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Internet-Fernsehen Ein New Yorker Mafioso friert in Norwegen

 ·  Amerikas Fernsehen erwächst im Internet mächtige Konkurrenz. Die Online-Plattformen „Hulu“ und „Netflix“ bieten ansehnliche Serien auf. Eine Mafiastory und eine Politsatire machen den Anfang.

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Wer seine Lieblingsserien im guten alten Fernsehen guckt, der dürfte bald zu den Traditionalisten zählen. Nachdem Networks, Kabel- und Bezahlsender ihre Programme zusätzlich zur Ausstrahlung auf dem Bildschirm im Internet zugänglich machen, drängen nun Online-Videoplattformen wie Netflix und Hulu aggressiv auf den Markt. Die beiden Firmen, die sich bisher auf den Online-Abruf von zuvor im Fernsehen und Kino gezeigten Filmen und Serien spezialisiert hatten, legten kürzlich mit „Lilyhammer“ und „Battleground“ eigenproduzierte Serien vor. Und sie haben weitere hochkarätig besetzte Online-Projekte angekündigt, darunter Originalstoffe und neue Folgen von im Fernsehen gescheiterten Serien.

„Lilyhammer“ handelt von einem New Yorker Mafioso (dem „Sopranos“-Alumnus Steven Van Zandt), der im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms in die norwegische Provinz umgesiedelt wird und sich dort mit Hilfe seiner beruflichen Fertigkeiten – Bestechung, Einschüchterung, Manipulation – eine neue Existenz aufbaut. Produziert wurde die Serie von einem norwegischen Studio fürs norwegische Fernsehen, wo sie seit Anfang des Jahres mit großem Erfolg läuft. Netflix tritt als Kofinanzier auf; seit Februar ist das zweisprachig gedrehte, in weiten Teilen untertitelte Stück online verfügbar. „Lilyhammer“ setzt auf die Kuriositäten kultureller Diskrepanzen – Kleinwagen, Integrationsprogramme und Waffengesetze prüfen die Geduld des Protagonisten. Beim Publikum kommt das an. Netflix hat vor wenigen Tagen verkündet, dass die Serie auch ans französische Fernsehen verkauft worden ist.

Internet-Streaming wird DVD-Geschäft hinter sich lassen

Ebenfalls seit Februar bietet Hulu die pseudodokumentarische Sitcom „Battleground“ nach dem Vorbild der Arbeitsplatz-Farce „The Office“ auf seiner Website zum Abruf an. „Battleground“ ist ein stärker auf das amerikanische Publikum ausgerichtetes Stück, das bei Fox entwickelt und dann fallengelassen wurde. Die Serie dreht sich um das inkompetente Wahlkampfteam einer Politikerin aus Wisconsin, die abgeschlagen auf dem dritten Platz um ein Senatsmandat kämpft. „Ich weiß ja nicht, ob Sie ,Moby Dick‘ gelesen haben oder nicht“, sagt da ein von Selbstüberschätzung besoffener Wahlkampf-Manager, „aber ich bin hier der Käpt’n, die Leute um mich herum bilden die Crew, und die Kampagne – das ist der Hai.“

Zum Haifischbecken ist indes der amerikanische Fernseh- und Videomarkt geworden. Zwischen 2008 und 2011 kündigten 2,65 Millionen Zuschauer ihren Vertrag mit den Kabelanbietern, um stattdessen günstiger bei Netflix, Hulu oder iTunes fernzusehen. Das ist zwar angesichts von mehr als hundert Millionen amerikanischen Kabelfernseh-Abonnenten ein Klacks, aber Experten erwarten, dass Internet-Streaming in diesem Jahr das DVD-Geschäft erstmals hinter sich lassen wird. Und Netflix und Hulu hoffen, mit eigenproduzierten und fortentwickelten Serien neue Abonnenten zu gewinnen, die nach günstigeren Unterhaltungsangeboten jenseits des Kabelfernsehens suchen, das monatlich zwischen 25 und fünfzig Dollar kostet. Netflix- und Hulu-Abonnements kosten weniger als zehn Dollar.

Große Budgets vorerst undenkbar

Noch experimentiert man mit Formaten und Veröffentlichungsstrategien. Netflix, der Leihvideo-Versand, der einen zunehmenden Teil seines Geschäfts mit Online-Streaming macht, huldigt mit seiner Entscheidung, alle acht Episoden von „Lillyhammer“ zugleich zu veröffentlichen, einer Online-Videowelt, in der dem Konsumenten alle Inhalte auf Knopfdruck zur Verfügung stehen. Die amerikanischen Medien zeigten sich prompt irritiert: Wie soll man da noch mit Arbeitskollegen oder Freunden über lang ersehnte Premieren oder Finale diskutieren? Doch der Netflix-Programmchef Ted Sarandos verweist auf die Sehgewohnheiten von Online-Nutzern, die Serien eher verschlingen, als sie zu nach und nach zu genießen.

