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Im Gespräch: Ralf Husmann Erst mal berühmt werden

22.03.2009 ·  Vor zehn Jahren erfand Ralf Husmann Witze für Harald Schmidt, mittlerweile sind seine Spezialität eher lustige Soziopathen wie „Stromberg“ oder „Dr. Psycho“. Seine neue Serie „Der kleine Mann“ huldigt einem Verlierertypen. Ein Gespräch über Männerhass und den Willen zum Ruhm.

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Vor zehn Jahren erfand Ralf Husmann (44) als Chefautor Witze für Harald Schmidt, mittlerweile sind seine Spezialität eher lustige Soziopathen wie „Stromberg“ oder „Dr. Psycho“. Seine neue Serie „Der kleine Mann“ hat er dem Schauspieler Bjarne Mädel, dem Ernie aus „Stromberg“, auf den Leib geschrieben.

Herr Husmann, Lars von Trier wurde angesichts der Erbärmlichkeit seiner weiblichen Hauptrollen mal gefragt, warum er Frauen so hasse. Darf ich die Frage weiterreichen: Warum hassen Sie Männer?

Das ist kein Hass, es ist die Realität. Fassbinder hat immer gesagt: Frauenfiguren machen es dem Filmemacher sehr viel leichter, weil sie flexibler sind, wandlungsfähiger und vor allem viel, viel komplizierter gestrickt als Männer. Da ist es schwieriger, etwas an ihnen zu entdecken, woran man sich reiben kann. Das gilt besonders für Komödien: Sich über Männer lustig zu machen ist so leicht, weil sie so einfach funktionieren. Das differenziertere Wesen der Frauen macht es ungleich diffiziler, Knackpunkte zu entdecken, über die man herziehen könnte.

Dann muss es furchtbar kompliziert gewesen sein, für Anke Engelke Scherze zu schreiben.

Aber es hat trotzdem funktioniert – was an Anke selbst lag. Sie schafft es, einfach gestrickte Charaktere zu spielen, die vielschichtig sind und umgekehrt. Ob ich mit Frauen oder Männern arbeite, hängt aber eher damit zusammen, dass ich für die Rollen bestimmte Schauspieler im Kopf habe. Entsprechend konzipiere ich dann die Figur. Grundsätzlich taugen Männer viel besser für die schnelle Ausarbeitung von Rollenklischees, wie sie 25-minütige Formate wie meine erfordern. Und das hat noch einen anderen Grund: Frauen haben es ja auch deshalb so schwer, in Führungspositionen zu gelangen, weil schon der Redestil von Männern gern voll rüberbügelt. Das sieht man besonders in politischen Talkshows, wo die Kerle mit der Zeit einfach immer lauter und ausdauernder werden.

Sie filibustern.

Genau: Sie reden einfach mal so lange und aufbrausend, wie sie die anderen lassen. Frauen warten lieber ab und pointieren feiner. Sie arbeiten also unterschwelliger, tiefgründiger. Es ist aber gerade die Oberflächlichkeit, die der Comedy so gute Vorlagen gibt.

Es wäre also unmöglich, eine weibliche Stromberg zu entwickeln?

Schwierig, nicht unmöglich. Das Problem ist, dass eine Frau, die einen so egozentrischen und unfähigen Abteilungsleiter wie Stromberg spielt, schnell ins Klischee des Mannweibs rutscht. Das ist die Merkel-Falle. Sie wird nicht mehr als Frau wahrgenommen, eher als Karikatur eines Mannes, Typ Margret Thatcher. Oder es wird unglaubwürdig, weil Frauen wie Stromberg schlichtweg nicht existieren, Männer aber dagegen wie Sand am Meer. Männern glaubt man eben alles: den Depp, den Arsch, den Macho, den Ego. Problemlos.

All dies ist Ihre neue Figur Rüdiger Bunz nicht. Bjarne Mädel spielt stattdessen einen oft bemitleidenswerten, aber stinknormalen Typen. Wie macht man sich über so einen lustig?

