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Bodyshaming in Serie : Nur wer dünn ist, hat was vom Leben

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Im Verlauf der Serie würden genau die Oberflächlichkeiten entlarvt, die in den ersten Folgen eine so große Rolle spielen. Die meisten Twitter-Beiträger, das ist richtig, hatten nur den knapp zweiminütigen Trailer gesehen, in dem die von „Schrott“ zu „hot“ verwandelte „Fatty Patty“ (Debby Ryan) über ihre Zeit an der Highschool als verachtete Dicke spricht: „Während die anderen ihre Jungfräulichkeit verloren, stopfte ich ein anderes Loch.“ Man sieht sie mit ihrer einzigen Freundin auf dem Sofa Eiscremeeimer leeren. Nachdem sie mit einem Obdachlosen in eine Schlägerei um einen Schokoriegel verwickelt war und im Krankenhaus landete, taucht sie nach den Sommerferien als Barbieblondie mit großen Brüsten und Schönheitskönigin-Ambitionen an der Schule auf – und wird nicht erkannt. Als Dicke (mit unglaubwürdigem „Fatsuit“) war sie unsichtbar oder wurde gequält. Nun schmeißt sich jeder an sie ran – während sie Rachepläne schmiedet und erst einmal vor Gericht als Schlägerin erscheinen muss. Aber sie ist ja nun ganz dünn – und vollkommen neu. Sie kann sein, wer und was sie will, hat alle Optionen. Klassenbeste, Sportskanone, mit den Kiffern rumhängen. Oder sämtliche Misswahlkonkurrenz hinter sich lassen. Während sie als Dicke nur dick und träge sein konnte. Und malträtiert und unglücklich. Und unsichtbar.

Was der Trailer in Kurzform präsentiert, ist repräsentativ. Die Absicht, kritisch mit Gewichtswahrnehmung und Dünnsein als vermeintlicher Voraussetzung erfolgreichen Lebens umzugehen, löst „Insatiable“ bis zum Schluss nicht ein – nicht nur der „Hollywood Reporter“ hatte Schwierigkeiten, sich durch Chaos der Handlung und hundertfache Voiceovers, krudeste Handlung, verunglückte Satire und billigste Witze bis zum Staffelende durchzukämpfen. Die Serie ist unfassbar schlecht geschrieben – und geht unfassbar affirmativ und ernsthaft obsessiv mit ihrem Thema um. Am deutlichsten zeigt sich das in der zweiten Folge mit dem Titel „Schlanksein ist magisch“. Nachdem Patty dreißig Kilo abgenommen hat, weil ihr gebrochener Kiefer nach dem Kampf mit dem Obdachlosen so fixiert werden musste, dass sie nur noch Flüssignahrung zu sich nehmen konnte, entdeckt ihr Verteidiger Bob (Dallas Roberts) ihr Potential. Der nebenberufliche Schönheitswettbewerbscoach, auch ein ehemaliger Dicker, der unter dem Anzug Mieder trägt, hat selbst Rechnungen offen, besonders mit dem Staatsanwalt Bob Barnard (Christopher Gorham), der andauernd textilfrei mit definiertem Oberkörper herumläuft, „um sein Hemd zu schonen“. Coralee (Alyssa Milano), Bobs Frau, engagiert sich für den sozialen Aufstieg gegen Analkrebs, der Sohn hat eine superschöne Freundin, schläft aber auch gern im Auto mit der älteren mannstollen Regina (Arden Myrin).

Die Verrisse der angelsächsischen Fernsehkritiker sind vernichtend. Der „Hollywood Reporter“ betont, nicht die „Fat-Shaming-Kontroverse“ sei das größte Problem von „Insatiable“, sondern Dummheit und Lahmheit. Neben Dickenwitzen gebe es Schwulenwitze und Sexwitze: „banal, abgedroschen, unlustig und ein aufgeblasenes Chaos“. Das klingt harsch, ist jedoch zutreffend. Man muss nicht Lena Dunhams („Girls“) „Body Acceptance“-Agenda unterstützen, um zu sehen, dass „Insatiable“ im Kern bitterernst ist. Dein Wert bemisst sich in den Augen anderer, so die Botschaft. Dicke sind passive Opfer, wer dünn ist, ist entschlossen, begehrt – und unmoralisch wie die „neue Patty“ („Körbchengröße DD“), die mit ihren „heißen“ Reizen schnell lernt, zu bekommen, was immer sie will.

In der letzten Folge rennt sie, Entführerinnen gerade entronnen, in einem absurd unförmigen Wiener-Würstchen-Taco-Kostüm durch den Wald, während Jäger sie mit Blattschuss erlegen wollen. Aus dem „Fatsuit“ ist ein Werbekostüm für Kalorienbomben geworden, aus dem man jederzeit aussteigen kann. Das soll wohl ein kritischer Kommentar sein, versteht aber keiner. Freigegeben hat Netflix „Insatiable“ ab sechzehn Jahren.

Insatiable ist auf Netflix abrufbar.

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