Hulu dagegen, das Web-Portal, das seit fünf Jahren eine große Bibliothek von Fernsehprogrammen im Netz anbietet, orientiert sich mit der wochenweisen Veröffentlichung von „Battleground“-Episoden zunächst am traditionellen Fernsehen. Generell richtet sich „Battleground“ streng am bewährten Format von „The Office“ aus, während „Lilyhammer“ zweisprachig gefilmt und untertitelt Neuland beschreitet. Aber gerade wenn man sich über etwas freuen will, das man sonst nur auf Filmfestivals zu sehen bekommt, nimmt „Lilyhammer“ mit der kruden Belehrung eines muslimischen Immigranten eine allzu hemdsärmelige Wendung. Und mit hochklassigen Schauwerten kann man nicht aufwarten. In der amerikanischen Fernsehlandschaft sind drei Millionen Dollar pro Episode Standard; im Internet sind solche Budgets vorerst undenkbar.

Neue Projekte in Planung

Aber man wolle den Sendern ja auch weniger die Kundschaft streitig machen, sagte der Hulu-Programmchef Steven Forssell dem Branchenblatt „Hollywood Reporter“, als eine Nische besetzen, in der solche Programme ein Publikum fänden, die für die werbefinanzierten Networks und Kabelsender nicht rentabel seien und die nicht unter dem Prestigedruck der Programme bei Bezahlsendern wie HBO oder Showtime stünden. Hulu arbeitet mit einem zweischneidigen Finanzierungsmodell, das Abonnements für weitreichenderen Zugang mit Werbeunterbrechungen verbindet. Abonnenten von Netflix, das als Videoverleih seinen Anfang nahm, haben ungestörten Zugang zu Online-Videos.

Besonders Netflix, das seine 23 Millionen Kunden mit der Aufsplittung der Abo-Preise für DVDs und Online-Nutzung verärgert hatte, will mit der Konzentration auf Online-Inhalte offenbar eine Rechtfertigung für die Preissteigerung schaffen. Netflix-Vorstand Reed Hastings kündigte an, fünfzehn Prozent des Budgets für Unterhaltungsinhalte für Eigenproduktionen wie „Lilyhammer“ zu verwenden. Zu Hastings Prestigeprojekten gehört mit „House of Cards“ eine Polit-Serie, inszeniert von David Fincher („The social network“) und unter Mitwirkung von Kevin Spacey, die sich Netflix angeblich hundert Millionen Dollar kosten lassen will. Zudem sind dreizehn Episoden einer Horror-Serie namens „Hemlock Grove“ mit Famke Janssen und Bill Skarsgård geplant, die von Eli Roth („Saw“, „The Hostel“) produziert und inszeniert werden soll. Und dann will Hastings noch in diesem Jahr neue Folgen der 2006 abgesetzten Fernsehserie „Arrested Development“ produzieren.

Online-Fernsehen noch in den Kinderschuhen

Hulu, das inzwischen mehr als 1,5 Millionen Abonnenten versorgt, setzt unterdessen auf Dokumentationen wie „Up to Speed“ von dem Filmemacher Richard Linklater („Before Sunrise“, „Fast Food Nation“) und „A Day in the Life“ von Morgan Spurlock („Supersize Me“). Und weitere Online-Konzerne drängen auf den Markt. Yahoo will im Sommer die von Tom Hanks produzierte zwanzigteilige Animationsserie „Electric City“ im Netz debütieren lassen, Amazon plant die Produktion von Comedy- und Kinderstücken, und Youtube will sein professionell produziertes Angebot mit einer Reihe von Spartenkanälen ausbauen, darunter solche, die von Madonna, Jay-Z und dem Wellness-Guru Deepak Chopra gesponsert werden.

Noch steckt das Online-Fernsehen in den Kinderschuhen. Pläne, Steven Spielbergs an Zuschauermangel eingegangener Dinosaurier-Serie „Terra Nova“ bei Netflix eine neue Heimat zu geben, scheiterten gerade offenbar auch daran, dass die beteiligten internationalen Sender dem Videoverleiher Netflix ein solches Projekt nicht zutrauen. Noch nicht.

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