig davon trotzdem verkaufen. Was ja funktioniert. Nicht mit jedem Programm, aber es ist machbar. Und da müssen wir hin.

          Wo hat es denn funktioniert?

          Wenn wir von eigenen Produktionen reden: bei „Adlon“. Das war wirklich unglaublich, was das für einen internationalen Erfolg hatte und: es war nicht darauf ausgelegt. Oder „Verbrechen“, das war eine der ersten deutschen Serien, die auf Netflix liefen. Es geht.

          Wenn man es mit anderen Ländern vergleicht, nicht nur mit Amerika, auch mit Skandinavien, Israel, Italien, dauert dieser Wandel bei uns aber bemerkenswert lange. Woran liegt das?

          Das liegt vor allem an der Technologie: In Schweden haben Sie zum Beispiel einen Anteil bei der digitalen Nutzung von Musik – um gar nicht erst über Film zu sprechen – von 30 bis 35 Prozent. Bei uns sind es fünf. Das hat etwas mit dem Charakter der Menschen zu tun. Bei uns verkaufen sich auch immer noch DVDs – in Spanien wäre das undenkbar. Das ist auch völlig in Ordnung. Aber es bedeutet eben, dass manche Sachen später kommen. Es ist richtig, dass wir für die Herstellung dieser High-End-Drama-Serien länger gebraucht haben. Das heißt aber nicht, dass wir es nicht können.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

          Mehr erfahren

          Aber wieso braucht man neue Vertriebswege, um ein modernes Programm zu produzieren? Kann man so eine Serie nur für das Nischenpublikum eines Pay-TV-Senders entwickeln?

          Alle Beispiele, die Sie genannt haben, sind eigentlich Nischen- und Genre-Produktionen gewesen, die dann den Crossover hinbekommen haben. Da haben wir uns bisher schwergetan, weil wir gar keine Plattform hatten. Für wen sollten wir das denn machen? Wir haben diese Form der Sender nicht gehabt. Das ist jetzt anders. Jetzt gibt es Netflix, Amazon, Sky Deutschland, die Spartenprogramme von ARD und ZDF, wo plötzlich solche Sachen möglich werden. Jetzt wird sich zeigen, wie gut wir sind. Schaffen wir es, aus einem so spezifischen Programm ein großes Programm zu machen, das sich auch Leute anschauen, die das unter normalen Umständen nicht interessiert hätte? Auf der anderen Seite ist die oft beschworene Vorstellung, dass es kein lineares Fernsehen mehr gibt, auch Unsinn. Sie wären überrascht, wie viele Leute sich noch gerne an ein vorgegebenes Programmschema halten. Das ist effektiv eine Generationenfrage. Da gibt es markante Unterschiede. Wenn Sie sich die viel beachteten seriellen Programmen aus den Vereinigten Statten anschauen, können Sie beobachten, dass die Zuschauer nicht vom traditionellen Fernsehen weggegangen sind. Sondern es sind hauptsächlich Leute, die das Fernsehen noch nie hatte. Für uns ist das erst einmal positiv, weil wir durch die neue Technologie neue Zuschauergruppen generieren. Im traditionellen Bereich haben wir unverändert gute Quoten, auf der anderen Seite haben wir durch die neuen Konsummöglichkeiten neue Gruppen dazubekommen, die vielleicht früher nur Videospiele gespielt haben. Aber es ist noch viel zu früh, um daraus ein statistisch relevantes Plus zu ziehen.

          In der Politik würde man sagen: Das sind die heiß umkämpften Nichtwähler, die wir unbedingt erreichen müssen.

          Es wäre gefährlich zu sagen, jetzt machen wir traditionelles Fernsehen nur noch für die Alten und Streaming-Angebote für das junge Publikum. Sie müssen immer wieder versuchen, sich zu erneuern. Der Zuschauer wird geübter und er ist bessere Qualität gewöhnt. Das müssen wir leisten, das ist unser Aufgabe als Produzenten.

          Fernsehtrailer : „Familie!“

          Das deutsche Fernsehen reagiert auf diese Entwicklung aber eher zaghaft. Man tastet sich langsam vorwärts, was dabei herauskommt sind oft Kompromisse. Kriegt man damit die jungen Leute?

