13.01.2010 · Der Nachrichtensender N24 schlägt sich im Markt gut, dennoch will sich der Konzern Pro Sieben Sat.1 von ihm trennen. Das Management könnte N24 kaufen, dann wäre der einstige „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust mit von der Partie.
Der Nachrichtensender N24 schlägt sich im Markt gut, dennoch will sich der Konzern Pro Sieben Sat.1 von ihm trennen. Das Management könnte N24 kaufen, dann wäre der einstige „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust mit von der Partie.
Herr Ebeling, Ihren Äußerungen aus der jüngsten Zeit zufolge scheinen Sie Nachrichten im Fernsehen zu stören.
Das stimmt nicht. Nachrichten sind für uns wichtig. Um es klar zu sagen: Wir wollen auf unseren großen Sendern weiterhin Nachrichten im jetzigen Umfang zeigen und unserem gesellschaftspolitischen Auftrag gerecht werden. Aber wir denken auch über die Zukunft der Information im TV nach. Dazu muss ich das Problem unseres defizitären Nachrichtensenders N24 lösen. Die derzeit laufende Diskussion über Fernsehnachrichten ist von unserer Seite aus nicht eine über den Sinn von Nachrichten, sondern über die wirtschaftliche Situation von N24. Es ist doch unbestreitbar, dass Nachrichten heute beinahe zu einem öffentlichen Gut geworden sind, das vielerorts erhältlich ist, vor allem im Internet. Vor diesem Hintergrund sehen wir uns an, ob es zu traditionellen Produktionsmodellen gute Alternativen gibt.
Sollen Pro Sieben und Sat.1 demnächst ohne Nachrichten auskommen?
Nein. Wir tragen publizistische Verantwortung, dazu gehört die Information der Gesellschaft. Natürlich werden Sat.1, Pro Sieben und Kabel eins weiterhin Nachrichten zeigen. Dazu stehen wir. Ich stelle mir lediglich die Frage, ob es sinnvoller wäre, auch Zielgruppen, die wir mit traditionellen Nachrichten eben nicht erreichen, mit anderen Formaten für gesellschaftlich relevante Themen zu gewinnen, insbesondere auf den großen Sendern.
Aber was bedeutet das für N24? Was haben Sie mit dem Sender vor?
Eine von mehreren Optionen ist, den Sender zu verkaufen. Wir sehen uns jetzt genau an, welche potentiellen Interessenten es für N24 gibt und ob es möglich wäre, den Sender zu angemessenen Bedingungen zu veräußern. Falls sich dies abzeichnet, müssen wir schauen, wie wir künftig Nachrichten für unsere Vollprogramme erstellen - ob wir sie weiterhin über N24 beziehen oder eine andere Möglichkeit suchen.
Das heißt, N24 steht zum Verkauf.
Ja, wir prüfen das jedenfalls als eine von mehreren Optionen.
Gibt es schon Interessenten?
Bisher gab es nur lose Gespräche, um auszuloten, ob es generell Interesse an N24 gibt. Jetzt werden wir einen Verkauf konkreter prüfen. Dabei wird sich erst zeigen, ob eine Veräußerung überhaupt machbar und die beste Lösung ist.
Was wäre stattdessen denkbar?
Eine Alternative wäre, aus N24 einen Dokumentationskanal zu machen. Eine weitere Möglichkeit wäre, die Kostenbasis von N24 als Nachrichtensender deutlich zu senken und eine Form der Nachrichtenproduktion zu etablieren, die interessant ist, aber deutlich weniger kostet. Eine Schließung ist keine Option.
Was bedeutet es, wenn Sie von Kostensenkungen sprechen? Es ist davon die Rede, dass der Etat von N24 auf ein Drittel zusammengestrichen werden könnte.
Es ist viel zu früh, um über konkrete Zahlen zu sprechen. Zudem möchte ich kreative Konzepte für die Weiterentwicklung von N24 nicht von vornherein durch ein starres Zahlenkorsett einengen. Wenn Sie sich N24 in seiner heutigen Form ansehen und allein betrachten, dann macht der Sender einen zweistelligen Millionenbetrag pro Jahr Verlust. Andreas Bartl, der Chef unserer deutschen Sendergruppe, ist überzeugt, dass er adäquate Nachrichten für Pro Sieben, Sat.1 und Kabel eins auch günstiger einkaufen kann. Wir müssen uns also überlegen, wie wir angesichts der wirtschaftlichen Gesamtsituation eine tragfähige Basis finden.
Wie viel Geld wollen Sie denn für N24 haben?
Wir müssen realistisch bleiben. Es geht primär darum, eine Lösung und eventuell einen Partner zu finden, der auch inhaltlich ein gutes Konzept hat. Je nachdem wäre auch ein mehrjähriger Liefervertrag für Nachrichten für unsere Free-TV-Sender denkbar.
