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Im Gespräch: Wolfgang Rihm Ich wünsche mir die verschiedensten Ohren

 ·  Wolfgang Rihm hat eine neue Oper komponiert. Sein achtes Bühnenwerk. „Proserpina“ wird gerade von Hans Neuenfels in Schwetzingen in Szene gesetzt. Ein Gespräch mit dem Komponisten über den Reiz des Klassischen und des Neuen und die Unwiederholbarkeit der Musik.

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Wolfgang Rihm hat eine neue Oper komponiert. Sein achtes Bühnenwerk. „Proserpina“ wird gerade von Hans Neuenfels im Rokoko-Theater in Schwetzingen in Szene gesetzt und vom Dirigenten Jonathan Stockhammer einstudiert, die Uraufführung findet am 2. Mai statt. Schauplatz ist die Hölle. Proserpina, als junges Mädchen hier gelandet, will wieder weg, sie argumentiert, räsoniert, fleht und wütet, dann pflückt sie einen Granatapfel, und damit ist die Sache klar: Hier kommt sie nie wieder raus. Wie Eva im Paradies, die vertrieben wurde, als sie den Apfel der Erkenntnis pflückte, beißt Proserpina in Plutos Apfel und muss deshalb ewig in der Unterwelt bleiben.

Herr Rihm, schon wieder etwas Klassisches! Ein Text von Goethe, der Stoff aus der Antike. Warum greift die Oper seit Jahrhunderten immer in dieselbe alte Stoffkiste?

Im Theater, in der Literatur und der Kunst passiert das doch genauso. Ich kann Ihnen sagen, wie ich auf diese Geschichte gekommen bin. „Proserpina“ ist der Monolog einer Frau, die allmählich versteht, dass sie in aussichtsloser Lage ist. Aber sie gibt anderen die Schuld, nicht sich selbst, sie gerät immer tiefer hinein. Das ist monströs, monsterhaft. Natürlich nicht gerade sympathisch, aber interessant! Außerdem wollte ich wieder mal was schreiben für die Stimme von Mojca Erdmann.

Die Erdmann kriegt tolle Koloraturen zu singen! Ich habe das Stück noch nicht gehört . .

. . . ich auch noch nicht! (Lacht.)

Aber Ihre Noten sehen wieder sehr schön aus, das muss man sagen. Viel Wohlklang. Eine Harfe ist auch dabei. Warum die Harfe? Und überhaupt: Warum so viel Schönes für diese hilflosen Tiraden? So schön darf Hass doch gar nicht sein! Goethes Proserpina ist ein nervensägendes Unglückshuhn. Nicht mal mit ihrem Unglück kann man sich identifizieren. Wo bleibt da die Katharsis?

Ich finde, dass in dieser Figur etwas Glitzerndes und Gefährliches steckt. Das gefällt mir. Das ist ein Typus Frau, übrigens sehr verbreitet immer noch, der uns ständig darauf hinweist, dass alles gegen sie wirkt. In diesem Vorwurf steckt ein enormes Aggressionspotential, aber das lässt sich nicht eins zu eins vertonen. Man kann den Hass nicht aus der Rumpelkammer für Hassdarstellung holen und mit den üblichen Utensilien ausstatten. Nein, ich wollte versuchen, die Schönheit auch in der Hässlichkeit darzustellen und umgekehrt das Hässliche durch das Schöne zu zeigen.

Ist diese ganze Oper also eine „gran scena di delirio“, wie bei „Lucia di Lammermoor“? Eine Wahnsinnsszene?

Ja, man könnte das so sehen: Dass alles nur in Proserpinas Einbildung stattfindet. Sie selbst stellt ihr Gefangensein fest. Wer aber sagt denn, dass dem überhaupt so ist?

Und die Harfe?

Die Harfe steht für mich zwischen Melodieinstrument und Schlagzeug: ein singendes Schlaginstrument mit Saiten. Das hat enorme Bindungskraft, gerade zwischen Holzbläsern und Streichern bildet die Harfe ein ideales Ferment. Gleichzeitig ist sie aber auch fähig zu einer über den Mischungsgrad hinausgehenden, individuellen Attacke. Harfe kann hart sein, Harfe kann aber gleichzeitig superweich sein, wie Proserpina. Deswegen ist die Harfe mit dabei.

Sie selbst, Herr Rihm, haben heute fast schon den Status eines Klassikers. Ein Goethe der Neuen Musik! Als junger wilder Mann haben Sie noch schockiert, da waren Ihre Stücke Sturm und Drang . . .

Wen habe ich schockiert?

Ihre Komponistenkollegen . . .