          Nein, mit Kompromissen kriegt man sie nicht. Aber man kriegt sie mit neuen Experimenten und Versuchen – die werden mal glücken, mal nicht. Man muss sich immer wieder neu erfinden. Dafür braucht man die Sender dann stark: Das muss ein andauernder Prozess sein. Oft wird es einmal probiert, geht mittelmäßig aus, dann wird gestoppt. So funktioniert das nicht. Das ist ein Gewöhnungsprozess. Sie müssen immer weiter machen, auch nach Misserfolgen.

          Gibt es den Mut zum Experiment? Bei den Produzenten? Bei den Sendern?

          Ich glaube, dass sich mittlerweile alle verändert haben. Es gab sicher Zeiten, in denen der Mut hier zu suchen war – auch bei uns, auf Seite der Produzenten. Das hat sich massiv verändert – auch deshalb, weil eine größere Konkurrenz da ist: das Abonnentenfernsehen oder das Pay-TV ist nicht mehr nur eine Nische. Das ist für uns gut – aber wir müssen auch liefern.

          Braucht nicht gerade das lineare Fernsehen heute ein ganz spezielles, eigenes Programm? Etwas, das sich die Leute nicht einfach woanders herunterladen können?

          Man muss immer wieder versuchen, ein sogenanntes Want-to-see zu kreieren. Dingen, die es nicht woanders gibt, oder die nur in der Form des linearen Fernsehens funktionieren.

          Szene aus „Terror - Ihr Urteil“ mit Florian David Fitz (li.), Lars Eidinger und Martina Gedeck (re.)
          Szene aus „Terror - Ihr Urteil“ mit Florian David Fitz (li.), Lars Eidinger und Martina Gedeck (re.) : Bild: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Ter

          Das ist auch die Idee hinter der Adaption von „Terror – Ihr Urteil“, dem Theaterstück von Ferdinand von Schirach. Es stellt die Frage, ob man ein Flugzeug abschießen darf, das von Terroristen entführt wurde, die es über einem Fußballstadion abstürzen lassen wollen. Wie im Theater können auch im Fernsehen die Zuschauer am Ende über diese Frage abstimmen.

          Ja, einer der maßgeblichen Gründe, das so zu machen, war zu zeigen, was nur das so oft gescholtene lineare Fernsehen in der heutigen Zeit leisten kann. Wir versuchen eine Diskussion loszutreten, bei der die Leute mitreden wollen. Es geht nicht darum, wie am Ende abgestimmt wird. Sondern darum, dass Sie sich mit anderen Leuten darüber auseinandersetzten.

          Ist das nur ein programmmacherischer Trick? Oder etwas, das irgendeinen Mehrwert hat?

          Mich hat interessiert, wieder einmal diese Lagerfeuer-Atmosphäre hinzubekommen. Über welche Programme wird denn wirklich geredet? Das sind nicht so wahnsinnig viele. Dass man aus „Terror – Ihr Urteil“ eine größere Unterhaltung machen kann, nicht nur den puren Film, war relativ früh klar. Und ich hätte am Anfang gar nicht sagen können, ob das einen traditionellen Sender überhaupt interessiert. Das ist ja eher ein Thema, das einen abschreckt. Es geht um eine schwere Gewissensfrage, Sie können sich da nicht einfach zurücklehnen. Insofern hat es mich natürlich extrem gefreut, dass es bei der Degeto mit Christine Strobl und Sascha Schwingel bzw. bei der ARD mit Volker Herres das Interesse gab, so was zu machen. Das brauchen Sie auch, denn Sie brauchen sehr viel mehr Platz, um so etwas zu einem Gesprächsthema zu machen. Dass das funktionieren wird, sieht man jetzt schon.

          Der Film hat schon im Vorfeld für Diskussionen gesorgt: Die FDP-Politiker Gerhard Baum und Burkhardt Hirsch haben ihn in unserer Zeitung heftig kritisiert und den ARD-Programmdirektor Volker Herres aufgefordert, ihn in dieser Form nicht zu zeigen. Konnten Sie das nachvollziehen?

          Nein. Ich finde es sehr wohl berechtigt, darüber zu diskutieren. Aber jemanden aufzufordern, die Sendung aus dem Programm zu nehmen, das geht in einer Demokratie nicht. Das ist das Einzige, wogegen ich mich verwehre. Aber natürlich finde ich es legitim und gut, kritisch darüber zu sprechen, was so ein Film und so eine Abstimmung bedeuten. Das ist die ganze Idee, warum ich das machen wollte. Mit Verboten erreicht man nichts.

