11.09.2009 · Hörfunkerkundungen in Tschechien: Vom 11. September an sendet Deutschlandradio Kultur fünf bemerkenswerte Hörstücke, die sich neuen Träumen und latenten Albträumen unseres Nachbarn widmen.
Von Christian DeutschmannZwei tschechische Abenteurer durchqueren 1947 den afrikanischen Kontinent und machen dabei auch ihr Fahrzeug zum Helden. Eine mährische Modellstadt der Frühmoderne verwandelt sich in einen Traum, der auch die gegenwärtige Finanzkrise einschließt. Ein surrealer Horrortrip von Theresienstadt zu den Gräberfeldern Weißrusslands lässt seinen Helden, einen „reinen Toren“, die Wirrnisse neuerer Geschichte erfahren. Geräusche und Klänge Prags bringen uns einen Ort voller Merkwürdigkeiten vor Ohren. Schließlich: eine Frau von heute, die Zäune übersteigt und dabei auf einen politischen und sozialen Umbruch stößt.
Der Themen und Methoden sind viele, mit denen sich das Projekt „Radio D-CZ“ des Nachbarlandes Tschechien annimmt. Selten genug bei derartigen Unternehmungen, hat die Veranstaltungsreihe „ZIPP – Deutsch-tschechische Kulturprojekte“ auch das Radio als ernstzunehmende Kunstsparte einbezogen. Ins Leben gerufen von der Kulturstiftung des Bundes bemühen sich neben Film, Theater, Ausstellungswesen und Buch auch fünf eigens produzierte Hörstücke darum, den deutsch-tschechischen Kulturaustausch zu bereichern.
Souverän und unbefangen
Deutsche, die Blicke auf Tschechien werfen, und Tschechen, die uns ihre Art zu denken und zu erzählen vermitteln. Da erstaunt es kaum, wenn jüngere Geschichte zwischen nationalsozialistischer Okkupation und kommunistischer Macht ins Blickfeld gerät. Am stärksten und beklemmendsten wohl im Zweiteiler „Durch kalte Länder“ des Tschechen Jáchym Topol, der seine respektlos überdrehte Story zwischen Theresienstadt und den Massakern im weißrussischen Chatyn, zwischen blankgeputzten Gedenkritualen und Enttabuisierung der wirklichen Schrecknisse spielen lässt.
Allen Stücken gemein ist, dass sie sich ebenso souverän wie unbefangen der Mittel des Radios bedienen. So siedelt Steffen Irlinger in „Retrotopia“ die Geschichte der Schuhdynastie Bata und ihrer Reform in einem akustischen Nirwana aus Traum und Märchen an, lässt einen Unternehmer alten Stils auf einen Finanzjongleur neuerer Zeiten treffen, beschwört Krisen und Weltuntergangsstimmung, die Hoffnung auf den „Erlöser“.
Noch immer gibt es Mauern zu überwinden
Auch wenn „Tatra“ von Werner Pöschko die Stilmittel eines normalen Features nutzt, sind in der Geschichte der beiden in Tschechien längst zu nationalen Heroen gewordenen Weltenbummler Jií Hanzelka und Miruslav Zikmunt samt ihres legendären „Tatra 87“ doch eigenwillige Erzählakzente nicht zu überhören. Gänzlich radiophon sind die „Favorite Sounds of Prague“ von Peter Cusack und Miloš Vojtechovský, die ihre Mikrofone auf Prager Straßen, Plätze und Gebäude richteten und so eine Klanglandschaft bauten, der zu folgen zwar Höranstrengung verlangt, aber auch Gewinn bringt.
Vielleicht das schönste, weil frischeste Stück ist „Furt dokola/In einem fort“. Es beruht auf einer Performance der Brünner Künstlerin Kateina Šedá, wurde von ihr zusammen mit dem Deutschen Rolf Simmen geschaffen und macht das Mikrofon zum Zeugen einer ungewöhnlichen Aktion: Die Künstlerin will eine gerade Linie beschreiten, die quer über 80 Grundstücke eines kleinbürgerlichen Viertels ihrer Heimatstadt führt. Dabei muss sie über Mauern und Zäune klettern, was zu allerlei Reaktionen der Anwohner führt. Und ganz nebenbei erschließt sich der Symbolgehalt ihres Tuns: auch nach der „Revolution“ von 1989 gibt es Mauern zu überwinden, ja sie sind im Sinne eines ängstlichen Schutzes alles Privaten eher noch höher geworden.
Wurden einzelne Stücke bereits vom SWR, WDR und Ö 1 gesendet, so ist die vollständige Reihe jetzt erstmals beim Deutschlandradio Kultur zu hören. Im November folgen Ausstrahlungen im tschechischen Kulturradio CRo 3 Vltava.