18.04.2011 · Die Hackerguerrilla Anonymous begann als als Spaßbewegung und wurde zu einer politischen Bewegung. Wer im Internet den Hass des ungreifbaren Kollektivs zu spüren bekommt, sollte sich in Acht nehmen.
Von Harald StaunEs dauerte nicht lange, bis Aaron Barr bemerkte, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. Monatelang hatte der Geschäftsführer des amerikanischen Sicherheitsunternehmens HBGary Federal an einem Vortrag gearbeitet, in welchem er auf die frappanten Sicherheitsmängel sozialer Netzwerke aufmerksam machen wollte. Um seine These zu beweisen, wollte er zeigen, wie leicht sich sogar Mitglieder identifizieren lassen, denen an absoluter Geheimhaltung gelegen ist, zum Beispiel die Mitglieder der rätselhaften Aktivistengruppe Anonymous. Über das vermeintlich führerlose Internetkollektiv habe er Dinge herausgefunden, die für die Regierung interessant sein könnten, behauptete Barr in einem Interview: die Namen ihrer Anführer, zum Beispiel. 48 Stunden später war der Mann am Ende.
Mit wem er sich da eingelassen hatte, das glaubte Barr dabei genau zu wissen. Welche Energie die Aktionen von Anonymous entfachen konnten, war spätestens seit dem Dezember 2010 allgemein bekannt, als die Gruppe mit Hilfe sogenannter Distributed-Denial-of-Service-Attacken (DDos) die Websites von Firmen wie Paypal, Mastercard und Visa lahmgelegt hatte, weil diese sich geweigert hatten, Spenden an Wikileaks weiterzuleiten. Ähnlich ging es im Januar den Internetseiten der Regierungen von Tunesien und Zimbabwe. Die mächtige Waffe, die Anonymous dabei einsetzte, die sogenannte Low Orbit Ion Cannon, war zwar nur metaphorisch eine Kanone, aber das reichte vielen Journalisten, um laut „Cyberwar“ zu schreien. Seitdem genügt der Hinweis auf „Anonymous“, um den virtuellen Terrorismus zu beschwören, das Bild einer gesetzlosen Hackerarmee, die in dunklen Bunkern ihr zerstörerisches Unwesen treibt.
Barr kannte seine Gegner. Er rechnete nicht nur mit DDoS-Angriffen, er versprach sich von ihnen sogar einen positiven Effekt: Ein paar Stunden würde die HBGary-Seite offline sein, danach weltberühmt. Mit dem Desaster, das stattdessen kam, rechnete er nicht: Anonymous hackte die Seite von HBGary, lud 68.000 E-Mails herunter und veröffentlichte sie im Internet. Die Aktivisten übernahmen Barrs Twitter-Konto und verrieten dort seine Adresse und seine Sozialversicherungsnummer. Ende Februar trat Barr von seinem Posten zurück, und dass er die Angst um seine Familie als Begründung heranzog, das war in diesem Fall ganz sicher keine Floskel.
Der Geist des Nihilismus
Der Triumph über eine hochkarätige Sicherheitsfirma war selbst für die Aktivisten von Anonymous überraschend. Der Rachefeldzug gegen Barr war eine eindrucksvolle Demonstration ihrer Fähigkeiten. Was aber für viele Freunde der Anonymous-Idee noch wichtiger war als der Erfolg, waren die fragwürdigen Methoden, die dabei angewendet wurden: In der Bloßstellung eines unvorsichtigen Großmauls, im schonungslosen Psychoterror, der all jene trifft, auf die sich die Gruppe einmal als Opfer geeinigt hat, darin leuchtete jene eigenwillige Form von Humor auf, die viele Anhänger von Anonymous für das eigentliche Ziel des Kollektivs halten, für seine raison d'être: „the lulz“.
