23.11.2008 · Vor fünf Jahren gründete Chris DeWolfe die Internet-Plattform MySpace. Im Interview spricht er über Gewinne mit Online-Gemeinschaften, Lektionen für Google und die Bedeutung von Nachtclubs.
Vor fünf Jahren gründete Chris DeWolfe die Internet-Plattform MySpace. Im Interview spricht er über Gewinne mit Online-Gemeinschaften, Lektionen für Google und die Bedeutung von Nachtclubs.
Herr DeWolfe, mehr als 120 Millionen Leute besuchen MySpace jeden Monat. Wie haben Sie das geschafft?
Wir haben damit angefangen, dass wir ein neues Internetportal bauen wollten, an dem sich Menschen treffen konnten, und zwar um ihre gemeinsamen Interessen herum - ob das nun Musik ist, Ausgehen, Kunst oder Fernsehen. Es sollte für die Menschen wirklich einfach sein, Kontakt zu ihren Bekannten zu halten. Und es sollte für sie einfach sein, neue Leute und neue Dinge kennenzulernen. Musik war davon ein wichtiger Teil.
Warum?
Es gab damals viele Online-Gemeinschaften, aber unsere Konkurrenten haben Bands regelrecht hinausgeworfen und deren Seiten gelöscht. Gleichzeitig wollten wir aber schon immer die Leute anlocken, die in Los Angeles Einfluss haben...
...dort haben Sie MySpace gegründet...
...und dazu gehörten die Musiker, die Künstler und Leute, die Werbung für Nachtclubs machen.
Sie haben wirklich gezielt in Nachtclubs Werbung gemacht?
Wir kannten ohnehin viele Leute, die Künstler waren oder einen Club hatten. Die haben dann mit ihren Freunden über MySpace gesprochen, und einige Club-Besitzer haben ihre Stammgäste zu MySpace-Freunden gemacht. Wenn sich dann in ihrem Club eine Band angekündigt hat, konnten sie allen Stammgästen Bescheid geben.
Und das hat gewirkt?
Bald war es so, dass jeder auf MySpace sein musste, wenn er gerne in den Club ging. Dann fingen die Ersten an, auf der Seite Fotos aus dem Club auszutauschen. So wurde das Ganze zu einem Phänomen der Popkultur: Wenn Sie jemanden getroffen haben, konnten Sie einfach sagen: Wir treffen uns auf MySpace. So sind die Grenzen zwischen der Online- und der Offline-Welt verschwommen, und viele haben mit ihrer persönlichen Seite bei MySpace ihre Offline-Persönlichkeit ergänzt.
Und junge Bands konnten Werbung für sich machen.
Wir haben inzwischen mehr als fünf Millionen Bands auf MySpace. Viele Leute finden jetzt ihre neuen Lieblingsbands auf MySpace. Jetzt haben wir "MySpace Music" gestartet. Dort können unsere Mitglieder kostenlos Musik anhören, und zwar sowohl von den großen Plattenfirmen als auch von wichtigen unabhängigen Labels, die Einnahmen teilen wir uns.
Wann kommt das Angebot nach Deutschland?
In den nächsten drei bis vier Monaten, schätze ich. Da gibt es einige schwierige Fragen um die Lizenzen. Aber Deutschland ist ein wichtiger Markt für uns.
In dem Angebot liegt Ironie: Zuerst haben Sie den Musikern geholfen, ohne Plattenfirma groß zu werden - und jetzt retten Sie die Plattenfirmen vor dem Untergang?
Ich würde nicht sagen, dass wir sie vor dem Untergang retten. Es gab da aber schon eine ungesunde Spannung zwischen Musikfirmen und Technikfirmen wie uns. Dieses Verhältnis wollten wir verbessern. Wir glauben nämlich, dass unsere Nutzer alle Musik hören möchten und nicht wie bisher nur die von kleinen, unabhängigen Labels. Statt gegen die Musikfirmen zu kämpfen...
...damit meinen Sie, dass Sie von großen Plattenfirmen wegen Raubkopien auf MySpace verklagt worden sind?
Wir hatten tatsächlich eine Auseinandersetzung mit Universal Music. Aber all das liegt jetzt hinter uns. Statt miteinander zu kämpfen, haben wir für MySpace Music ein gemeinsames Unternehmen gegründet, in dem wir uns die Gewinne teilen. Damit machen wir den Menschen ein Angebot, die ihre Musik bisher gestohlen haben. Und die Musikfirmen und die Künstler werden dafür bezahlt.
Wie denn, wenn das Angebot kostenlos ist?
Wir verdienen Geld mit Werbung, mit Ticketverkäufen, mit Merchandising-Produkten und auch, indem wir Musik verkaufen.
Warum sollte jemand für die Musik bezahlen, wenn sie gratis ist?
Man kann die Musik nur dann kostenlos hören, wenn man auf MySpace ist. Wer seine Musik mitnehmen will, muss sie kaufen. Aber unsere größte Einnahmequelle ist zurzeit Werbung.
Selbst in den Videos, die Ihre Nutzer hochladen, zeigen Sie Werbung.
Wir können inzwischen jedes Video erkennen, dessen Rechte nicht unseren Nutzern gehören. Aber wir wollten es den Menschen nicht verbieten, solche Videos hochzuladen. Also sind wir zu den Besitzern der Rechte gegangen und haben denen gesagt: Wir können gemeinsam Geld verdienen, wenn wir Werbung an diese Videos hängen. Da hat sich auch das Denken in der Medienbranche sehr geändert. Raubkopierte Musik und Videos gibt es sowieso. Das ermöglicht die Technik, und die kann man nicht bekämpfen. Also ist es besser, wenn man damit Geld verdient.
