14.05.2010 · Mit den Verlagen WAZ und Springer wollte der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust ein multimediales Magazin mit dem Titel „Woche“ gründen. Die Partner ließen ihn im Stich, aber Aust macht zunächst alleine weiter.
Wird das nun überhaupt noch etwas mit Ihrem Projekt, ein neues Magazin mit dem Arbeitstitel „Woche“ zu gründen - und haben Sie nicht zu früh öffentlich über Ihre Pläne geredet?
Ich bin nach wie vor optimistisch. Aber genau weiß ich das natürlich nicht. Die wirtschaftliche Lage - auch und besonders bei den Medien - ist schwierig. Wir arbeiten seit mehr als einem Jahr an dem Projekt, da habe ich mich gewundert, wie wenig anfangs durchgesickert ist. Es sind immerhin mehr als zwanzig Leute beteiligt gewesen. Ich selbst habe Medienjournalisten gegenüber niemals etwas Konkretes gesagt. Da gab es viele Mutmaßungen und einmal sogar den Abdruck unserer Telefonliste als angebliche Mitarbeiterliste. Und dann hat Bodo Hombach von der WAZ zum erstem Mal Einzelheiten verkündet. Dafür hatte er aber sicher seine Gründe. Ich will das gar nicht kritisieren. Die große Aufmerksamkeit hat dem Projekt sicher geschadet. Das war mir immer klar.
Der Verlag der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) und der Axel Springer Verlag haben ihren Ausstieg aus dem mit Ihnen gemeinsam geplanten Projekt mit dem „gegenwärtigen wirtschaftlichen Umfeld“ begründet. Können Sie das nachvollziehen?
Wir wissen alle, dass wir in wirtschaftlich turbulenten Zeiten sind. Das Anzeigenaufkommen der Magazine und Fernsehsender ist rückläufig, und vieles von dem, was augenblicklich im Markt ist, wandert ins Internet ab.
Ist das Umfeld nicht schon länger so, wie es jetzt ist?
Ja, ganz sicher. Nur, man kann davon ausgehen, dass das nicht so bleibt und auf jeden Abschwung, so war es bisher immer, auch ein Aufschwung kommt. Ich glaube, dass für Neugründungen wirtschaftlich schwierige Zeiten wahrscheinlich besser sind als Boomzeiten.
Die WAZ hat Sie im letzten Jahr beauftragt, den Markt für Printmedien hinsichtlich der Entwicklung neuer Produkte zu analysieren. Daraus wurde dann das Projekt „Woche“.
Wir haben von der WAZ den Auftrag bekommen, ein journalistisches Konzept für ein Wochenmagazin zu entwickeln. Ich habe von vornherein gesagt, dass das nur Sinn hat, wenn man gleichzeitig eine Internet-Variante entwickelt, die die Möglichkeiten etwa des iPads einbezieht. Den Markt hat der Bereich Zeitschriften der WAZ-Gruppe analysiert. Bei der WAZ-Gruppe bringen die Zeitschriften nach wie vor gutes Geld. Wir sind der WAZ sehr dankbar dafür, dass uns diese Entwicklung ermöglicht wurde. Ich bedaure natürlich, dass wir das Projekt nicht gemeinsam realisieren können. Ich habe viel dabei gelernt.
Bodo Hombach hat Anfang März angekündigt, Sie stünden kurz davor, eine neue Online-Plattform zu präsentieren. Wie sieht Ihr Konzept für ein Hybridprodukt Print-Online denn aus?
Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, wie Journalismus in Zukunft aussehen wird, wenn er im Internet stattfindet, auf Geräten wie dem iPad. Da kann man Hintergrundgeschichten zu aktuellen Ereignissen mit Bildern und Filmmaterial zu einer ganz neuen journalistischen Form aufbereiten.
Sie möchten das Projekt auch nach dem Rückzug von WAZ und Springer weiterführen. Ist das Projekt nicht verbrannt, nachdem ihm die Medienriesen als Financiers abgesprungen sind?
Das hat die Sache nicht erleichtert. Aber ich habe ja nicht nach Partnern gesucht. Das ist häufig falsch berichtet worden. Die WAZ wollte das von Anfang an nicht alleine machen, deshalb hat sie nach Partnern gesucht. Nicht ich. Allerdings habe ich beim Vertragsabschluss Wert darauf gelegt, dass, falls die WAZ das Projekt nicht realisiert, die Rechte an mich zurückfallen. Schließlich steckt meine gesamte journalistische Erfahrung darin.