„Lulz“ ist eine Abwandlung des Internetakronyms „lol“ („laughing out loud“), ein Spaß auf Kosten anderer, ein Konzept, ohne welches das Wesen von Anonymous nicht annähernd zu begreifen ist. Für orthodoxe Anonymous-Jünger ist „Doing it for the lulz“ das einzig legitime Motiv zu handeln. Die „Encyclopedia Dramatica“, das unentbehrliche Archiv der Internetkultur, definiert das so: „Genauso wie das Element der Überraschung den körperlichen Akt der Liebe in etwas Schönes verwandelt, verwandelt die Qual eines ausgelachten Opfers lol in lulz und macht es länger, dicker und vergnüglicher. An Lulz beteiligen sich Internetnutzer, die eine große politische, wirtschaftliche oder Umweltkatastrophe zu viel miterlebt haben und es daher als überlegen erachten, dem gegenwärtigen apokalyptischen Zustand der Welt freiwillig mit schadenfroher Soziopathie zu begegnen, statt ständig emotional zu werden.“
Am elementarsten herrscht der nihilistische Geist von „the lulz“ auf „4chan“, dem größten schwarzen Brett im Internet, mit bis zu 450.000 Postings pro Tag. Um Nachrichten auf „4chan“ zu hinterlassen, ist keine Registrierung notwendig, Anonymität ist garantiert. Die Folgen sind denkbar unzivilisiert: Rassistische und sexistische Pöbeleien gehören zum guten Ton, beliebte Bildmotive sind Pornos aller Art oder pubertäre Fotomontagen. Und lustige Katzen. Es war daher kein Zufall, dass eines der bekanntesten Opfer der kollektiven Schadenfreude ein dreizehnjähriger Tierquäler namens Kenny wurde, der den Fehler gemacht hatte, ein Video bei Youtube einzustellen, in welchem er brutal seine Katze misshandelt. Innerhalb eines Tages hatte die Rächer von „4chan“ seinen Namen und seine Adresse ermittelt und den vollen Umfang ihres üblichen Vergeltungsprogramms aufgefahren: Kenny wurde mit Lieferungen von Pizzas und Umzugskartons bombardiert, bekam Gratisbibeln und Taxis vorbeigeschickt.
Anfang als Spaß
Dass ausgerechnet aus jenem Sumpf der Nerdkultur eine Gemeinschaft hervorging, die man durchaus als politische Graswurzelbewegung verstehen muss, stiftet noch immer reichlich Verwirrung. Die Anthropologin Gabriella Coleman von der New York University hat sich ausführlich mit dieser Transformation beschäftigt und diese Woche auf der Internet-Konferenz „re:publica“ in Berlin versucht, der Mystifizierung von Anonymous ein wenig entgegenzuwirken. Glaubt man Coleman, so war bei der Entwicklung der pubertären Witzbolde zur politischen Bewegung viel Zufall im Spiel.
Als im Januar 2008 ein internes Scientology-Video im Internet auftauchte, in welchem ein irrer Tom Cruise die Vorzüge seiner Kirche predigte, war dies zunächst auch nur ein willkommener Grund, um Spott und Hohn und Pizzas an den Absender zu schicken. Das Video, in dem Anonymous Scientology erklärte, man habe entschieden, „dass Ihre Organisation zerstört werden muss“, war aber derart erfolgreich, dass die Spaßvögel gewissermaßen vom eigenen Einfluss überrumpelt wurden. Sogar ein Tag des Protests wurde ausgerufen, auf echten Straßen in echten Städten. Am 10. Februar 2008 geschah das Unfassbare: 6000 Anonymous-Anhänger aus aller Welt setzten sich Masken des britischen Widerstandskämpfers Guy Fawkes auf, wie sie es im Film „V wie Vendetta“ gesehen hatten, und verließen das Internet, von Neuseeland bis Nordamerika. Und nicht alle kehrten dorthin zurück. Coleman beschreibt die Wirkung jener Echtwelterfahrung mit dem Zitat eines Aktivisten: „Ich kam wegen lulz, aber ich blieb wegen der Empörung.“
Mittlerweile ist aus den Scientology-Gegnern, so beschreibt es Coleman, ein eigener Arm von Anonymous geworden; oder besser: ein Tentakel. Aber das Virus des politischen Engagements verbreitete sich weiter. Ende 2010 startete Anonymous die „Operation Payback“ gegen die amerikanische Musikindustrie, seitdem wurden die Themen immer staatstragender, bis hin zu den Angriffen auf die Regierungswebsites von Algerien bis Jemen. Der aktuelle Feind heißt Sony: Das Unternehmen hatte einen Hacker angeklagt, der die Sicherheitssysteme der Playstation geknackt hatte.
