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Internetkonferenz Republica : Die Netzgemeinde lernt, dass es sie nicht gibt

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Tastaturscouts auf Bildschirmsafari: genretypische Impression der Republica 2014, die das Wilde suchte Bild: dpa

Die Republica 2014 wollte eine politische Veranstaltung sein. Und wurde es nicht. Wenn der Funke einmal übersprang, dann in die falsche Richtung.

          Der Plan war gut, seine Durchführung nahezu perfekt. Nur in der Erzählung später stimmte nicht alles. In der kulturell bereits tief verankerten professionellen Lässigkeit, mit der seit Jahren alle im Privaten nützlichen Geräte als Minirevolutionen des Alltags angepriesen werden, warben die Aktionskünstler Jean Peters und Faith Bosworth am Mittwoch auf der Republica für angeblich neue Google-Dinge, Spionagedrohnen für jedermann und Apps für echte Nächstenliebe. Google hat zügig reagiert und per Twitter darauf hingewiesen, dass es sich um eine Hochstapleraktion handelte, mit der das Unternehmen nichts zu tun habe.

          Google wird darüber hinaus aber wohl sehr genau hingeschaut haben. Denn tatsächlich wurde auf der größten Bühne einer der wichtigsten Netzveranstaltungen auch erprobt, was sich Unternehmen erlauben dürften. Die Erkenntnis ist: offenbar sehr viel. Rund ein Dutzend Menschen im Publikum, darunter Jan Josef Liefers, waren in das Schauspiel eingeweiht. Wenn aber nur einer von ihnen mit Zwischenapplaus begann, stiegen große Teile des Publikums blindlings in den Jubel ein.

          Hier hätte also durchaus auch das wahre Google über echte allsehende Miniroboter sprechen dürfen, außer einem Shitstorm in Internetnischen wie Twitter wäre wohl nicht viel passiert. Auf anderen Konferenzen dieser Größenordnung in Deutschland wären die beiden auf der Bühne nicht über ihre Begrüßungsfloskeln hinausgekommen. Auch die Geduld für nachvollziehbare Skepsis hätte niemand aufgebracht. Entweder wäre das Publikum aus Protest gegangen, oder es hätte sich die Bühne im Moment des Geschehens zurückerobert. Nicht so bei der Republica.

          Wende zum Kollektiv

          Nun ließe sich behaupten, viele im Publikum hätten die Aktion durchschaut und wären sofort in das Schauspiel eingestiegen. Kann sein. Aber Erschreckendes war auf der großen Bühne auch schon wenige Stunden zuvor passiert – ohne Pointe. Der Oxforder Jurist Viktor Mayer-Schönberger sprach eine Stunde über die Chancen und Risiken im Big-Data-Zeitalter, ehe er aus dem Publikum gefragt wurde, was er vom Verbotsprinzip halte. Man müsse ernsthaft darüber nachdenken, sagte Mayer-Schönberger, ob es noch zeitgemäß und praktikabel sei, die Bürger darüber entscheiden zu lassen, was mit ihren persönlichen Daten passiere. Man solle stattdessen in Erwägung ziehen, Institutionen des Vertrauens zu schaffen, die Entscheidungen über individuelle Grundrechte kollektiv treffen.

          Das Publikum reagierte auf alle Ausführungen mit frenetischem Applaus. Die Rechtsposition allerdings, die Mayer-Schönberger referierte, entstammte keiner spontanen Überlegung, sondern ist im Laufe der letzten Jahre, in denen in Europa über eine Datenschutz-Grundverordnung diskutiert wird, nach amerikanischem Vorbild gut ausgearbeitet worden: Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung sei eine Vereinbarung zwischen Bürger und Staat, nicht zwischen Bürger und Unternehmen, heißt es unter anderem. Statt den Datenschutz länger als Bestandteil des Persönlichkeitsrechts zu begreifen, soll er dem Wettbewerbsrecht zugewiesen werden. Die Argumente, mit denen Mayer-Schönberger das bekräftigte, zündeten auf der Republica. Auch das werden viele große IT-Unternehmen aufmerksam registriert haben.

