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Im ZDF: „Deckname Luna“ Und am Ende entscheidet ein Ehrenwort

Beste Unterhaltung trotz vier Stunden Kalten Kriegs: Anna Maria Mühe, Götz George und Heino Ferch brillieren in dem Agententhriller „Deckname Luna“.

© ZDF Kurzes Glück: Lotte (Anna Maria Mühe) und ihr Bruder Kurt (Ludwig Trepte)

Vier Stunden lang sehen wir einer jungen Frau in diesem ZDF-Zweiteiler dabei zu, wie sie zunächst in Ostdeutschland, dann, nach einer waghalsigen Flucht, im Westen ihre Lebensideale zu verwirklichen versucht - und obwohl „Deckname Luna“ in den sechziger Jahren spielt, erkennen wir zuweilen die nackte Gegenwart mit ihrer ganzen Chancenlosigkeit für junge Menschen wieder.

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Wir lernen Lotte Reinhardt (Anna Maria Mühe) als Schweißerin auf einer Rostocker Werft kennen, wo sie sich nichts sehnlicher wünscht, als eines Tages als erste Frau zum Mond zu fliegen. Sie bewundert Juri Gagarin, bewirbt sich als Kosmonautin und beansprucht gleichzeitig, in einem Staat zu leben, der ihren Idealen von Freiheit und Integrität entspricht.

Dann kommt der Mauerbau und sie opfert ihren Zukunftstraum dem Freiheitsdrang, sagt öffentlich: „Die verbauen uns doch die Zukunft“, klebt regimekritische Plakate mit der Aufschrift „Mauer nein, Sozialismus ja“, wird von der Stasi zunächst inhaftiert, dann verfolgt, flieht in den Westen, verliebt sich und findet ihren Großvater wieder, einen bekannten Raketenforscher, der seinerseits aus einem sibirischen Forschungslabor in den Westen geflohen ist. Abermals heftet sich die Stasi auf ihre Fährte und erpresst sie schließlich zur Spionage, bevor der erste Teil mit einem raffinierten Cliffhanger endet.

Kettenrauchendes Ensemble

Obwohl die Lage in „Deckname Luna“ durchweg ernst erscheint, nimmt sich der Zweiteiler zahlreiche Verspieltheiten heraus und fängt einen nach missglückter Actionszene zum Auftakt sofort mit seinem ungewöhnlichen Esprit ein. Gekonnt setzt der Film immer wieder den Split Screen ein, den geteilten Bildschirm, dem sich - besonders beeindruckend bei den zusammengefügten Einzelszenen zum Bau der Mauer - Zeitpanoramen von einleuchtender Komplexität verdanken.

Deckname Luna (1) © Oliver Vaccaro Vergrößern Atempause beim Twist: Lotte (Anna Maria Mühe) und Oskar Hermann (Maxim Mehmet)

Wie in „Forrest Gump“ werden in dokumentarisches Material Filmcharaktere hineinmontiert und immer wieder ändert sich die Farbe: Schwarzweißaufnahmen verwandeln sich plötzlich in kolorierte Bilder, und während Ostdeutschland zuweilen in matte Orwo-Farbfilmtöne getaucht wird, erinnern die westlichen Szenen in ihrer Kolorierung an die Darchinger-Fotos der letzten Jahrhundertmitte. Das kettenrauchende, quirlige Ensemble, welches zuweilen parodistisch das plakative Gebaren zweitklassiger Agentenfilme nachahmt, hat sich sichtlich von „Mad Men“ und „Catch me if you can“ inspirieren lassen, getragen wird es von dem musikalischen Leitmotiv aus „Fly me to the moon“.

Doppelagentin des Lebens

“Deckname Luna“ führt mitten hinein in die Zeit des Kalten Krieges, es geht um den Wettlauf der Systeme, der Film lässt sich aber auch, durchaus zum Wohl des Fernsehzuschauers, als Wettlauf der Sender und Produzenten auffassen. Der Aufwand, die Intelligenz des Drehbuchs von Christian Jeltsch und Monika Peetz sowie die Liebe zum Detail suchen den Vergleich mit dem anderen großen Zweiteiler der letzten Wochen, dem „Turm“. Bis an die Zähne ist auch „Deckname Luna“ mit erstklassigen Schauspielern bewaffnet, wer hier einen Gefängniswärter gibt, den hat man andernorts schon in einer Hauptrolle gesehen.

Götz George spielt den undurchdringlichen Atomforscher Arthur Noswitz als No-Nonsense-Intellektuellen mit der Stimme des späten Marlon Brando, Heino Ferch hat man schon lange nicht mehr so gut gesehen wie in der Rolle des Stasi-Majors Julius Moll, der in seinen manipulativen Momenten auch die Dur-Tonlage virtuos beherrscht.

Und so wenig einem die Charaktere dieser beiden vom Krieg innerlich versehrten Männer, ihre rücksichtslose Härte bei gleichzeitig schöngeistiger Neigung, vertraut vorkommen, so sehr fangen uns die Augen Anna Maria Mühes ein, einer Frau von heute, der ihre geschichtliche Determination ziemlich schnurz ist, die vom Leben alles erwartet, obwohl sie immer wieder nichts bekommt.

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Der Film spart die Folter im Stasi-Knast nicht aus (“Gerade sitzen, der Blick ist frei geradeaus“), selbst in den intimsten Momenten der vermeintlichen Freiheit hört man das Klicken des Stasi-Fotoapparats, und trotzdem strahlt Anna Maria Mühe mit ihrer ganzen Erscheinung aus, dass sie nicht an das Böse glaubt. So wird zu einer Art Doppelagentin des Lebens.

Deckname Luna (2) © Oliver Vaccaro Vergrößern Wendungsreich: Selbst beim Agentenaustausch mit Arthur Noswitz (Götz George) und Lotte (Anna Maria Mühe) bleibt unklar, wer auf wessen Seite steht

Obwohl der zweite Teil mit einem logischen Schwachpunkt beginnt, verwandelt er sich schnell in einen klugen Spionagethriller, über den man zumindest so viel verraten kann: Fast keiner sagt mehr die Wahrheit, doch am Schluss entscheidet ein Ehrenwort. Zahlreiche Schauspieler wie Maxim Mehmet, Stefanie Stappenbeck oder Andreas Schmidt müsste man für ihre Leistung eigentlich noch hervorheben, aber es sind zu viele. Regisseurin Ute Wieland ist eine besondere Ensembleleistung gelungen, beste Unterhaltung, die den Zuschauer spielend über vier Stunden hinweg fesselt.

Deckname Luna läuft am Montag, 5. November, um 20.15 Uhr im ZDF. Der zweite Teil folgt am Donnerstag, 8. November,  zur selben Zeit.

Quelle: F.A.Z.

 
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