Ungreifbare Hassmaschine
Mit den neuen Aufgaben änderte sich auch die Struktur der Gruppe: Koordiniert werden die Operationen in eigenen IRC-Chatrooms, nicht mehr auf „4chan“. Obwohl dadurch schon technisch eine gewisse Hierarchie entsteht, da den Verwaltern der IRC-Server zwangsläufig eine administrative Macht zukommt, bleibt Anonymous als Ganzes ungreifbar. „Es würde nicht viel ändern, wenn man die fünf oder zehn wichtigsten Akteure entfernen würde“, sagt Coleman und tritt damit Berichten entgegen, die die Geschichte von der anarchischen Struktur der Gruppe für ein Gerücht halten. Was Anonymous so unberechenbar macht, ist dabei weniger eine effektive technische Abschottung: Die Chats stehen jedem offen. Und dass sich, zu den Schülern, Hackern und Grafikdesignern, die sich dort treffen, auch regelmäßig Journalisten und FBI-Beamte gesellen, ist auch kein großes Geheimnis. Die Unzugänglichkeit der Anonymous-Welt für Außenseiter ergibt sich eher aus dem Mangel daran, was Coleman als „über lange Zeit erlernte kulturelle Fähigkeiten“ bezeichnet: dem unverständlichen Jargon der „4chan“-Trolle, den Referenzen einer sehr, sehr eigenen Popkultur. Oder auch nur einer gewissen Routine im Umgang mit dem kommunikativen Chaos jener Chatrooms: Man braucht schon einen geübten Blick fürs Wesentliche, wenn Tausende von Teilnehmern gleichzeitig ihre Proteste planen.
Nicht das verschlossene Geheimnis ist die Stärke von Anonymous, sondern die ganz offensichtlich kryptische Natur ihrer Codes, weshalb die Frage nach der Funktionsweise von Anonymous soziologisch viel interessanter ist als kriminalistisch. Dass Anonymous eher eine Idee ist als eine Organisation, sorgt sicher für gewisse Unschärfen: Es ist bemerkenswert, wie wenig das Label „Anonymous“ bisher mit Versuchen zu kämpfen hatte, es für andere Zwecke zu kapern. Denn natürlich kann sich jeder einfach als „Anonymous“ ausgeben. Die „echten“ Mitglieder der Bewegung stehen solchen Risiken ziemlich gelassen gegenüber. Selbst als sich vor ein paar Wochen ein gewisser Barrett Brown in einem Interview mit dem Fernsehsender NBC als Kopf der Gruppe ausgegeben hatte, hielten es nicht alle seiner Genossen für notwendig, den Pizzaservice vorbeizuschicken. Ein Teil hielt Barretts Auftritt für eine nützliche Show zur Irreführung der Medien, ein anderer sogar für ein von Anonymous bewusst geplantes Ablenkungsmanöver.
Die Frage nach dem Wesen eines derart wilden Haufens ist auch deshalb so verwirrend, weil nicht einmal auf die Aussagen der größten Gegner Verlass ist. Zu jenen, die behaupten, die wahren Hintermänner der Bewegung enttarnen zu können, gehören auch Traditionalisten aus der „4chan“-Welt, die den politisch engagierten „Moralschwuchteln“ Verrat an ihren schadenfrohen Prinzipien vorwerfen. Ein Sprecher einer Firma namens Backtrace Security, die angeblich von zwei unzufriedenen Anonymous-Aussteigern gegründet wurde, beschwerte sich neulich in einem Interview vehement über die aktuelle ethische Ausrichtung: „Bei Anonymous ging es nie um Revolutionen. Es ging nie um die Verbesserung der Menschheit. Es ist die Internet-Hassmaschine, oder zumindest sollte es das sein.“
„The lulz“, sagt Coleman, „ist noch immer Teil des taktischen Repertoires.“
Harald Staun Jahrgang 1970, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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