http://www.faz.net/-gqz-8lkm6

„Bergfried“ im Ersten : Ein Alm-Öhi macht noch keine heile Welt

Seinem Enkel Robert (Kieran Lux) ist der alte Stockinger (Peter Simonischek) ein liebevoller Großvater. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Bild: BR/Ziegler Film/Epo Film/Petro D

Vergangenheitsbewältigung als Heimatfilm: Der Regisseur Jo Baier sucht in „Bergfried“ nach der richtigen Mischung aus Alpenromantik und düsterer Weltkriegs-Geschichte. Findet er sie?

          Ein Fremder mit feuerrotem Alfa Romeo fährt in ein Alpendorf, durch das die Nebel schleichen wie Geister einer unheilvollen Vergangenheit. Es sind die achtziger Jahre, ein alter Mann geht hier mit seinem Enkel an der Hand spazieren. Er wirkt, von Peter Simonischek urwüchsig gezeichnet, wie der Alm-Öhi persönlich: Unentwegt knurrt er Ruppigkeiten in seinen Bart, nur dem Kind an seiner Seite begegnet er voller Warmherzigkeit. Wie im Märchen erzählt er ihm Geschichten vom Leben und Sterben: Der morsche Baum muss fallen, das Unkraut weichen, damit die Blumen Luft bekommen; das Rotkehlchen war ein braunes Vögelchen, bis es dem dornengekrönten Heiland Stacheln aus der Stirn zog und sich dabei verletzte.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das ist schon düstere Symbolik genug, um anzuzeigen: Was wie ein Heimatfilm beginnt und auch endet, will das Genre von innen heraus sprengen. In „Bergfried“ erweist sich ebenjener Frieden am Berg als Illusion. Großvater Stockinger ist nicht der schützende Bergfried, wie der Turm in der Mitte einer Burg heißt. Opa war ein Nazi. Zumindest glaubt der Fremde (Fabricio Bucci), ein Italiener um die vierzig, der nicht zufällig Salvatore heißt, ihn als solchen wiederzuerkennen. Vor diesem Hintergrund nehmen Stockingers Geschichten vom Unkraut und den Blumen, dem braunen Vogel und dem von „den Juden“ ans Kreuz geschlagenen Christus einen anderen, bedrohlichen Klang an.

          Die dunkle Vergangenheit kommt ans Licht

          1944 hat Salvatore ein Massaker überlebt, das die Waffen-SS in seinem toskanischen Dorf beging. Nun ist er gekommen, um den Mörder seiner Familie zu finden und Rache zu nehmen. Er beobachtet den greisen Stockinger und die anderen Alten, er schießt Fotos, fragt, fällt auf. Der Wirt (Gerhard Liebmann), ein gewalttätiger Säufer im Rollstuhl, verdächtigt ihn, seiner Frau nachzustellen. Die Zimmerfrau (Gisela Schneeberger) will sich von ihm nicht in alte Geschichten hineinziehen lassen. Stockingers Tochter Erna (Katharina Haudum) aber, die zu Musik von Janis Joplin im VW Käfer durch die Wälder rauscht und keinen Vater zu ihrem Sohn vorzuweisen hat, beginnt eine Romanze mit dem Mann aus Pisa. Zwei Außenseiter finden sich in einer unmöglichen Liebe - Romeo und Julia auf dem Dorfe sozusagen.

          Zwei Außenseiter finden sich: Erna (Katharina Haudum) glaubt in Salvatore (Fabrizio Bucci) ihr Ticket in die Freiheit gefunden zu haben. Er hat anderes im Sinn.

          Jo Baier, der das Drehbuch für „Bergfried“ geschrieben und auch Regie geführt hat, möbliert seine Geschichte einer Vergangenheitsbewältigung, die doch gerade das Gegenteil des Alpenkitsches sein will, mit allerlei Details und Nebenhandlungen, die ebendieser Sehnsuchtswelt entstammen - oder aber, wie zum Ausgleich, dem unausgesprochenen Grauen zur Schau getragene Schrecklichkeiten zur Seite stellen. Auch wenn Katharina Haudum als gleichermaßen naive, rabiate wie lebenshungrige Erna eine gute Vorstellung gibt, kann man fragen: Wozu eigentlich diese Liebesgeschichte? Wozu ein Abtreibungsgeständnis und ein Selbstmord auf offener Straße? Ein Unfall und aufs Auto gekippter Kuhmist? Hätte die zeitgenössische Ausstattung nicht etwas mehr Sorgfalt verdient (welche Dorf-Oma hatte 1984 schon eine Fernbedienung zum Fernseher?) Vor allem aber: Wozu die jede Seelenbedrängnis notorisch begleitenden Klavier- und Geigenklänge?

          Abrechnung auf Raten

          Ein eindringlicherer Film wäre entstanden, hätte Baier konsequent auf das Fundament der Handlung gebaut. Was dann möglich gewesen wäre, zeigen Bucci und Simonischek in einer Abrechnungsszene, die für Minuten das Geländer aus Vertrautheiten einreißt, an dem entlang sich „Bergfried“ bis dahin gehangelt hat. Martin Gschlachts Kamera, eben noch damit beschäftigt, Figuren und Panoramen wie gemalt ins Bild zu setzen, rückt nun immer dichter an die Schauspieler heran. Der Italiener Bucci, der seinen deutschen Text mit so überzeugendem Akzent spricht, weil er tatsächlich kein Deutsch kann, und sein Gegenüber zeigen, wie das geht: zwei Figuren auf engstem Raum ihr Innerstes nach außen kehren lassen, ein Rededuell auf Leben und Tod. Salvatore schleudert Anschuldigungen heraus, Schweiß steht ihm im Gesicht, Erinnerungen - die obligatorischen Rückblenden in Schwarz-Weiß - schießen durch seinen Kopf. Stockinger befiehlt, schweigt, sagt, der andere wisse nichts. Ein Entkommen gibt es für beide nicht.

          Gefasst wird der Rachefeldzug von einer Rahmenhandlung auf einer dritten Zeitebene. Stockingers Enkel kommt, nun erwachsen, zurück ins Dorf, zur Beerdigung seines Großvaters. Er wird mehr erfahren, als ihm lieb ist. Dass in der Schwebe bleibt, wie ein Kriegsverbrecher mit seiner Schuld leben und ob er ein anderer werden kann, zählt zu den größten Stärken dieses Films.

          „Bergfried“ läuft am Mittwoch, den 21.09., um 20.15 Uhr im Ersten.

          Weitere Themen

          Glauben Sie, Dumbledore wird um Sie trauern?

          Kinocharts : Glauben Sie, Dumbledore wird um Sie trauern?

          Die Kritiken waren verhalten, in Nordamerika ist auch das Publikum zurückhaltender als beim ersten Teil der Reihe „Phantastische Tierwesen“: „Grindelwalds Verbrechen“ steht an der Spitz der Kinocharts.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.