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Dokumentarfilmer Hubertus Koch : Mitfühlen, um aus Syrien zu berichten

  • -Aktualisiert am

„In meinem Umfeld“, sagt Hubertus Koch, „war niemand, der über die Menschen dort sprach. Junge Leute meines Alters schauen nicht die ’Tagesschau’, den ’Weltspiegel’ oder das ’auslandsjournal’.“ So zog er los. Bild: Hubertus Koch

Mit „Süchtig nach Jihad“ hat Hubertus Koch eine berührende Online-Dokumentation über ein Lager von Vertriebenen in Syrien gedreht. Ein Gespräch über die Lage in den Lagern, Empathie und die Gefahr der Emotion.

          Was ging Ihnen durch den Kopf, als jetzt das Bild des ertrunkenen Flüchtlingskindes in den Medien auftauchte?

          Ich habe es bei Facebook verbreitet. Solche Bilder sind wichtig, weil sie aufrütteln können. Allerdings habe ich auch an die vielen Bilder toter Kinder gedacht, die man eher so nebenher wahrnimmt. Wenn man sie wahrnimmt.

          Ihr Film „Süchtig nach Jihad“, den Sie im vergangenen Jahr über Syrien drehten und bei Youtube einstellten, setzt ebenfalls auf Emotionalität. Sie weinen sogar darin – als Reporter.

          Ich hielt die Emotionalität für notwendig. Als ich im März 2014 aufbrach, um ein Flüchtlingscamp hinter der syrischen Grenze zu besuchen, spielte das Thema Syrien in der Öffentlichkeit keine Rolle.

          Es wurde doch über Syrien berichtet.

          In meinem Umfeld gab es niemanden, der über die Menschen dort sprach. Junge Leute meines Alters schauen nicht die „Tagesschau“, den „Weltspiegel“ oder das „auslandsjournal“. Ich wurde beim Aufbruch nach Syrien ernsthaft gefragt, ob ich dort „backpacken“ wollte. Man sprach noch nicht einmal vom Schreckgespenst Isis. Das kam erst später, als die IS-Propaganda anfing, die mit emotionalen Bildern und der Dynamik der sozialen Medien arbeitet.

          Filmtrailer : „Süchtig nach Jihad“

          Wenn alle auf Emotion setzen: Müsste man dann nicht erst recht rational bleiben?

          Die Jungen erreiche ich nicht mit einer politischen Analyse. Außerdem gibt es einen furchtbaren Gewöhnungseffekt. Die Leute wissen bestenfalls, dass es in Aleppo nicht so geil sein kann. Mit konventionellen Mitteln breche ich das nicht auf.

          Hätten die Bilder, die Sie aufgenommen haben, nicht für sich gesprochen, wenn Sie einfach die Geschichte eines 53 Jahre alten Familienvaters erzählt hätten, der Hilfsgüter nach Syrien bringt?

          Das dachte ich vor meiner Reise. Ich arbeitete für Sport1 und träumte davon, endlich Dokumentarfilmer zu werden. Mahmoud Dahi ist der Vater einer Kommilitonin. Ich nahm mir vor, ihn über die Grenze zu begleiten. Das Ergebnis wollte ich einem Sender anbieten. Aber der Plan änderte sich, sobald ich in Syrien war. Wenn ich den Film gedreht hätte, wie man es sonst macht, spräche man nicht über ihn. Ich glaube auch nicht, dass man dann nachvollziehen könnte, wie sich ein Flüchtlingslager in Syrien anfühlt.

          Das Ergebnis ist ein Film, in dem Sie mehrfach weinen. Die Kinder, die sie gefilmt haben, sind traurig genug. Oder das Gesicht dieses Mannes, der Sie nach Syrien mitnahm.

          Das Problem bei den Menschen, die solchen Zuständen ausgesetzt sind, ist die Abstumpfung, die sich bei ihnen schon aus Selbstschutzgründen einstellt. Ich ging so unbedarft in das Lager, wie mein Publikum in das Lager gegangen wäre. Deswegen heißt die erste Fassung des Films auch im Untertitel „Der Film eines kleinen Jungen“. Die Leute sollen sich mit mir identifizieren, um mit mir im Lager zu sein - nicht nur „draufgucken“ wie in konventionelleren Filmen.

          „Vor Ort weiß man nicht, wem man trauen kann“: Hubertus Koch
          „Vor Ort weiß man nicht, wem man trauen kann“: Hubertus Koch : Bild: ddp Images

          Unterschätzten Sie nicht die Empathie-Fähigkeit der Menschen?

          Natürlich braucht man die sachliche Berichterstattung. Es kann ja nicht jeder heulend vor der Kamera stehen. Mein Ansatz war der eines engagierten Filmemachers - nicht der eines Journalisten. Ich wollte auf eine humanitäre Katastrophe aufmerksam machen: Wo bleibt die Hilfe? Neulich war ich nach dem schlimmen Erdbeben in Nepal. Dort wimmelte es von Hilfsorganisationen. In Syrien fehlt es an allem. Die Zustände im Lager waren menschenunwürdig.

          Ihr Film ist länger als eine Stunde. Für einen Info-Block, der den Bürgerkrieg erläutert, war trotzdem kein Platz.

          Ich wusste bei der Premiere, dass zu wenig inhaltlich aufgearbeitet wird. Aber ich war nach den vielen Monaten im Schnitt froh, dass überhaupt ein Film fertig war. Und ich lerne ja auch noch dazu (lacht). Der WDR, der auf „Süchtig nach Jihad“ gestoßen war, gab mir die Gelegenheit, eine Dreißig-Minuten-Version zu machen, die im August ausgestrahlt wurde. Die hatte einen kleinen Info-Block. Es ist schon hilfreich, Inhalte mit einer Redaktion besprechen zu können.

