28.12.2008 · Finanzjournalisten wissen alles, was bereits eingetreten ist. Voraussagen, Krisenwarnungen, Handlungsempfehlungen darf jedoch niemand von ihnen erwarten. Das könnte die ernüchternde, aber doch zu pauschale Selbsteinschätzung einer von der Krise überraschten Branche sein.
Von Rainer HankEinige Zeit vor seinem Tod im Jahr 430 nach Christus schrieb der Kirchenvater Augustinus seine „Retractationes“, eine Art Lebensbeichte, in welcher er alle seine Werke einer kritischen Durchsicht unterzog. Solche „Retractationes“ werden zum Ende dieses vermaledeiten Krisenjahres jetzt auch von den Wirtschafts- und Finanzjournalisten erwartet. Die Wut der Öffentlichkeit ist groß und die Enttäuschung auch. Man kann das gut verstehen. Schließlich sind wir eine Art Wiederholungstäter, ist es doch noch nicht allzu lange her, dass die Blase der New Economy geplatzt ist und all die Aktien in die Knie gingen, die zuvor liebevoll in den Finanzteilen der Zeitungen und Magazine gepäppelt wurden.
Wäre Pathos nicht generell unangebracht, müsste man sagen, in diesem Jahr 2008 seien Glanz und Elend des Wirtschaftsjournalismus offenbar geworden. Wir sind meist schlecht im Vorhersagen, aber dafür gut im Deuten. Wir taugen weder als kleine Wirtschaftspolitiker noch als bessere Unternehmenslenker und schon gar nicht als verkappte Fondsmanager. Und wir sind grandiose Nachplapperer dessen, was gerade en vogue ist. Aber wir haben als Interpreten der Wirklichkeit auch einiges auf dem Kasten, selbst dann, wenn wir mit dieser Wendung der Wirklichkeit nie im Leben gerechnet hätten.
Alles wissen, was der Fall ist
„Intellektuelle sind die besten Spätindikatoren einer Krise“, schreibt mit bissiger Ironie der britische Rechtsanwalt und Investmentbanker Charles Morris: „Sie sind untrügliche Führer zu Wahrheiten der Vergangenheit.“ Morris („The Trillion Dollar Meltdown“) darf sich den Spott erlauben, war er doch einer der wenigen, die diese Krise vorhergesagt haben. Man mag sich scheuen, Medienleute überhaupt zu den Intellektuellen zu zählen. Aber sie sind zumindest darin einander verwandt, dass sie nachher immer alles vorher schon gewusst haben. Heute geben wir uns sogar noch ein bisschen bußfertig und verzagt.
Mehr noch: Als die Preise (für Kredite, Aktien und vieles andere) stiegen, wussten wir Wirtschaftsjournalisten, dass die Preise steigen. Seit die Kurse fallen, wissen wir, dass sie fallen. Sage keiner, wir seien nicht bei der Herde gewesen, im Rausch euphorisch und in der Depression ganz besonders apokalyptisch. Prozyklisch nennt man das gerne: einer quatscht es dem anderen nach.
Eingeschliffene Diskurse
Bis hierher handelt es sich um nichts anderes als das ganz normale Elend des Finanzjournalismus, entschuldbar allenfalls dadurch, dass es irgendwie menschlich ist. Könnten wir die Zukunft voraussagen, hätten wir längst den Beruf gewechselt und wären lieber Milliardäre geworden. Tröstlich ist allenfalls, dass wir uns in unserer Ahnungslosigkeit in bester Gesellschaft befinden: Weder die Makroökonomen noch die klügsten Marktverächter haben damit gerechnet, dass aus einer lokal begrenzten Immobilienkrise eine solch einzigartige Weltwirtschaftskrise werden würde.
Doch diese Krise hat uns auf einem völlig anderen Fuß erwischt. Immer schon haben die Wirtschaftsjournalisten (die meisten von ihnen) die Marktwirtschaft wacker verteidigt, zumal in einem Land wie Deutschland mit langer antikapitalistischer Tradition. Doch gestritten haben wir über Fragen der gerechten Verteilung: Der Markt ist zwar effizient, ungewiss ist jedoch, ob es mit ihm auch gerecht zugeht. Denn der Markt schafft Wohlstand für alle, verteilt ihn aber nicht gleichmäßig an jedermann. Soll man diesen Skandal durch menschlichen Eingriff korrigieren, um dabei Gefahr zu laufen, schlimmere Ungerechtigkeiten zu produzieren? So ungefähr hat sich der Gerechtigkeitsdiskurs in Zeiten der Globalisierung in den vergangenen Jahren eingerichtet.
