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TV-Film „Im Zweifel“ : Liebe und Misstrauen

  • -Aktualisiert am

Finden Gemeinsamkeiten: Die Pfarrerin (Claudia Michelsen) und der Kommissar (Thomas Loibl). Bild: ARD Degeto/Piotr Pietrus

Es war doch alles so schön: Die Pfarrerin Judith begeistert ihre Gemeinde, ihr steht eine steile Karriere bevor. Doch dann passiert ein Unfall, zu dem sie als Notfall-Seelsorgerin gerufen wird. Und alles gerät aus den Fugen.

          Die Eröffnungssequenz hat Schauwert. Ponys grasen auf einer Wiese im Mondlicht. Die Kamera (Leah Striker) bleibt auf dem Idyll stehen. Von rechts oben fliegt ein Funkenregen ins Bild, in Zeitlupe gefolgt von einem demolierten, sich überschlagenden Auto, das nach Aufprall, Zersplitterungen und weiteren Zuckungen liegen bleibt. Kein Ton begleitet diese Szene. Nur an- und abschwellende Kirchengesänge einer strengen, der lutherischen Liturgie. Gleich ist auch der Gottesdienst zu Ende.

          Der Unfall ändert alles

          Ein Verkehrsunfall. Zwei junge Leute, der Fahrer ist schwer verletzt, das Mädchen, vom Beifahrersitz geschleudert, stirbt den Notärzten unter den Händen weg. Parallel geschnitten die Feier des Gottesdienstes in der nahe gelegenen Kirche. Das letzte Brausen der himmlischen Gesänge, begleitet von der aufjubelnden Orgel. Der Trost der Feier aber täuscht. Hier ist etwas eingebrochen in die Gegenwart dieses Films, eine Gegenwart, in der die Menschen im ländlichen Brandenburg in intakten Familien leben, Kinder großziehen und in der Kirche bei der Pfarrerin Halt suchen. Pfarrerin Judith Ehrmann (Claudia Michelsen) predigt nämlich so, dass es die Leute berührt, besonders die jungen, heißt es. Sie kommt an, soll womöglich Landesbischöfin werden. Sie steht für eine moderne Kirche. Ginge es nach ihrem Förderer Theo Schwarzenberg (Thomas Thieme), könnte sie eine steile Karriere machen. Ihre Radioansprachen hören sich auch die Atheisten an, selbst der desillusionierte Kommissar Minow (Thomas Loibl).

          Der Verkehrsunfall aber, zu dem die Pfarrerin als Notfallseelsorgerin gerufen wird, verändert für sie alles. Aus ihrer Glaubensgewissheit wird Zweifel, aus der Selbstverpflichtung zum Dienst an der Wahrheit wird geschmeidiges Lügen. Am Unfall war ein schwarzer Kombi beteiligt, dessen Kotflügel beschädigt sein muss. Der Fahrer kümmerte sich nicht um die Verletzten, er beging Fahrerflucht. Ehrmanns Ehemann Christoph (Henning Baum) besitzt so einen Wagen, er und der Sohn Paul (Jordan Dwyer) bleiben zunächst unerreichbar, das Auto ist verschwunden.

          Aelrun Goettes Film „Im Zweifel“ bewegt große Themen. Es geht um Vertrauen, Loyalität und nagende Missgunst. Es geht darum, wie einem die Gewissheiten und Beziehungen fremd werden, aber nicht das allein. Aelrun Goette, die mit „Die Kinder sind tot“ und „Unter dem Eis“ bemerkenswerte Filme vorgelegt hat, die aber schon in dem Missbrauchsdrama „Keine Angst“ der übertriebenen Emotionalisierung nicht widerstehen konnte, begibt sich auf das Gebiet wenn nicht der theologischen, so doch zumindest der moralisch-praktischen Problematisierung des Zweifels.

          In den Radioansprachen der Pfarrerin geht es um Paulus’ berühmte Briefe an die Korinther. Das Hohelied der Liebe wird gesungen, aber schon hier scheitert das Drehbuch in theologischer Hinsicht krachend (Dorothee Schön, Bearbeitung Aelrun Goette), indem Glaube, Liebe, Hoffnung umstandslos bloß auf die zwischenmenschlichen Beziehungen bezogen werden. Nun ist gegen einen säkularisierten Vortrag dieses Gehalts nichts zu sagen. Im Zweifel sein heißt Verrat an der Liebe und gehört doch zur menschlichen Liebe dazu, macht uns erst, gut lutherisch, gnadenfähig. So weit, so gut.

          Am Wagen ihres Mannes findet sie verdächtige Spuren: Claudia Michelsen spielt die Pfarrerin Judith.

          Angestrengt aber will der Film mehr sein als eine Geschichte über Liebe und Verzeihen, über Perfektionismus, Überforderung als Vorbild und menschliche Schwachheiten. An der theologischen Frage jedoch verhebt er sich gründlich. Im Gehalt zu dürftig, in der dramaturgischen Linienführung zu salbungsvoll, das Ende zu flauschig. Dass Glauben wider den Augenschein eine Zumutung ist und bleibt, bezeugt allein das wie immer überzeugende Spiel von Claudia Michelsen. Dagegen ist Henning Baum als klavier- und orgelspielender Schöngeist, obwohl man ihn am Flügel irgendwie unbehaglich herumrutschen sieht, leider unvorstellbar.

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