          Wurde der WDR aufmerksam, weil die Doku im Internet erfolgreich war?

          Online hatte ich mehr erwartet. Es gab eine Kooperation mit Zqnce, der mit Sachen wie „Shore, Stein, Papier“ viele Hunderttausende erreicht. Aber so groß wurde das nicht. Dass man über den Film spricht, liegt eher an der Mechanik der alten Medien. Ich stellte den Film an der Uni vor, darüber wurde auf wdr.de berichtet, danach sprachen „3sechzig“ und „Stern TV“ mit mir. Auf Youtube haben den Filmanfang bis heute nur 135.000 Leute gesehen, den sechsten Teil nur 38.000. Da habe ich die Aufmerksamkeitsspanne des Online-Publikums wohl überschätzt.

          Spricht man über den Film oder über Sie? Viele Interviews stellen Sie als den Kerl vor, „der mit der Gopro-Kamera durch Syrien reiste“. Da stehen Sie im Mittelpunkt, nicht die Flüchtlinge.

          Das ist ein Dilemma. Einerseits bin davon genervt, immer wieder diese Gopro-Nummer zu hören, als wäre ich da wie ein naiver Student mit der Selfie-Stange rumgelaufen. Viele Fragen beschränken sich auf: „Hattest du Angst?“, „Was hat deine Mama gesagt?“ Genauso schlimm ist das Lob, „authentisch“ zu sein. Sie glauben gar nicht, wie viele Redakteure mich gerade umwerben, weil sie selbst keine Vorstellung davon zu haben scheinen, wie sie junge Leute erreichen.

          Und andererseits?

          Andererseits ist das Medieninteresse eine Folge des gewählten Formats. Das Format funktioniert, wenn über mich und den Film eine Gelegenheit entsteht, in der man über Syrien intensiver nachdenken will. Und bei den Filmvorführungen in Schulen, die ich mache, merke ich sofort, dass das funktioniert. Dann kommen wir zu dem Punkt, an dem es ein echtes Interesse für die Hintergründe gibt.

          Würden Sie heute noch einmal so nach Syrien reisen wie im Frühjahr 2014?

          (lange Pause) Damals war der IS in den Medien nicht derart präsent. Der amerikanische Journalist James Foley war entführt, aber noch nicht enthauptet worden. Erst als ich nach der Rückkehr vor dem Rechner saß und das Material sichtete, knallten solche Geschichten auf mich ein, und ich fragte mich: Alter, was hast du da eigentlich gemacht? Ich bin nicht mitgefahren, als mir Daimler-Benz und „Wings of Help“ vorschlugen, ihren Hilfskonvoi nach Suruç zu begleiten.

          Diese Angst haben viele Auslands-Berichterstatter, die gerne über Syrien und die Grenzregion in der Türkei berichten würden.

          Das ist ein Riesenproblem. Vor Ort weiß man jetzt gar nicht mehr, wem man vertrauen kann. Journalisten sind in diesem Krieg Ziele. Und in Suruç, in der Nähe des Lagers also, in das der Daimler-Hilfskonvoi im Juni fuhr, gab es im Juli tatsächlich einen Anschlag. Im März 2014 fühlte ich mich vergleichsweise sicher, ich hatte mich gründlich vorbereitet und schloss mich einem Menschen an, dessen Projekt schon länger lief.

          Was würden Sie nun als Redakteur tun?

          Es gibt mutige syrische Bürgerjournalisten. Auf die könnte man noch stärker zurückgreifen. Oft kann man diese Leute kontaktieren, um zu überprüfen, woher die Bilder stammen, die im Netz kursieren.

          Was ist aus den Menschen in Ihrem Film geworden?

          Den Kindersoldaten, den ich traf, habe ich einmal in Nachrichtenbildern von irgendeiner Front wiedererkannt. Ein anderer soll sich Terroristen angeschlossen habe, die zahlen wohl gut. Und was die Flüchtlinge im Ganzen betrifft, sehen Sie ja, was gerade los ist.

          Auch das sind emotionale Bilder.

          Verstehen Sie mich nicht falsch: Nur emotional ist gefährlich. Wenn ich im Fernsehen klatschende Leute am Hauptbahnhof sehe, die ankommenden Flüchtlingsfamilien Teddybären in die Hand drücken, wirkt das auf mich wie ein Hype. Das muss man jetzt gesellschaftlich und auch journalistisch in nachhaltige, rationalere Bahnen lenken. Sonst wird kein Schuh daraus.

          Hubertus Koch

          Hubertus Koch, Jahrgang 1989, begann als Student in München für einen Sportsender zu arbeiten. Ende 2013 kam er auf die Idee, den Vater einer Freundin mit der Kamera nach Syrien zu begleiten. Mahmoud Dahi, ein tatkräftiger Mann, der Sachspenden in die Krisengebiete fuhr, nahm ihn mit - bis ins Flüchtlingslager Bab Al-Salameh nördlich von Aleppo. Den Schock, den Koch dort im März 2014 erlebte, verarbeitete er in einer ungewöhnlichen Dokumentation namens „Süchtig nach Jihad“, um, wie er sagt, seine Generation wachzurütteln, die er im Film „Generation Komasaufen“ nennt. Hubertus Koch lebt in Köln.

          Der Sechsteiler Süchtig nach Jihad findet sich auf Youtube, die Kurzfassung Syrien - ein schwarzes Loch in der WDR-Mediathek.

          Quelle: F.A.Z.

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