Sie waren mit erfahrenen Leuten von Reportage bis Layout gut aufgestellt. Steht die Mannschaft für ein neues Magazin noch in den Startlöchern?
Das geht nicht von heute auf morgen. Deswegen werden wir das Team, soweit es geht, mit anderen Aufgaben beschäftigen. Wir haben eine ganze Menge zu tun. Wenn ich das Projekt jetzt selbst in die Hand nehme, werde ich jedenfalls darauf achten, dass nicht alle paar Tage irgendetwas in den Medien steht. Aber Spekulationen können Sie nie verhindern.
Sie wollen mit Torsten Rossmann den Fernseh-Nachrichtensender N24 übernehmen. Könnte das die neue Ausgangsbasis für Ihr multimediales Comeback als Blattmacher sein?
Es war eher Zufall, dass beide Projekte mehr oder weniger gleichzeitig auf uns zugekommen sind. Auch da will ich nicht zu viel sagen. Wir haben ein Angebot gemacht, und Pro Sieben Sat1 muss entscheiden. Was dabei am Ende herauskommt, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall ist das eine sehr große Herausforderung, die wir im Sinne von journalistischer Vielfalt und Qualität sehr gern annehmen würden.
Zurück zu Ihrem Magazin-Projekt. „Zwischen ,Spiegel´ und ,Stern´“, hieß es, solle es angesiedelt sein, aber „unabhängiger“, als WAZ-Beilage und sonntags am Kiosk zwischen „Bild am Sonntag“, „Welt am Sonntag“ und „Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung“, aber weder ein reiner Nachrichten- noch ein Boulevard-Titel - ist das die Nische, die Sie suchen?
Nische ist nicht der richtige Begriff. Das war durchaus Mainstream. Wir haben den Journalismus nicht neu erfunden. Ich wollte keinen „Anti-Spiegel“ machen, keinen „Gegen-Stern“ oder „Gegen-Focus". Wir haben uns überlegt, wie wir die neuen technischen Möglichkeiten journalistisch nutzen können, um Geschichten zu erzählen - aus dem politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Leben. Nicht nur Nachrichten übermitteln, nicht nur Regelberichterstattung betreiben, sondern in Form von Geschichten Zusammenhänge und Hintergründe spannend zu erzählen. Und das quasi in drei Medien: Print, Online und TV. In einer Form, die ästhetisch anspruchsvoll und technisch leicht zu bedienen ist. Dabei haben wir wirklich etwas ziemlich Neues entwickelt. Das haben eigentlich alle, die es gesehen haben, überrascht zur Kenntnis genommen. Ich habe auch immer dazu gesagt, ich bin sicher, dass der Zeitschriftenjournalismus der Zukunft im Internet so oder so ähnlich aussehen wird - ob wir das nun machen oder jemand anderer.
In der Planungsphase haben Sie den „Guardian“ sehr gelobt.
Den „Guardian“ habe ich gelobt, weil ich finde, dass er gute Geschichten bringt. Sie finden dort häufig Geschichten, die Sie nirgendwo anders gelesen haben. Die haben einen Sinn für Geschichten. Das war alles.
Es ist Ihnen also wirklich eine Herzensangelegenheit, und es geht Ihnen um die Inhalte.
Hier geht es nicht um Herzensangelegenheiten, sondern um guten Journalismus.
Wer sind denn Ihre Mitstreiter, und was sind die nächsten Schritte, die Sie gehen wollen?
Wir haben eine kleine Redaktion mit Leuten, mit denen ich seit vielen Jahren zusammenarbeite. Wir sind nicht auf einen journalistischen Bereich fixiert, sondern arbeiten multimedial. Ich sage immer, wir handeln nicht mit Papier. Wir haben versucht, den Qualitätsjournalismus ins Internet zu transportieren. Aber mit wem wir in Zukunft über das Projekt reden und in welchem Zeitraum das ablaufen soll, darüber sage ich überhaupt nichts.
Bleibt es bei dem großen Investitionsvolumen - es ist ja inzwischen schon von bis zu 150 Millionen Euro die Rede?