Das müssten Sie mal Bjarne Mädel fragen. Der stand seiner Figur zunächst ein bisschen hilflos gegenüber, weil sie keine Macken wie Ernie in Stromberg hat . . .

Die Rolle eines totalen Weicheis ohne Selbstbewusstsein, Frauen, Glück, dafür mit nervösem Augenzucken und Hang zur Cholerik.

Genau. Ohne diese Ansatzpunkte ist es schwer, jemanden lustig zu machen, selbst über gute Dialoge. Man muss sie folglich anders zum Leben erwecken. Das wiederum funktioniert nur, wenn man diesen Normalo wie in der US-Serie „Seinfeld“ in ein völlig durchgedrehtes Umfeld pflanzt.

Wenn also die Normalität zur Exzentrik wird.

Genau. Humoristisch funktioniert Normalität nur als Kontrast, in dem sich der Irrsinn ringsum spiegeln kann. Sonst wird es ein Panoptikum nebeneinander ausgestellter Besonderheiten, die nicht zueinander in Bezug stehen. Bei Stromberg ist es umgekehrt. Da ist er der Durchgeknallte, hat aber neben sich auch deutsche Durchschnittsmenschen, um einen Boden unter seine Besonderheit zu ziehen. Humor braucht Gegensätze, unbedingt.

Aber auch Rüdiger Bunz ist eine arme Sau, ohne Renommee, Freunde, Erfolg.

Schon, aber er geht dagegen an. Und Rüdiger darf auch mal gewinnen. Die Menschen finden es plötzlich toll, dass er Gulasch statt Sushi macht.

Passt seine Normalität nur zufällig zum Comeback des Sparbuchs und einer staatstreuen Bodenständigkeit im Zeichen der Finanzkrise, oder war das geplant?

Es ist unser Glück, dass die Figur besser in die heutige Zeit passt als, sagen wir, ins Jahr 2007. Aber man darf das nicht als Statement missverstehen. Mein Ansatz eines normalen Menschen, der es durch eine Werbekampagne zu Berühmtheit bringt, galt eher dem Phänomen, dass dieser Wille zur Berühmtheit mittlerweile ein Kennzeichen der Normalität geworden ist. Das Rampenlicht, der Drang, unbedingt erkannt zu werden, etwas Besonderes zu sein, was man sich früher auf dem steinigen Weg zur Prominenz erarbeiten musste, ist ja fast zur Ersatzausbildung geworden. Man will nicht Metzger oder Astronaut werden, sondern erst mal berühmt. Und wenn das nicht klappt, mach’ ich irgendwas mit Medien.

Meinen Sie die warholschen fünfzehn Minuten Berühmtheit?

Wenn man sich Castingshows ansieht, wo junge Mädchen sagen, sie hätten nie von was anderem geträumt als Superstar zu werden, meine ich eher Prominenz als Berufsziel. Und Schäfer Heinrich aus „Bauer sucht Frau“ glaubt doch wirklich, er stehe zu Recht im öffentlichen Interesse. Da hat sich enorm viel verändert, zum Beispiel die Kamerascheu. Als ich eine Sendung zum 50. Geburtstag von Thomas Gottschalk gemacht habe, hab’ ich alte Sendungen aus der Fernsehgeschichte gesichtet. Ganz normale Bürger sind da noch als Saalkandidaten oder bei Straßenumfragen förmlich erstarrt, wenn ihnen jemand ein Mikro unter die Nase gehalten hat, die Hände an der Hosennaht, verbissen bemüht um korrekte Aussprache, Grammatik, um Seriosität; wenn Sie das mit heute vergleichen – da geht jeder doch voll aus sich raus, sobald ein Objektiv auf ihn gerichtet ist und jeder Landwirt aus Delmenhorst lässt ein RTL-Team in sein Schlafzimmer, falls es ihm ein paar Minuten Fernsehpräsenz in Aussicht stellt. Es gibt keinerlei Berührungsängste mehr mit dem Medium.

Was aber auch daran liegt, dass es nicht mehr mit dem Staatsfunk von damals assoziiert wird, der einen gewissen bürokratischen Respekt mit sich brachte, sondern mit dem kommerziellen Fernsehen, in dem alles geht.