Das geht aber nur, wenn trotz der Rezession die Werbung nicht ausbleibt.
Darauf müssen wir sicherlich achten. Aber derzeit verdienen wir mit Werbung 17 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Vergleichen Sie das mal mit anderen werbefinanzierten Seiten im Internet, ja mit irgendeiner werbefinanzierten Firma. Vielleicht kommt da noch Google ran, aber sonst niemand. Wir haben jetzt mehr als 300 Leute, die Werbung für uns verkaufen. Und wir haben 250 Leute, die die Technik dafür liefern.
Dabei haben Sie nur ungefähr 1000 Mitarbeiter. Was machen so viele Werbefachleute den ganzen Tag bei Ihnen?
Die entwickeln neue Wege, auf denen wir die Werbung zu den richtigen Nutzern bringen. Einen nennen wir "Hypertargeting": Wir werten aus, was die Menschen auf ihren persönlichen MySpace-Seiten über ihre Interessen schreiben. Wenn Sie eine "Soccer Mom" im Nordosten Amerikas ansprechen wollen, können Sie das tun. Wenn Sie einen Liebhaber von Horrorfilmen suchen oder einen deutschen Sportwagen-Fan - wir finden ihn.
Aber ich will nicht, dass Sie den Firmen solche Dinge über mich erzählen.
Das läuft völlig anonym, der Werbekunde erfährt gar nicht, wem genau wir seine Werbung zeigen. Inzwischen nutzen mehr als 60 Prozent unserer Werbekampagnen diese Technik. Unser Vorteil ist: Wir haben so viele Nutzer, dass die kritische Masse überschritten ist, die solche Werbung für die Kunden interessant macht.
Facebook hat mehr Besucher als Sie. Stört Sie das nicht?
In den Vereinigten Staaten liegen wir noch 50 Prozent vor ihnen. Wir haben nämlich einen anderen Ansatz: Wir konzentrieren uns auf die fünf Länder, die 90 Prozent des Werbeaufkommens machen. In diesen Ländern sind wir viel größer als Facebook. Für die anderen Länder aber wären Server und Datenleitungen so teuer, dass wir dort kein Geld verdienen könnten.
Verdienen Sie denn mit dem ganzen Unternehmen Geld?
Ja, darauf haben wir uns vom ersten Tag an konzentriert. Natürlich wollen wir auch neue Nutzer gewinnen, aber wir wägen dabei zwischen Umsatz und Reichweite ab. Und in solchen wirtschaftlichen Zeiten sind wir darüber sehr froh, denn wir müssen jetzt nicht nach jemandem suchen, der uns zusätzliches Geld gibt. In den vergangenen fünf Jahren hat keine andere junge Firma ein echtes Geschäft mit Internetwerbung aufgebaut.
Welche der anderen Firmen könnte der Abschwung noch erwischen?
Im Prinzip jede, die auf Werbung setzt und jünger als fünf Jahre ist. Im Silicon Valley haben viele gedacht, Umsatz sei nicht so wichtig, weil man immer noch mehr Geld einsammeln kann, Facebook-Chef Mark Zuckerberg zum Beispiel. Sie glaubten, es sei erst mal wichtig, die Nutzer zu finden, ums Geld könnte man sich später kümmern. Das sehen wir anders.
Sie glauben doch nicht, dass Facebook pleitegeht?
Ich kenne deren Finanzen nicht. aber wer so viele Fotos an so viele Nutzer verteilt, hat relativ hohe Kosten. Und wenn er dann nicht genug Umsatz hat, kann es ihm passieren, dass er frisches Geld braucht. Aber ich glaube, Facebook hat so viele Nutzer, dass sie überleben können, wenn sie sich jetzt sehr darauf konzentrieren, Geld zu verdienen.
Sie bekommen einen großen Teil Ihrer Einnahmen von Google.
Google bezahlt Geld dafür, dass sie die MySpace-Suche betreiben und die Werbung darauf verkaufen dürfen, aber das ist nicht der größte Teil unserer Einnahmen. Das meiste verdienen wir mit den Werbebannern auf unserer Website.
Google ist nicht zufrieden mit dem Geld, das es dort verdient.
Es ist ein Unterschied, ob man die MySpace-Seite direkt vermarktet oder die Suchmaschine darauf. Auf der Seite direkt können wir zum Beispiel einbeziehen, welche Interessen ein Nutzer hat und wonach seine Freunde gesucht haben. Vielleicht ist Google es nicht so gewöhnt, solche Dinge zu berücksichtigen. Das Internet wird viel geselliger, und das kann man auch in der Vermarktung nutzen. Wir arbeiten gerade mit Google daran, und ich habe gehört, sie sind mit den Fortschritten sehr zufrieden.
Der Kontakter
Die Online-Gemeinschaft MySpace hat Chris DeWolfe gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Tom Anderson im September 2003 gegründet. Zuvor hatten die beiden schon gemeinsam eine Internet-Marketingfirma betrieben. Der studierte Betriebswirt DeWolfe übernahm die Rolle des Vorstandschefs ("CEO"). Nur zwei Jahre später kaufte Medienunternehmer Rupert Murdoch die Seite für 580 Millionen Dollar, die beiden Gründer blieben trotzdem dabei. Inzwischen ist MySpace der wichtigste Teil von Murdochs Geschäftsbereich "Fox Interactive", doch nicht einmal für den werden genaue Umsatz- und Gewinnzahlen veröffentlicht. Schätzungen deuten auf einen Umsatz in der Größenordnung von einer Milliarde Dollar. DeWolfes Angaben zufolge macht MySpace auch Gewinn. Chris DeWolfe ist 42 Jahre alt.