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Internet Mit uns die Spamflut

 ·  Mit dem „Projekt Spamkampagne“ wollten Verbraucherschützer und der Bund gegen unerwünschte Werbemails vorgehen. Die Kampagne ist gescheitert - und auch sonst ist an der Spamfront kein Sieg in Sicht.

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„Denn das Sinnen und Trachten des Fleisches“, wusste schon Paulus, „ist der Tod.“ Das löckende Fleisch war es, das den Menschen in die Verderbnis stürzte. Nur Noahs Kleinfamilie entrann der strafenden Sintflut, einsam über die Weltmeere navigierend. Aber noch war nicht aller Surfer Abend, die Art regenerierte. Kaum zweitausend Jahre später zappeln die Fische des Herrn im weltweiten Netz. Und eine neue Plage ist vom Himmel gefallen: Spam. Berstende Posteingangsfächer allüberall. Maßlos ein jegliches Mal die Enttäuschung, dass man nur einen Bruchteil jener Beliebtheit besitzt, welche die Mailbox auf den ersten Blick vorflunkert. Der Rest ist Viagra und Software.

Wieder ist Fleisch im Spiel: Als Kontraktion aus „Spiced Ham“ ist „Spam“ entstanden, das Markenzeichen des amerikanischen Lebensmittelkonzerns Hormel. Metaphernwürde erlangte der komprimierte Dosenschinken durch einen prophetischen Restaurant-Sketch der „Monty Python“-Apokalyptiker aus dem vorspamflutlichen Jahr 1970. Hundertfach fällt hier der Begriff, der ja kaum mehr als Geräusch ist, unterminiert alle Kommunikation. Kongenialer kann man das Spam-Phänomen nicht in bewegte Bilder umsetzen.

Sehr erfolgreich gescheitert

Gegen Geißeln der Menschheit helfen bekanntlich nur Projekte. So kam im Juli 2005 das „Projekt Spamkampagne“ in die Welt. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sorgte für den Unterhalt, die Verbraucherzentralen im Verein mit anderen Vereinen erarbeiteten eine Website, und man forderte alle unfreiwillig Erniedrigten märtyrerhaft auf: Schickt uns euren Spam! Darauf hatte die Welt nur gewartet: Bis zu sechstausend irrlichternde E-Mails knallten den Projektlern Tag für Tag um die Ohren. Jetzt haben die Kampagneros die Waffen gestreckt. Ertrunken sind sie in der Flut von 2,4 Millionen Spam-Botschaften.

Nach der Schließung der überlasteten Beschwerdestelle vor zwei Wochen ließ man zum Jahresende das Projekt auslaufen, ohne eine Verlängerung zu beantragen. Dabei hätte man diese nur zu gern bewilligt, heißt es aus dem Ministerium. Als „sehr erfolgreich“ wertet man dort den Kampf an der Spamfront. Selbst fortführen möchte man „das komplizierte und schwierige Geschäft“ kapazitätenhalber aber nicht: „Das muss ein Verband machen.“

Umstrittenen Bußgeldtatbestände

Der aber hat mehr als genug: „In vielen Fällen konnten wir die Spammer oder deren Auftraggeber nur durch eine aufwendige und zeitintensive Recherche ermitteln“, heißt es resigniert. In ganzen neunzehn Fällen wurden nicht eben schmerzliche Unterlassungserklärungen durch „Spammer“ (deutsch mithin: Dosenfleischer) erwirkt. Weltweit mache Spam inzwischen sechzig bis neunzig Prozent des E-Mail-Verkehrs aus, droht das „Aktionsbündnis“ mit dem Untergang des E-Mail-Lands, und da ist das, was Harry Frankfurter „Bullshit“ nennt, noch gar nicht mitgerechnet. Der Wirtschaftsschaden (wieder ohne Bullshit) betrage jährlich vierzig Milliarden Euro. Vor allem aber könne „das öffentliche Leben beeinträchtigt werden, wie im Jahr 2004, als der Server der Bundesregierung durch Spams blockiert wurde“. Bei Noahs Arche, das ist ein starkes Stück!

Was wir brauchen, ist eine virtuelle Müllabfuhr. Es bleibt die immergrüne, die juristische Utopie: Im geplanten Telemediengesetz sollen nach dem Willen der Spam-Jäger die umstrittenen Bußgeldtatbestände des „verschleierten Absenders“ und der „verschleierten Werbeintention“ festgeschrieben werden. Dass nationales Recht hier wenig auszurichten vermag, ist indes allen Beteiligten klar. Es hülfe wohl nur noch: ein Erlöser.

Der einzig wahre SPAM

Informationstheoretisch ist das Rauschen des Kanals allerdings ohnehin nichts anderes als eben Information. Daher mag Resignation durchaus eine angemessene Strategie sein. Vielleicht sollte man gar einen „Spam Fanclub“ einrichten, wie es ihn in Amerika gibt, freilich auf die essbare Variante bezogen. Die offenbar geschmeichelten „Spam“-Produzenten erklären übrigens auf ihrer Homepage („This is the one and only official SPAM Website“), die massenhafte Verwendung ihres Produktnamens gehe schon in Ordnung. Dem Dosenfutter hat es nicht geschadet. Allerdings sei man nun selbst Opfer von Spammern geworden.

Wer immer E-Mails mit dem erst einmal unverschleiert wirkenden Absender „Spam.com“ erhalten habe, solle wissen, „Spam“ stecke nicht dahinter. Gemeint ist damit wohl: Bitte antwortet nicht! Schickt das lieber den Verbänden oder wer sonst gerade Appetit auf solche Schinken hat.

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