Das stimmt. Auf Kanälen, wo sich jeder nackig macht, hat man auch selbst weniger Vorbehalte, den Kasper zu geben. Mit einem schlauen Satz wird man eben nicht halb so bekannt wie mit einer Verrücktheit. Deshalb erziehen die Leute vor der Kamera ihre Kinder oder lassen sich von Dieter Bohlen rund machen. Erstaunlich, was Menschen so mit sich machen lassen, um aus dem Schatten der Masse zu treten.

Das Prinzip heißt Fremdschämen.

So ist es. Das ist auch ein Antrieb, eine Figur wie Rüdiger Bunz zu erzeugen, der in die Richtung dieses britischen Supertalents Paul Potts geht, einem singenden Autohändler, der Leute in Opern lockt, die nie zuvor klassische Musik gehört haben. Vor zehn Jahren hätte der gute Paul schon noch etwas mehr bieten müssen.

Sein Erfolgsgarant ist das Mitleid, was ja auch Ihre Figuren kennzeichnet. Hausintern gelten Sie als Meister des Erbärmlichen.

Das hat meine Verlagschefin bei Fischer gesagt, als ich mein Buch veröffentlicht habe. Ein ganz treffender Begriff, wie ich finde. Die Pro-Sieben-Redakteure schämen sich tatsächlich oft ein wenig fremd, wenn sie fragen, ob das Schlafzimmer wirklich wieder so scheiße eingerichtet sein oder eine Figur so armselig wirken muss. Die hätten’s manchmal gern etwas stylischer.

Wobei es dem Sender guttut, hier und da mal an Style und Glamour zu sparen.

Absolut. Aber weil die Erwartungshaltung beim Publikum eben genau in diese Richtung geht, haben meine Produkte nie diese hohen Einschaltquoten wie amerikanische Serien.

Macht es Ihre Position schwerer, unablässig Fernsehpreise einzuheimsen, aber totales Quotengift zu sein?

Bislang nicht. Ich soll ja mit meinen Formaten nicht „Dr. House“ angreifen. Und der Sender weiß es durchaus zu schätzen, dass auch mal die „Süddeutsche“ oder die „FR“ was Nettes über ihn schreibt, statt immer nur draufzuhauen. Mein Rückhalt bei Pro Sieben ist echt. Und mir sind ein, zwei Millionen Hardcorefans lieber, die sich im Internet für den Verbleib einer Sendung einsetzen, als die doppelte Anzahl Zuschauer, denen es letztlich egal ist, was sie gucken.

Ist der Verlierertyp durch diesen Mut im Fernsehen humortauglich geworden?

Ja.

Und was macht gerade Verlieren so lustig?

Humor ist manchmal ein Stellvertreterkrieg. Wer über Verlierer lacht, tut dies auch aus dem Bedürfnis, dass einem so etwas nicht selber passiert. Andersrum ist es allerdings so, dass man sich mit jemandem, der auf die Fresse fliegt, leichter identifizieren kann als mit Familie Sonnenschein, weil die meisten von uns letztlich doch häufiger liegen als schubsen. Aus komödiantischer Sicht muss ich deshalb jemanden, der oben ist, wieder runterholen. Das ist die berühmte Fallhöhe. Scheitern ist Spaß, aber ich finde es spannender, kleine Leute als Superhelden scheitern zu lassen, weil das näher an mir dran ist. So wird aus purer Schadenfreude auch Anteilnahme. Erst bei der Suche nach dem Lustigen im Erbärmlichen habe ich entdeckt, wie nah beides aneinanderliegt. Der Graben darf nur nicht zu groß werden.

Was passiert dann?

Dann ist man eben schnell bei Lars von Trier oder, wenn’s schlecht läuft, auch bei Christian Petzold. Oder in der anderen Richtung bei „Ritas Welt“. Beides wäre mir nicht so recht.

Das Gespräch führte Jan Freitag

„Der kleine Mann“ läuft ab Dienstag um 22.45 Uhr auf Pro Sieben.

Quelle: F.A.Z.
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