03.04.2009 · Der „International Herald Tribune“ will die Zeitung des Jahrhunderts sein. Optimistisch schwimmt sie gegen den Strom des Stellenabbaus an und erscheint in neuem Design und einem gemeinsamen Online-Auftritt mit der „New York Times“. Dabei verliert sie nicht den Boden unter den Füßen, denn die Zahlen stimmen.
Von Henning Hoff, LondonEs gibt ihn noch, den Optimismus in der Zeitungsbranche. Wer in diesen Tagen mit Verlagsspitze oder Chefredaktion der 1887 in Paris gegründeten International Herald Tribune (IHT) spricht, traut angesichts der aus Amerika und Europa fast täglichen Meldungen von Stellenabbau und Sparrunden kaum seinen Ohren.
„Wir glauben an die Zukunft, auch die von Print“, sagt der Verleger Stephen Dunbar-Johnson, der seit gut einem Jahr die Geschicke des traditionsreichen Blattes lenkt, „wir erleben im Moment eine schwierige Phase, aber die wird bald vorbei sein. Wir bringen uns schon mal in eine günstige Position.“ Alison Smale, die als „executive editor“ die in Paris und Hongkong ansässigen Redaktionen leitet, fügt hinzu: „Auf die Gefahr hin, dass ich so klinge, als hätte ich eine Glückspille geschluckt, aber wir leben in immer globaleren Zeiten, und damit wächst automatisch die Zahl unserer Leser.“
2,2 Millionen Online-Leser
Seit dem 30. März erscheint die IHT in einem neuen Gewand, das stärker an das Mutterblatt „New York Times“ angelehnt ist: übersichtlicher und luftiger, mit neuem Namenszug und größeren Bildern. Unter der Woche ist der Wirtschaftsteil nun am Ende des Buchs zu finden und dominiert statt Sport-, Reise- oder Kultur-Themen auch die Rückseite – eine klare Kampfansage an Konkurrenten wie das Ende 2007 von Rupert Murdoch übernommene „Wall Street Journal“ und die „Financial Times“. Zugleich geht die bislang eigenständige Website IHT.com als „Global Edition“ in dem Internetportal NYTimes.com auf.
„Das geschieht keineswegs aus Ersparnisgründen“, betont Dunbar-Johnson, der darauf verweist, dass die IHT mit zuletzt 2,2 Millionen Online-Lesern in Kombination mit den 7,9 Millionen ausländischen Internet-Besuchern der „New York Times“ auf über zehn Millionen kommt, mehr als etwa die Websites von CNN oder des WSJ, und damit gegenüber Anzeigenkunden ihre Position deutlich verstärkt.
Neues Design und gemeinsame Websites
Die Neuerungen sind nur der jüngste, aber bislang konsequenteste Schritt bei der fortlaufenden Erneuerung des Blattes, seit die „New York Times“ Ende 2003 nach 35 Jahren der gemeinsamen Führung mit der Konkurrentin „Washington Post“ die heute im Pariser Stadtteil Neuilly-sur-Seine beheimatete Zeitung in alleinigen Besitz nahm. Vor fast 122 Jahren hatte der exzentrische Zeitungsbaron James Gordon Bennett das Blatt als europäischen Ableger seines „New York Herald“ nicht zuletzt deshalb gegründet, weil er sich in der High Society der Ostküste unmöglich gemacht hatte und deshalb Paris als Wohnort vorzog.
Seit der vollständigen Übernahme ist die Auflage des Weltblatts, das in 180 Ländern erhältlich ist, um 8000 auf rund 242 000 Exemplare gestiegen (2007) und hielt sich zuletzt offenbar auf dem Niveau. Mit etwa 21 000 verkauften Exemplaren war Deutschland der drittgrößte Einzelmarkt nach Frankreich und Japan. Die Werbeumsätze legten aber bis vor kurzem erheblich zu, um bis zu 40 Prozent, sagt Dunbar-Johnson. Mit dem neuen Design und der Zusammenlegung der Websites soll dieser Trend bei wieder anziehender Weltkonjunktur untermauert werden.
Ein neuer Sturm der Entrüstung?
Die IHT wird dadurch noch klarer, was die Unterzeile seit Jahren behauptet: eine „Globale Ausgabe“ der „New York Times“. Dass von dort Ungemach drohen könnte, glaubt der Verleger nicht. Die finanziellen Probleme des Mutterblattes seien zuletzt übertrieben dargestellt worden und nun vorerst gelöst. Auch in Manhattan herrsche „große, stille Selbstsicherheit“, was die Zukunft des Mediums Qualitätszeitung angehe.
„Wir bringen die Zeitung nur ein bisschen weiter ins einundzwanzigste Jahrhundert, ohne unser Erbe aus den Augen zu verlieren“, erklärt Smale. Die IHT werde ihre eigenen Korrespondenten und Kolumnisten behalten und deren Beiträge weiterhin mit der starken, internationalen Berichterstattung der „New York Times“ verbinden. Allerdings opponieren „Trib“-Leser, wie andere Zeitungsleser auch, oft leidenschaftlich gegen jedwede Veränderung. Als die IHT im vergangenen Jahr ein Soduko-Rätsel einführte und dafür die Comicstrips, ein zunächst umstrittenes Erbe der 1955 eingestellten Ausgabe für die amerikanische Armee in Europa, verkleinerte, brandete ein Sturm der Entrüstung auf. „Ich erwarte auch dieses Mal einen gut gefüllten Postsack“, sagt der Verleger Stephen Dunbar-Johnson.