          Die Kritik richtete sich vor allem gegen die problematische Befragung am Schluss. Im Endeffekt, so argumentieren Baum und Hirsch, würden Sie die Zuschauer darüber abstimmen lassen, das Grundgesetz abzuschaffen.

          Damit entmündigen Sie den Zuschauer. Ich halte unsere Bevölkerung nicht für so beschränkt. Und den Film zu zeigen, ohne abzustimmen – was ist das denn für eine Idee? Der demokratische Hebel, der da drinsitzt, wird dann rausgenommen. Und was soll denn das dann sein am Ende? Sollen wir dann einfach aufhören?

          Manche Fragen stellt man aus gutem Grund nicht.

          Aber es ist keine Volksbefragung, die wir hier machen. Es ist weder repräsentativ noch irgendwas. Es ist ein unterhaltendes Programm, was hoffentlich dazu anregt, dass solche Diskussionen geführt werden, nicht mehr und nicht weniger. Wenn ich nach dieser Logik gehen würde, da würde es in der Filmgeschichte langsam eng. Was sagt man denn dann zu einem Film wie „JFK“? Oder zu einem „Tatort“, in dem genau gezeigt wird, wie man einen Mord begeht? So etwas ist ein Eingriff in die Kunst. Was wir machen ist wohlüberlegt und zielt nicht einfach auf einen Effekt ab.

          „Familie!“ läuft am 10. und 12.10. um 20.15 Uhr im ZDF, „Terror – Ihr Urteil“ am 17.10. um 20.15 in der ARD.

          Außerdem laufen im Herbst „Die Schweigeminute“ (31.10., ZDF), „Der Äthiopier“ 21.12 – und Anfang 2017 der Zweiteiler „Das Sacher – Die Geschichte einer Verführung“ (ZDF)

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Comiczeichner spielen Ping-Pong Video-Seite öffnen

          Buchmesse 2017 : Comiczeichner spielen Ping-Pong

          In der Mitte des französischen Pavillons befindet sich das Digitalatelier: hier treffen sich im Rahmen des Programms „Ping-Pong“ französische und deutsche Zeichner zum Austausch: es entstehen Zeichnungen von der Buchmesse, über die Buchmesse und Anderes.

          Union und FDP zuversichtlich nach erster Jamaika-Sondierungsrunde Video-Seite öffnen

          Berlin : Union und FDP zuversichtlich nach erster Jamaika-Sondierungsrunde

          Am späten Mittwochvormittag trafen sich die Spitzen von CDU/CSU und der FDP zu einem ersten Sondierungsgespräch. Nach dem Treffen zeigten sich die Beteiligten vorsichtig optimistisch. Die erste Sondierung zwischen allen vier Parteien inklusive der Grünen steht am Freitag auf dem Programm.

          Topmeldungen

          Eine Fliege auf einem Grashalm bei Burgdorf in der Region Hannover.

          Kommentar zum Insektensterben : Sommer ohne Surren

          Das große Insektensterben zeigt: Die Industrialisierung der Landwirtschaft muss intelligenter weitergehen, als sie begonnen hat. Und vor allem auch nicht naiv.
          Der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy kann im Katalonien-Konflikt auf die Unterstützung aus der Opposition hoffen.

          Konflikt in Spanien : Selten harmonisch

          Von der Minderheitsregierung zur gefühlten großen Koalition: Die Katalonien-Krise eint die Parteien in Madrid. Sie wollen die Wahl ein neues Regionalparlaments in Katalonien.
          Der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi will es bei den nationalen Wahlen im Frühjahr 2018 noch einmal wissen.

          Mehr Unabhängigkeit : Populistische Übung für Berlusconi

          Italienische Regionen wollen mehr Unabhängigkeit und Berlusconi möchte bei den nationalen Wahlen wieder mitmischen. Dafür nutzt er die beiden Referenden für mehr regionale Autonomie.
          Martialische Auftritte wie im September in Estland sind noch möglich, aber die Verteidigungsbereitschaft der Nato lässt zu Wüschen übrig.

          Geheimer Nato-Bericht : Allianz nicht verteidigungsfähig?

          Das Verteidigungsbündnis sei einer Auseinandersetzung mit Russland nicht gewachsen, heißt es in einem geheimen Nato-Bericht, aus dem der „Spiegel“ berichtet. Das liege vor allem an dem Niedergang seit dem Kalten Krieg.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.