Ja, wer die Kategorie des Schocks für sich selbst definiert und gepachtet hat und dann mit einer anderen Möglichkeit konfrontiert wird, Musik zu komponieren, der konnte damals natürlich geschockt sein. Ich sehe das eher so, dass ich immer da angeeckt bin, wo die Dinge festgelegt waren. Wo etwas im Fluss ist, da kann man auch die Andersartigkeit ertragen. Aber diese Auseinandersetzungen sind letzten Endes unfruchtbar, so etwas geschieht alles nur in den Vorräumen von Kunst. Wenn man etwas Ernsthaftes vor sich bringen will, sollte man sich da nicht lange aufhalten. Man muss weitergehen und sagen: „Wir kennen unsere Feindbilder, gut, ich verkörpere eins für dich.“ Nach ein paar Jahren sieht das schon wieder anders aus.

Stimmt. Es hat sich viel verändert in der Neuen Musik, sie hat heute mehr Publikum, ist nicht mehr so selbstreferentiell. Hat sich nicht auch Ihre Musik verändert?

Stellen Sie sich mal vor, jemand macht sein Leben lang immer das Gleiche. Das ist doch furchtbar.

Konkretes Beispiel: In Ihrer „Eroberung von Mexiko“ wird es laut. Wenn Montezuma seine Vokalisen singt, geht es nicht in erster Linie um Schönheit, da hat jemand die Sprache verloren. Es gab Zeiten, da haben Sie Ihre Hörer direkt angegriffen mit solchen Aussagen in Ihrer Musik. Zuletzt, in dem Violinkonzert „Con Arco“, klingt alles nur noch einfach wunderschön.

Ich glaube, ich komponiere heute angstfreier. Ich mache jetzt nur noch das, was ich im Augenblick will, das kann aber dann auch mal nicht so schön sein! Ich glaube, dass ich heute in einer Lebensphase bin, in der ich mich nicht mehr viel darum scheren sollte, ob das jetzt eine Diskussionsgrundlage sein kann oder nicht.

Haben Sie sich früher darüber beim Komponieren Gedanken gemacht?

Ja, ich habe schon quasi in laufende Diskussionen hineingearbeitet. Wenn man zwanzig ist, dann will man doch gesehen werden in ganzer Vielfalt. Ich zumindest habe damals starke Aversionen entwickelt gegen diese Festschreibungen und versucht, Gegenbewegung in Gang zu setzen. Aber auch das Gesehenwerdenwollen lässt mit der Zeit nach.

Ganz einfach: Das liegt daran, dass Sie heute nicht mehr zu übersehen sind!

Ich beteilige mich heute nicht mehr an diesem Schaulaufen. Ja, es stimmt, es gab diese Phase in meinem Leben, wo ich sehr getroffen war davon, dass die Leute immer nur einen Bruchteil von meiner Musik wahrgenommen haben und den Rest eben nicht. Da glaubte ich immer gegensteuern und laut rufen zu müssen: „Hallohallo! Ich kann auch das, ich bin auch der!“ Wenn das heute nachgelassen hat, dann mag das, vielleicht haben Sie da sogar recht, auch etwas mit „Ernte“ zu tun haben. Das Wichtigste ist doch, dass meine Musik andere Menschen trifft, in ihren Empfindungen, ihrem Denken. Genau darum geht es, um den Lebensbezug. Ich möchte nicht nur in ein Ohr hineinschreiben, sondern ich wünsche mir die verschiedensten Ohren und dass es da vielleicht sogar einander ausschließende Erfahrungswelten gibt, die sich in meiner Musik treffen und einander gewahr werden.

Es gibt sonst keinen Komponisten, der sich so nett und mild ums Publikum kümmert, wie Sie es tun!

Ich selbst sehe mich völlig anders. Ich komme mir eher vor wie jemand, der Selbstgespräche führt und sich wünscht, dass einer, der das Gemurmel zufällig hört, wenn er gerade an mir vorbeigeht, sagt: „Ja, geht mir genauso.“ Und dann wieder weiter weitergeht. Manchmal klappt das sogar. Dieser Gedanke gefällt mir: dass es vorübergeht. Alles muss im Fluss bleiben und auch wieder abfließen können.

Warum stehen die Menschen Schlange bei Ausstellungen mit neuer Kunst, aber nicht bei Konzerten mit neuer Musik?

Das werde ich oft gefragt.

Dann bitte ich Sie jetzt um die schönste Ihrer Antworten.

