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Internetkonferenz Republica : Wie man Freiheit implementiert

  • -Aktualisiert am

Hier geben Maschinen den Ton an: das Frankfurter Börsenparkett Bild: dpa

Der Börsenmarkt ist heute ein Rechenzentrum, und die übrige Welt auf dem Weg, eines zu werden: Die Datenexpertin Yvonne Hofstetter erklärt auf der Republica, warum intelligente Maschinen unsere Freiheit bedrohen.

          Eigentlich habe sie eine Bronchitis und gehöre ins Bett, hatte die Moderatorin gesagt. Aber Yvonne Hofstetter, Unternehmerin und Spezialistin für intelligente Datenauswertungssysteme, war trotzdem zur Internetkonferenz Republica gekommen, um über intelligente Maschinen im Zeitalter von Big Data zu sprechen. Ihr Vortrag war ein Aufruf und eine Warnung. Trotz krankheitsbedingt reduzierten Stimmeinsatzes vermochte es Hofstetter, die unterschätzten Gefahren ihres komplizierten Gegenstandes deutlich zu machen.

          Das Thema ist kein einfaches. Hofstetter wählte einen anschaulichen Einstig mit einer 3D-Skulptur des britischen Künstlers Luke Jerram, die ein wenig aussieht wie eine liegende Schachfigur. In Wahrheit handelt es sich aber um eine grafische Darstellung der Preiskurve des New Yorker Aktienmarkt der letzten sechzig Jahre. Hofstetter verstand die Skulptur als Metapher dafür, wie Mathematik unser Leben bestimmt und formt. Und das beste Beispiel dafür ist nun einmal der Börsenhandel. Er ist einer  der ersten Bereiche, in dem intelligente Analyseverfahren für Big Data zum Einsatz kamen, wie Hofstetter sie mit ihrer Firma selbst entwickelt und vertreibt.

          Der Markt ist ein Rechenzentrum

          Im Grunde, meinte Hofstetter, sei Big-Data-Analyse nichts Neues. Sie illustrierte es mit einem Vergleich aus dem militärischen Bereich. Auch AWACS-Aufklärungsflüge funkionierten nach dem gleichen dreischrittigen Schema der Datenanalyse: erst Daten sammeln, dann eine Lageanalyse durchführen und dann eine sogenannte Kontrollentscheidung treffen, die im optimalen Fall von der Maschine selbst übernommen wird.

          Wie weit man heute die künstliche Intelligenz solcher Big-Data-Programme treiben kann, zeigt wiederum ein Blick auf die Börse. Im so genannten Hochfrequenzhandel seien heute fast nur noch Maschinen tätig, die mit anderen Maschinen handeln. Achtzig Prozent des Aktienhandels in den Vereinigten Staaten funktioniere mittlerweile so. „Sie dürfen sich die Börse nicht mehr so vorstellen, wie sie Sie im Fernsehen sehen. Es sitzt heute kein Händler mehr vor dem Bildschirm und schaut sich Marktpreise an. Die Preise, die sie auf dem Bildschirm sehen, sind nicht mehr der Markt. Der Markt findet im Rechenzentrum statt“, sagt Hofstetter.

          Die Kritik dieser riskanten Praxis übernahm Hofstetter gleich selbst. Immer mal wieder käme es beim Hochfrequenzhandel zu „Flash Crashs“, also blitzartigen Stürzen der Aktienkurse, die oft unbemerkt bleiben, weil sie innerhalb einer Millisekunde passieren. Hofstetter berichtete von Fällen, in denen Algorithmen sogar die in ihnen eingebauten Sicherheitsmechanismen aushebelten. Insofern gehe ein systemisches Risiko von intelligenten Maschinen aus, vor allem in Zeiten, da diese immer komplexer und lernfähiger werden.

          Gefährliche Eigendynamik

          Hofstetter sprach über die Börsenprogramme fast so, als handele es sich um autonome Wesen, und wahrscheinlich ist das auch nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Intelligente Maschinen, so Hofstetter, würden bald in vielen Bereichen des Alltags zum Einsatz kommen. Denkbar sind intelligente Rollstühle im Gesundheitswesen, die sich durch Hirnströme lenken lassen. Im Finanzbereich wird  schon heute   nachgedacht, wie sich Big-Data-Verfahren zur Risikobewertung eines Kunden nutzen lassen. Denn aus wirtschaftlicher Sicht gilt: Je mehr man über den Kunden weiß, desto besser kann man ihn evaluieren und damit den Profit steigern, den man durch ihn macht.

          Die gefährliche Eigendynamik, die intelligente Maschinen in der Privatwirtschaft entwickeln können, wird dabei nur allzu offenbar. Heute ist das Sammeln und Analysieren von Daten unmittelbar mit dem Profit verknüpft, den ein Unternehmen erzielen kann. Wer am meisten Daten sammelt, hat den größten Wettbewerbsvorteil und am meisten Macht.
          „Wenn ich ein Big-Data-Unternehmen wäre, was würde ich machen, um meine Macht weiter auszubauen?“, fragte Hofstetter das Publikum und gab die Antwort selbst. Dem Kunden etwa intelligente Rauchmelder oder Heizungssensoren oder gleich eine „magische Brille“ verkaufen, die alles scannt, was er zu Gesicht bekommt. Es ist wohl klar, an welches Unternehmen Hofstetter dabei konkret dachte.

          Hofstetter schloss ihren Vortrag mit einem Plädoyer. Nicht nur der Staat, auch die Bürger seien aufgefordert, Forderungen zu stellen, beispielsweise nach einer Erneuerung des Kartellrechts, um den Monopolisierungstendenzen in der Datenwirtschaft Einhalt zu gebieten. Und auch die Entwickler von Big-Data-Programmen müssten ihre Innovationen nicht nur technisch besser machen, sondern auch „unsere Freiheitsrecht in  Applikationen, Anwendungen und Big-Data-Funktionen einbauen.“

          Quelle: FAZ.NET

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