Nein, das ist Unsinn. Man kann die Investitionssumme künstlich so hoch rechnen, dass man hinterher sagt, so viel Geld wollen wir nicht riskieren. Wir sind, auch was die Vermarktung angeht, von realistischen Annahmen ausgegangen. Die Prognosen waren nicht schlecht. Das war mein Eindruck, besonders nach Gesprächen mit den größten deutschen Media-Agenturen, denen wir das Heft und die Internet-Variante dazu gezeigt haben. Da kam eine Menge Überraschung und Zustimmung. Einige haben gesagt, dass das ja ein völlig neues Medium sei. Journalistisch, aber auch im Sinne der Werbemöglichkeiten. Eine ziemlich neue Art der Verbindung von Text, Bild und Video. Daran werden wir jetzt weiterarbeiten. Wir werden unser Projekt nicht von der Zögerlichkeit einiger Großverlage abhängig machen. Aber ich will mich auch nicht unter Zeitdruck setzen lassen. Wir haben einen ohnehin bestehenden Trend im Mediensektor ein Stück weiterentwickelt. Es wird Leute geben, die das erkennen.
Sie raten den Verlagen, antizyklisch zu investieren?
Ich glaube, die Medienkrise ist auch ein Stück weit selbst gemacht. Die Verlage haben sich ihr Geschäft dadurch kaputtgemacht, dass sie alles frei ins Internet stellen. Sie können mit Informationen online kaum Geld verdienen. Fast alle Internet-Plattformen sehen gleich aus: schnelle Nachrichten, zumeist präsentiert wie vor der Erfindung des Layouts. Das lässt sich nur schwer refinanzieren. Es wäre fahrlässig, ein neues Produkt nur im Internet zu machen. Da sind Sie pleite, bevor Sie Ihre Leser oder Zuschauer erreicht haben. Unsere Strategie ist zweigleisig: Sie kaufen am Kiosk ein Heft, erhalten eine Zugangsnummer und können das Internetangebot aufrufen. Wollen Sie sich die Inhalte im Netz ansehen, müssen Sie bezahlen und bekommen das Heft geschickt. Wie sich das in Zukunft weiterentwickelt, wird man sehen. Vielleicht wird irgendwann ein reines Internet-Magazin entstehen, das auch über Werbung oder Abo zu finanzieren ist. Das wird aber dauern.
Dieses Modell wird in anderen Ländern gerade umgesetzt.
Natürlich. Das ist die Zukunft. Die Abonnenten sind die Community. Die deutschen Verlage haben das bisher nicht wirklich erkannt. Man klebt am Alten und wagt kaum etwas Neues. Nachdem man in der Internet-Euphorie vor ein paar Jahren Millionen verbrannt hat, hofft man jetzt, das iPad nicht zu verschlafen, dreht sich auf die andere Seite und schläft weiter. Der Vorstand eines großen Zeitschriftenverlages hat bei einem unserer Gespräche wörtlich gesagt: Die Produkte, die wir herstellen, braucht doch sowieso kein Mensch. Manche Manager glauben nicht mehr an ihr eigenes Geschäftsmodell. Dann darf man sich nicht wundern.
Finden Sie, dass durch Ihr Projekt Bewegung in die Branche gekommen ist? „Focus“ hat bereits versucht, sich im Anzeigengeschäft auf eine mögliche Konkurrenz einzustellen.
Wenn die anderen glauben, sie wären durch unser Projekt in Gefahr gekommen, dann ist das lächerlich. Dass „Focus“ schwächelt, wissen die selbst am besten. Die haben ja oft mehr Exemplare in der Luft als auf dem Boden - also mehr Bordexemplare als Einzelverkauf. Aber der „Stern“ und vor allem der „Spiegel“ sind sehr stabil. Wir zielen nicht gegen die Konkurrenz, sondern haben versucht, etwas Neues zu entwickeln. So ist das doch in der Marktwirtschaft.
Und jetzt liegt das Neue bei Ihnen.
Jedenfalls liegt unser Projekt jetzt bei mir. Wir arbeiten in Ruhe weiter und sehen dann, ob wir die entsprechenden Gesellschafterstrukturen zusammenkriegen. Einige der bisherigen Partner sind nach wie vor dabei, mit anderen führen wir gerade Gespräche. Das sieht alles sehr gut aus.