          Enttäuschte Erwartungen

          Die gemischten Gefühle, die die Republica hinterlässt, haben mit der Gestaltung des Programms, den Räumlichkeiten und allen sonstigen Gegebenheiten, für die die Veranstalter Verantwortung tragen, nichts zu tun. Die dreihundert Redner und hunderte von Helfern hatten nur ein wenig Pech mit dem Publikum, das Sascha Lobo am Eröffnungstag harsch für seine Tatenlosigkeit beschimpfte, ohne dass es anschließend Mut und Mühen für spontane Taten gezeigt hätte. Die Republica war eine unpolitische Veranstaltung. Das vermochte Edward Snowden aus der Ferne nicht zu ändern. Was den zahlreichen politischen Vorträgen folgt, wird sich zeigen.

          Dennoch gilt jetzt noch mehr als in den Anfangsjahren, dass die Republica eine Internetkonferenz ist. Sie vermittelt bei 7000 Teilnehmern zumindest dieses Gefühl: Diejenigen, die angereist sind, verpassten vieles von dem, was sie sehen wollten; bekamen häufig überhaupt erst im Nachhinein mit, was um sie herum passiert ist. In jeder Minute lockten Ablenkungen, großen Erwartungen folgten zuweilen noch größere Enttäuschungen. Mit Überraschungen war ständig zu rechnen. Und zum Glück für alle, gerade die Anwesenden, wird nichts vergessen. Jeder Vortrag lässt sich im Nachhinein anschauen oder zumindest anhören.
          Darunter waren auch am dritten Tag etliche Perlen, beispielsweise Laura Dornheims Appell, in den Affektstürmen des Internets das eigene Verhalten genau zu prüfen und bei anderen die Kritik am Verhalten sorgfältig von der Kritik an der Person zu trennen - und überhaupt dosiert mit Kritik umzugehen. Das klingt banal, hätte der Piratenpartei aber den Untergang ersparen können.

          Apparate ohne Ethik

          Die Ökonomin Sarah Spiekermann warf die Frage auf, weshalb allein die Hersteller über Gestaltung und Funktionsumfang der technischen Geräte bestimmen dürften, obwohl sie das Leben aller mitbestimmen. Man wisse doch, dass in Technologien Werte stets mit einprogrammiert werden. Nur warum schlagen sich darin allein die Kalküle der Unternehmen nieder und nicht auch eine allgemeine Ethik? Der Podcaster Tim Pritlove sprach über die Fortschritte der Entwicklung des Publizierens von Audioinhalten im Internet. Aber eigentlich ging es schon um die Grundlagen eines künftigen Audiowebs.

          Der Journalist Moritz Metz sprach über die Orte, an denen das Netz lebt. Derartiges vermisste man in den Weiten der „Station“, wo die Republica veranstaltet wurde. Hof und Halle des riesigen Geländes wurden zum Herumlungern genutzt. Das ist gut so, steht aber in deutlichem Kontrast zu vielem, von dem die Anwesenden sagen, dass es nicht reicht, nur darüber zu reden. Am Ende stand der Blogger Felix Schwenzel auf der Bühne, der mit feiner Ironie darüber sprach, wie er gelernt habe, die Überwachung zu lieben. Diese sei gar kein Problem, sondern eine Normalität des Internets. Wer leide denn? Und worauf verweise überhaupt die Frage, ob wir das alles akzeptieren können? Schwenzel schlug einen Vergleich des Kampfes gegen Überwachung mit dem Kampf gegen Diskriminierung vor fünfzig Jahren in Amerika vor.

          Die daraus abgeleiteten, völlig haltlosen Thesen waren sinnbildhaft für den Rahmen, in dem sie aufgestellt wurden. Was die Netzgemeinde für sich in Anspruch nimmt, gilt für die Republica ganz besonders: Es gibt sie eigentlich gar nicht. Es treffen sich nur unzählige Netzmenschen, von denen jeder nachträglich etwas anderes darüber erzählt.

          Aber gerade Felix Schwenzel hat den lange fehlenden roten Faden noch gesponnen: Es geht nicht darum, ein Internet zu haben, sondern darum, sich die Freiheit nicht nehmen zu lassen. Dass nun ausgerechnet der auf grenzenlose Unauffälligkeit bedachte Schwenzel die größte Portion Pathos mit zur Republica brachte, zeigte, wie viel Humor und Konstruktivität in Versammlungen wie dieser stecken könnten, wenn nicht die Mehrheit der Besucher allein damit zufrieden wäre, drei nette Tage in Berlin zu verbringen.

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