Krisen gehören dazu
Doch heute geht es gar nicht mehr (nur) um Verteilungsfragen, sondern um eine generelle Instabilität des Systems. Das kam, vorsichtig gesprochen, überraschend; Wirtschaftsjournalisten waren darauf nicht vorbereitet. Denn die „Theorie effizienter Märkte“ der Ökonomen schürte den Glauben, dass in den mathematischen Modellen schon alle Informationen ihren risikoadäquaten Preis erhalten werden. Für die Überführung von Unsicherheiten in berechenbare Risiken wurde zunehmend der Computer zuständig. Dass es Situationen geben könnte, mit denen diese Modelle nicht rechnen, sagt einem zwar der gesunde Menschenverstand, war aber unkorrekt auszusprechen. Schließlich ist es, sieht man von der ein oder anderen Volatilität ab, ja auch noch immer gut gegangen. Verschüttet war das Wissen der Alten, dass Krisen im Kapitalismus zyklisch wiederkehren. Lohnt es sich, diese Instabilität auszuhalten? Und wenn ja, zu welchem Preis und wie oft? Solche Fragen sind neu. Der Markt muss nicht nur seinen Gerechtigkeitsanspruch, sondern auch seine Effizienzbehauptung unter Beweis stellen. Rechtzeitige Lektüre von Marx oder Walter Bagehot hätten helfen können.
Die Wiederkehr sogenannter systemischer Krisen ist die anstößige Überraschung dieses Jahres. Dass Banken mehr oder weniger reibungslos funktionieren, dass Kredite nur ausnahmsweise faulen, dass ein Immobilienmarkt eigentlich eine langweilige Sache ist und dass die Notenbanken die Geldpolitik mehr oder weniger im Griff haben: für all diese langweiligen Wahrheiten hätte man von Wirtschaftsjournalisten noch vor vier Monaten achselzuckende Zustimmung erhalten.
Eine „Theorie der Krise“ steht aus
Dann kam bekanntlich alles anders, und es entstand eine Ausnahmesituation, in der viele Finanzjournalisten überfordert, einige aber als Deuter herausgefordert waren und sich mehr als wacker schlugen. Wer wissen will, warum die globalen Ungleichgewichte der Handels- und Leistungsbilanzen zwischen Amerika und China ein Problem sind, wer verstehen will, warum die Notenbanken machen, was sie noch nie gemacht haben, und warum das Deflationsszenario uns ängstigen muss, konnte und kann getrost bei Benedikt Fehr (F.A.Z.), Nikolaus Piper („SZ“) oder Martin Wolf („Financial Times“) nachlesen: Leute, die ihren Adam Smith und ihren Keynes gelesen haben und nicht nur auf die Bildschirme Bloomberg und Dow Jones starren.
Eher gestört haben hingegen jene liberalen Ökonomen und Journalisten, die eilfertig einwandten, in der Tradition der Sozialen Marktwirtschaft und des Neoliberalismus in Deutschland sei immer schon ein starker Staat vorgesehen gewesen, weshalb es schon gar kein Einwand gegen funktionierende Märkte sei, dass die Staaten jetzt Banken retten und Sparguthaben garantieren müssten. Da ist viel Etikettenschwindel drin. Dass der Staat sich mit Steuergeld an Banken beteiligen und der Notenbankgouverneur die Druckerpresse anwerfen solle, war in der Abteilung „starker Staat“ der Freiburger ordoliberalen Schule nicht vorgesehen. Zum Verständnis der Krise haben denn auch die Theoretiker der Sozialen Marktwirtschaft herzlich wenig beizutragen. Sorry. Auch denen ging es um das Verteilungs-, aber nicht um das Stabilitätsproblem.
Für die „angemessene Behandlung“ dieser Krise müssten im kommenden Jahr die Journalistenpreise ausgeschrieben oder umgewidmet werden; es lassen sich überzeugende Texte finden. Für die „Theorie der Krise“ freilich, die bis heute unverstanden ist, sollte es mindestens einen Nobelpreis geben. Allemal ist Interpretieren lohnender als Moralisieren.
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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