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Dienstag, 18. Juni 2013
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Internet-Plattform MyVideo Jünger, wilder und auf Wunsch im Original

 ·  Pro Sieben Sat.1 ist auf der Höhe der Zeit: Die Tochterfirma MyVideo macht Youtube harte Konkurrenz und wird zum Online-Sender. Erstausstrahlungen sollen für neue Zuschauer sorgen.

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© Schader Fernsehen auf Abruf, im Internet, und das ganz legal: Bei MyVideo laufen manche Serien, die Pro Sieben Sat.1 in petto hat, zuerst. Klassiker ergänzen das Angebot.

Als Pro Sieben im Frühjahr die amerikanische Gladiatorenserie „Spartacus: Blood and Sand“ zeigte, entpuppte die sich am späten Freitagabend als Publikumshit. Ende Juni folgt der Ableger „Gods of the Arena“ auf demselben Sendeplatz. Wer nicht so lange warten will, kann die neuen „Spartacus“-Folgen schon jetzt ansehen - ohne sich dafür in illegalen Tauschbörsen bedienen zu müssen. Seit Anfang des Monats zeigt MyVideo jede Woche eine neue Episode in voller Länge, wahlweise in der deutschen Synchronfassung oder im englischen Original.

Vor sechs Jahren als deutsche Youtube-Konkurrenz gegründet, gehört MyVideo seit 2007 zu Pro Sieben Sat.1 und hat seitdem einen erstaunlichen Wandel durchgemacht. Aus der Clip-Plattform, bei der Nutzer ihre eigenen Videos hochladen können, ist eine Art Online-Fernsehen geworden, bei dem sich inzwischen auch mehr als 25.000 Stunden Serien, Filme und Musikvideos abrufen lassen, die mit Werbung finanziert werden.

Erstausstrahlungen wie „Spartacus“ sollen für neue Zuschauer sorgen. Schon die erste Staffel lief zuerst bei MyVideo, bevor sie zu Pro Sieben kam. Natürlich sei im Haus diskutiert worden, ob man damit der Ausstrahlung im Fernsehen schade, sagt Markan Karajica, Geschäftsführer bei Pro Sieben Sat.1 Digital. „Aber die Erkenntnis aus den bisherigen Versuchen zeigt, dass sich die beiden Wege gegenseitig befeuern.“ Rund fünfzehn Millionen Mal wurden die Folgen der ersten „Spartacus“-Staffel bei MyVideo angesehen, die Quoten bei Pro Sieben waren ebenfalls gut. Karajica sagt: „Offensichtlich sprechen wir da unterschiedliche Nutzergruppen an.“

Resteverwertung oder Fernsehmuseum?

Damit reagiert Pro Sieben Sat.1 auf die veränderten Sehgewohnheiten jüngerer Zuschauer, die sich vor allem im Netz unterhalten lassen. Zugleich steckt hinter dem Versuch die Erkenntnis, dass manche Zuschauer mit dem Mainstream-Programm der großen Sender nicht mehr viel anfangen können. „Beim Fernsehen gibt es immer eine Hürde: der durchschnittliche Marktanteil des Senders“, sagt Karajica. „Eine neue Serie muss mindestens diesen Schnitt schaffen, sonst ist sie nicht mehr so interessant für die Ausstrahlung. Das heißt aber ja nicht, dass sie schlecht ist, sondern nur, dass sie eher ein Nischenpublikum anspricht.“ Genau diese Zuschauer kann MyVideo einsammeln - so wie mit der Rockerserie „Sons of Anarchy“, mit der Anfang des Jahres der „Online First“-Test begann.

Für das laufende Jahr seien drei weitere Premieren geplant, sagt Karajica. Als Nächstes folgt die Serie „American Horror Story“, für welche die Schauspielerin Jessica Lange mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde. Karajica kündigt an: „Bestenfalls haben wir fünf oder sogar sieben Erstausstrahlungen im Jahr auf der Plattform - solange es refinanzierbar bleibt.“ Vor den Videos laufen Werbespots, zwischendrin auch, fast wie im normalen Fernsehen.

Die meisten Inhalte kommen freilich aus dem Archiv der Sender: „Galileo“ und „Germany’s Next Topmodel“, jede Menge Sat.1-Komödien, aktuelle Folgen von Serien wie „Vampire Diaries“ und „Touch“ im Sieben-Tage-Abruf, aber auch Soap-Klassiker wie „Verliebt in Berlin“. Manche Reihen feiern auf der Seite ihre Wiederauferstehung, so wie die ARD-Vorabendserie „Sophie - Braut wider Willen“ mit Yvonne Catterfeld oder die Pro-Sieben-Seifenoper „Mallorca“. Dazu wurden Klassiker wie „Eine schrecklich nette Familie“ und „Bezaubernde Jeannie“ eingekauft. Die kuriose Mischung lässt sich wahlweise als Resteverwertung sehen - oder als Fernsehmuseum, in dem Sendungen wiederauftauchen, die andernfalls für immer im Keller verschwunden wären.