Auf ein Bildkunstwerk braucht man nur ein paar Sekunden draufschauen, schon denkt man, man habe es gesehen. Bei der Musik ist es anders, sie fängt an, und dann dauert sie, man ist damit einfach nicht schnell genug fertig. Das ist das eine. Das andere ist, dass dieser ganze Grusel des Geldes nicht so eine große Rolle spielt in der Musik. Wenn man überall lesen kann, dass ein junger Mann 100.000 Euro für ein Bild bekommt, dann stehen die Leute schon mit offenem Mund davor, egal, was auf dem Bild drauf ist. Aber wenn Sie in Ihrer Zeitung schreiben: „Junger Komponist kriegt tausend Euro für sein Orchesterwerk“, denken sich die Leute höchstens: „Ja, recht geschieht's ihm, was schreibt er auch so einen Scheiß!“ (Lacht.)

Aber Musik ist auch teuer! Besonders ein Orchesterstück, da müssen achtzig oder hundert ausgebildete Musiker her, wobei jeder einzelne Philharmoniker mindestens so viel verdient wie ein Studienrat . . .

Aber niemand hängt es sich hinterher an die Wand, um anderen damit zu zeigen, was er sich so leisten kann. Die Musik verschafft nur einen flüchtigen, geistig-sinnlichen Reiz, um den man sich dann auch noch selber bemühen muss.

Das Wort „Mühe“ hört sich unmusikalisch an. Ist nicht gerade die Musik, weil sie in der Zeit verläuft, auch gut geeignet, nebenherzulaufen? Etwas zum Wohlfühlen, was Kulinarisches?

Auch Bilder können Sie leicht kulinarisieren, wenn sie nur zur Dekoration herumhängen. Ich glaube sicher, dass der Reiz des erwerbbaren und unbezahlbaren Unikats in der bildenden Kunst eine viel größere Magie entfalten kann, als es einem Musikstück je gelingt. Musik muss immer wieder neu aufgeführt und gespielt werden, außerdem muss man dafür auch noch üben. Das ist nicht sexy. Klar, das kostet auch Geld. Schlägt sich aber nicht nieder in einem Wert, den ein Einzelner davontragen kann. Man hört es, dann ist es vorbei.

Was halten Sie von den digitalen Konzertsälen? Dass jeder sich jederzeit ins Konzert reinklicken kann, von jedem Ort der Welt?

Eine neue Möglichkeit, aber im Prinzip nichts anderes als die Rundfunkübertragung oder die Platte. Nichts davon kann den Ernstfall ersetzen, den ein Konzert für den anwesenden Hörer darstellt. Wenn ich mir ein Livekonzert zu Hause abrufen kann, ist es ja schon dieser Ernstfallsphäre wieder entrückt, ich kann das jeden Moment wieder abstellen. Aber im Konzertsaal bin ich selbst physisch vorhanden. Und das Gelingen und das Misslingen der Musik hängt genauso von mir ab wie von denen, die da vorne spielen. Jeder Hörer trägt etwas bei zur Musik. Wer eine Konserve davon mitnimmt, der ist diesem Kreislauf entzogen, er schöpft etwas ab, was den Schein dessen wiedergibt, was da im Saal geschieht.

Klingt wie von Adorno: Wer nicht live im Konzert sitzt, der ist nur ein Voyeur?

Ja, das würde ich so sagen. Denn man ist selbst nicht mehr beteiligt daran, durch Entgegenhören die Musik mit hervorzubringen. Gut, muss ja auch nicht sein. Wenn der Saal voll ist, dann hat der, der das auf einem anderen Medium mitverfolgen kann, wenigstens einen gewissen Zugang. Aber ich glaube, dass Musik immer wieder diese Ernstfallsituation braucht. Auch, dass die Musik auf Hörer trifft, die gewonnen werden müssen, und zwar jedes Mal wieder neu. Wenn das von Anfang an immer klar wäre, wie ein Stück ankommt, dann würde es langweilig.

Wenn wir nun aber nicht in Ihre „Proserpina“ gehen, sondern in den „Lohengrin“ oder im Konzert eine Schubertsymphonie hören, dann tun wir das doch gerade deshalb: Weil wir genau das wiederhören wollen, was wir schon kennen. Nie wird uns das langweilig . . .

Genau das ist die Stärke der Musik! Wir hören niemals das, „was wir schon kennen“! Sie ist jedes Mal anders, als man glaubte, sie zu kennen, keine Aufführung gleicht der anderen. Ich höre auch immer wieder Beethovensymphonien, Mozartsymphonien, Schönbergorchesterstücke und Brahmssonaten, ich entdecke immer wieder neue Dinge daran. Trotzdem interessiert es mich auch, was die jungen Komponisten schreiben! Warum sollten wir, nur, weil wir das Wesen der Musik in ihrer Unwiederholbarkeit erkannt haben, aufhören, Musik zu erfinden?

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