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„Im Himmel, unter der Erde“ bei Arte : Leben in der Totenstadt

  • -Aktualisiert am

Der jüdische Friedhof Berlin Weißensee Bild: Britzka Film/Amelie Losier

Für ihren Film „Im Himmel, unter der Erde wurde Britta Wauer auf der Berlinale ausgezeichnet. Nun läuft ihr Stück über die einzigartige Geschichte des Jüdischen Friedhofs Weißensee bei Arte.

          Es sind nicht nur die Begräbnisse, die Leben auf den Friedhof Weißensee bringen. Auch Familien finden hier Abwechslung und Entspannung, der Kunst-Leistungskurs des Gymnasiums kommt auf kalligrafischer Spurensuche, Offiziere aus Israel ehren die Opfer des Holocaust, und die Vogelschützer verpassen den jungen Habichten in den Baumkronen Markierungsringe.

          Wie andere historische Begräbnisplätze ist der größte jüdische Friedhof Europas ein Magnet für Kunst- und Naturliebhaber. Und dass diese Aspekte hier in Überfülle präsent sind, zeigt Britta Wauers mit dem Panorama-Publikumspreis der Berlinale ausgezeichneter Dokumentarfilm „Im Himmel, unter der Erde“ schon zu Beginn, wenn die Kamera durch einen Wald aus Steinen und Stämmen streift und den Wechsel der dunklen Tafeln und leuchtenden Sonnenflecken oder das dem Herbstlaub gleiche Farbenspiel von Granit, Kalk oder Sandstein einfängt.

          Gleichheit im Tod

          Das Rechteck von 42 Hektar zeigt in der Luftaufnahme, dass mit der geschützten Totenruhe auch die Natur geschützt wird im ausufernden Berlin, und unter der grünen Krone ist eine historische Epoche bewahrt, die an vorherige Kapitel andernorts anschließt. Die sind zu besichtigen in den ältesten Judenfriedhöfen von Worms, Frankfurt und Prag, wo noch die mittelalterliche Ghettoarchitektur in mäandernden Wegen und willkürlich stehenden oder sich neigenden Denkmälern nachvollziehbar ist.

          Auf dem 1880 eröffneten Friedhof Weißensee dagegen verwirklichten sich die erst kurz zuvor in den deutschen Ländern gleichberechtigten Juden als selbstbewusstes Bürgertum. Zwar hat sich das traditionelle Gesetz der Gleichheit im Tod mit einer Fülle von nur wenig variierten Säulen. Stelen und Obelisken mit Schriftfeld, religiösen Symbolen und gelegentlich einem Ornamentfeld weitgehend behauptet, doch mancher Patriarch verewigte sich und seine Familie in Tempeln und Mausoleen, wie sonst die Händler in Frankfurt oder die Reeder in Hamburg. Kunstsinnige, kitschige oder avantgardistische Monumente schlagen den Bogen von der Antike über Barock bis zur Post-Bauhaus-Moderne.

          Hinter dem Portal mit dezenter orientalischer Formsprache aus Bogenarkaden und oktogonaler Kuppel materialisiert sich die Repräsentation als Teil der Assimilation für die Familien Loewy oder Schwabacher, Katz oder Baschwitz. Sie dankten ihrem Volk für den Platz in der Mitte mit Heldentum im Ersten Weltkrieg, zwölftausend Gefallene jüdischen Glaubens verzeichnen die Kriegerdenkmäler. Die 180 000 Berliner Juden konnten ihre Toten hier nur noch bis Ende 1942 begraben – an die 1500 waren zuletzt durch Suizid der Deportation und Ermordung zuvorgekommen.

          Mit einer Fülle von Geschichten fügt sich das Feld der 115 600 Gräber zu einem Stück Geschichte. Der teils zum Urwald mutierende Park, der vor der Zerschneidung durch eine Straße bewahrt wurde, ist ein Refugium für Tiere und ein Problemfall für den Denkmalschutz. Rund viertausend Monumente vom zerbröselnden Sarkophag bis zum Säulenportal sind sanierungsbedürftig. Derweil benötigen die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion Platz für ihre Verstorbenen und bringen ein neues historisches Kapitel ein. Geschichte lebt, gerade in den Totenstädten.Für ihren Film „Im Himmel, unter der Erde“ wurde Britta Wauer auf der Berlinale ausgezeichnet. Nun läuft ihr Stück über die einzigartige Geschichte des Jüdischen Friedhofs Weißensee bei Arte.

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