Professionalisierung vor vier Jahren

„Gerade ältere Serien haben oft einen großen Fankreis, den man nicht unterschätzen darf“, sagt Manuel Uhlitzsch, Geschäftsführer der MyVideo-Mutter Magic Internet, die ihren Sitz in Berlin-Mitte hat, mit einiger Distanz zum Münchner Konzernsitz von Pro Sieben Sat.1. Für die Gruppe ist die Plattform eine Bereicherung, weil dort die unterschiedlichsten Strategien ausprobiert werden können, wie sich künftig im Internet mit werbefinanziertem Bewegtbild Geld verdienen lässt und welche Vermarktungsmodelle funktionieren.

Zur DVD-Veröffentlichung kleinerer Kinofilme zeigt MyVideo in Kooperation mit dem jeweiligen Verleih für zwei Wochen den kompletten Film online, erstmals im vergangenen Jahr die Komödie „Miss Nobody“. Im Idealfall lassen sich durch die Aufmerksamkeit nachher mehr DVDs verkaufen. „Wir wissen, dass viele Leute einen Film, den sie mögen, gern auch besitzen und im Regal stehen haben wollen, um ihn immer wieder anzusehen“, sagt Uhlitzsch.

Begonnen hat die Professionalisierung der Plattform vor vier Jahren mit dem Start von MyVideo.tv, einer Art MTV-Ersatz, über den die offiziellen Musikvideos zahlreicher Künstler abrufbar sind. Anders als Youtube hat die Pro-Sieben-Sat.1-Tochter dafür Verträge mit den großen Plattenfirmen abgeschlossen, die an den Werbeeinnahmen mitverdienen. Während Youtube weiter mit der Gema im Clinch liegt und viele Videos auf seiner Seite sperren muss, bietet sich MyVideo als Ausweichlösung an.

Sprungbrett ins Fernsehen

Etwas mehr als die Hälfte der fast neun Millionen Zugriffe im Monat entfallen derzeit auf Serien, Filme und Musik, für die es inzwischen eine eigene Oberfläche gibt. Diese erinnert kaum noch an die klassische Youtube-Ästhetik. Mit den bildschirmfüllenden Videos und den kachelartig angeordneten Inhalten ähnelt MyVideo.tv auch im normalen Browser eher dem Aufbau der Apps auf Mobilgeräten. Bedeutet das mittelfristig das Ende für MyVideo als Clip-Plattform? Nein, sagt Uhlitzsch: „User Generated Content liegt in der DNA von MyVideo - und das wird auch immer so bleiben. Am Anfang sind auch bei uns sämtliche Skateboardunfall-Videos hochgeladen worden, inzwischen gibt es aber den Trend, dass viele Nutzer anspruchsvoll unterhaltende Inhalte produzieren und auf die Plattform stellen. Mit diesen Talenten, die schon semiprofessionell arbeiten, wollen wir verstärkt kooperieren.“

Das haben die Berliner - im Gegensatz zum Konkurrenten, der seit einigen Jahren die „Youtube Secret Talents“ fördert und an den Einnahmen beteiligt - wegen des Umbaus zuletzt vernachlässigt. Das soll sich wieder ändern. Markan Karajica sagt: „Wir wollen ganz bewusst fürs Web produzieren, auf einer professionelleren Ebene, als die Talente das allein könnten. Aber wir konkurrieren noch nicht mit einer klassischen Fernsehproduktion.“ Derzeit würden verschiedene Sendungen pilotiert, etwa ein interaktives Spiele-Magazin. „Im Herbst wollen wir startklar für eine tägliche Live-Strecke sein“, sagt Karajica.

Die könnte für die Nachwuchsunterhalter auch als Sprungbrett ins Fernsehen funktionieren. Aber das ist nicht das vorrangige Ziel. Zunächst einmal geht es um adäquate Unterhaltung fürs junge Netzpublikum. „Die talentierten Leute sollen genauso bleiben, wie sie sind. Wir stecken niemanden in ein Samstagabend-Showkostüm“, sagt Karajica. „Wer die ganze Zeit aus seinem Wohnzimmer mit Palme im Hintergrund produziert hat, kann das genauso weitermachen. Es darf aber gern etwas wilder und jünger sein als im normalen Fernsehen.“

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