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Veröffentlicht: 25.05.2014, 15:28 Uhr

Webvideopreise Die Besten auf Youtube?

Fans und Groupies stimmen mit: In Düsseldorf wurden die Webvideopreise für Produktionen des vergangenen Jahres vergeben.

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© Webvideopreis Routinierte Fernsehunterhalter: Yoko und Claas führten durch den Abend.

Wer Sorge hat, dass dieses Land zu alt wird, hätte zur gestrigen Verleihung des Webvideopreises kommen sollen. Da hatten sich die Verhältnisse umgekehrt: Vor den Eingangstoren des „Capitol“ in Düsseldorf standen Jugendliche mit überdimensionierten Käppis, Durchschnittsalter etwa zwölf Jahre. Dahinter standen ihre Idole, die Stars der deutschen Youtube-Szene, Durchschnittsalter: etwa zwanzig Jahre.

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Es gab zwar auch ein paar Ältere, allerdings hauptsächlich in einem mit Bauzäunen abgetrennten VIP-Bereich. Sie hielten sich an kostenlosen Mettwurstbrötchen fest und blickten umher wie Tiere im Zoo.Der Webvideopreis ist eine vollkommen jugendliche Veranstaltung. Es gibt ihn seit vier Jahren, und damit ungefähr so lange, wie es nennenswerte deutsche Youtube-Künstler gibt. In kürzester Zeit haben sich Comedians wie „Y-Titty“, „LeFloid“ oder auch „ApeCrime“ ein Millionenpublikum erkämpft und ihre Kanäle zu Bastionen der Unterhaltungskultur aufgebaut. Im Windschatten dieser Erfolge hat auch der Webvideopreis an Bedeutung gewonnen. Das ist allerdings nicht nur gut.

Jury und Zuschauer prämieren

Aber erst einmal zum Positiven: Mit dem Webvideopreis sollen, analog zum Fernsehpreis oder den Oscars, die besten Youtube-Videos des letzten Jahres prämiert werden. Die Kategorienamen sind vom Internetslang inspiriert: In „Lol“ werden Comedy-Videos ausgezeichnet, in der Kategorie „Epic“ oder „Win“ Videos mit Knalleffekt und epischem Charakter. Ihre fehlende Trennschärfe hat dem Preis bisher nicht geschadet. Kennern bestätigte er herausragende Leistungen der Youtube-Szene, Laien brachte er sie näher.

© Manniac Nominiert in der Kategorie FYI (For your information) und EPIC

Die Gewinner werden in einem besonderes Wahlverfahren ermittelt: zur Hälfte von der Jury, die sich aus ehemaligen Webvideopreisgewinnern zusammensetzt, zur Hälfte von den Zuschauern, die täglich im Netz für ihre Favoriten abstimmen können. Das klappte lange ziemlich gut. Und zwar solange, wie man noch von einer „Youtube“-Szene sprechen konnte; solange also, wie sich die Videokünstler kaum voneinander unterschieden, alle gleich professionell oder amateurhaft arbeiteten und die gleiche Menge an Fans mobilisieren konnten.

Enttäuschende Gewinner

Das aber hat sich geändert, und so geriet der Preis in diesem Jahr erstmals an Grenzen. Die Moderatoren traf daran keine Schuld: Yoko und Claas leiteten durch die Höhen und Tiefen der Veranstaltung, so gut es ihnen ihr Fernsehhandwerk erlaubte. Sie begannen den Abend mit einem fingierten Zwiegespräch hinter der Bühne. Was sie denn heute machen sollten, fragte Yoko; Claas antwortete: das ganze Internet sei gekommen. Er solle wenigstens so tun, als würde er sich Mühe geben. Als später ein befreundeter Rapper von „Kollegah“ seine Hosen runterließ, sagte Claas: „Ich glaube, du passt besser zum Fernsehen“. So viel Selbstironie hatte man den beiden gar nicht zugetraut. 

Aber auch ihr Unterhaltungswert änderte nichts an den enttäuschenden Gewinnern. Dass der Rapper „Kollegah“ mit seinem neuen Youtube-Kanal „Bosshaft“ den Preis in der Kategorie „Newbie“ gewinnen konnte, war noch berechtigt, dass er mit seinem Musikvideo „Armaggedon“ aber auch noch die Kategorien „Epic“ und „AAA“ gewann, nur noch peinlich. Nicht, weil er einen Skandal anzettelte und dann mit pubertären Lächeln genoss. Pubertät ist ja gewissermaßen ein Grundpfeiler des Webvideopreises. Sondern, weil er nur durch das aggressive Wahlverhalten seiner Fans und Groupies gewonnen hatte.

Die Realität des Fernsehens

Nachdem Kollegah auch den dritten Preis abgeräumt hatte, kommentierte Claas die Buhrufe aus dem Publikum so: die Leute hätten nun einmal abgestimmt, das sei die Realität. Aber das ist falsch. Denn es ist vor allem eine Realität des Fernsehens, die nun auch im Internet Einzug hält. Wozu braucht es überhaupt einen Webvideopreis, wenn am Ende das Video gewinnt, das am meisten geklickt wird? Dafür würde Youtube reichen. Aber es scheint, als steige mit der Bedeutung einer Veranstaltung immer auch die Bedeutung der Quote.

Großartige Videos, wie etwa Manniacs Exkurs zum Überwachungsstaat, gingen deshalb leer aus, obwohl gleich in zwei Kategorien nominiert. Das ist für Videos aus dem Jahr der Snowden-Enthüllungen ein ziemliches Armutszeugnis. Zwar enttäuschten nicht alle Gewinner und „Dr. Allwissend“ wurde nach zwei Nominierungen im letzten Jahr endlich ausgezeichnet. Auch in der Kategorie „Win“ gab es einen überzeugenden Sieger: einen Werbefilm, der einen Münchener Obsthändler wie ein riesiges, globales Unternehmen vorstellt.

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Trotzdem müssen sich die Veranstalter des Webvideopreises fragen, ob sie in Zukunft stärker auf ihr eigenes Urteil vertrauen wollen. Oder ob sie sich ihre Gewinner weiter von täglichem Voting vorgeben lassen. Dann nämlich unterscheidet sie nichts mehr vom Fernsehen.

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