Sollte N24 verkauft werden, wäre im Paket also ein Dienstleistungsvertrag für Pro Sieben Sat.1 enthalten.
Das ist eine Option, die für viele Interessenten sicher interessant wäre. Finden wir einen Käufer, der selbst Nachrichtenanbieter ist und eine exklusive Marke in Deutschland aufbauen will, könnte es aber auch anders aussehen.
Gesetzt den Fall, N24 würde nicht von einem großen, vielleicht internationalen Medienhaus gekauft: Hätte der Sender als Solitär eine Chance?
In meinen Augen nur, wenn es N24 gelänge, seine Produktion zu erweitern und neue Formate zu finden. Als reiner Nachrichtensender ohne zusätzliche Inhalte ganz allein zu bestehen, hielte ich für schwierig.
Wie steht die Geschäftsführung von N24 zu dem beginnenden Verkaufsprozess?
Wir sind sehr eng im Dialog und haben auch die Mitarbeiter am Dienstag über unsere Überlegungen informiert. Bei N24 arbeiten hochkompetente, leidenschaftliche Journalisten, mit denen wir offen umgehen möchten. Der Geschäftsführer Torsten Rossmann hat uns mitgeteilt, dass er gemeinsam mit dem ehemaligen „Spiegel“-Chef Stefan Aust ein Konzept für einen Management-Buyout entwickelt, um N24 möglicherweise zu übernehmen. Wir wollen für N24 eine gute Lösung finden, die die Interessen der Mitarbeiter, der Zuschauer und unseres Unternehmens, aber auch der Gesellschaft und der Politik berücksichtigt. Wenn eine Lösung darauf hinausliefe, dass wir mit N24 vielleicht noch intensiver zusammenarbeiten - mit neuen, interessanten Formaten für unsere Gruppe -, würden wir das unterstützen, aber natürlich werden und müssen wir alle Konzepte und Angebote intensiv und ergebnisoffen prüfen.
Stehen andere Interessenten auf der Matte? Springer, Burda oder Murdoch?
Wie gesagt, wir haben bislang nur lose Gespräche geführt.
Die Rundfunkpolitiker haben Sie mit der Ankündigung, mit N24 nicht weiterzumachen wie bisher, aufgeschreckt. Bei den Landesmedienanstalten gibt es einen Vorschlag, der bedeutet, das Vollprogramme, Sendergruppen zumal, ihre Nachrichten eigenständig - also: selbst - produzieren. Was halten Sie davon?
Für mich stellt sich die Frage, ob es verfassungsrechtlich überhaupt zulässig ist, privaten Sendeunternehmen die Art und Weise vorzuschreiben, in der sie Nachrichten produzieren. Die zweite Frage ist, wie man „Nachrichten“ definiert. Und zum Dritten: Ist es sinnvoll, dem Privatfernsehen Nachrichtenquoten oder Investitionsquoten für Nachrichten vorzuschreiben, die es nicht einmal für den öffentlich-rechtlichen, aus Gebühren finanzierten Rundfunk gibt? Und was will man mit einer Nachrichtenquotierung erreichen? Politisch Interessierte beziehen ihre Informationen heute aus vielen Quellen und nicht mehr primär aus dem Fernsehen. Aus meiner Sicht ist vielmehr die Frage interessant, wie man Gruppen, die sich weniger für die Politik interessieren, für gesellschaftlich relevante Informationen begeistern kann. Soll es eine abendliche Zusammenfassung von Informationen sein, die im Laufe des Tages eingegangen sind? Ist es nicht wichtig, auch Formate zu schaffen, die anders Meinung bilden? Der Vorschlag der Landesmedienanstalten führt uns nicht zum Ziel, sondern verstärkt den asymmetrischen Wettbewerb mit den öffentlich-rechtlichen Sendern. Man sollte eher darüber nachdenken, wie man privaten Sendern die Refinanzierung ihrer Nachrichten erleichtert, etwa durch ein Werbeverbot im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, das die Landesmedienanstalten ja selbst diskutieren. Alternativ könnte man einen Teil der TV-Gebühren zur Finanzierung des Nachrichtenangebots zur Verfügung stellen.
Das klingt aber doch so, dass Sie sich von dem Rundfunkauftrag, der auch für private Sender gilt, Nachrichten, Information anzubieten, verabschieden und Sie das Jetzige für überholt halten.
Fernsehnachrichten behalten ihre Berechtigung. Die Themen und die Schlagzeilen des Tages muss man den Zuschauern vermitteln: Das ist heute passiert. Analyse und Kommentierung, auch das ist wichtig, aber wo finden Sie diese im Fernsehen? Und werden sie dort überhaupt gesucht? Mir scheint es genauso wichtig, denjenigen, die sich von der Politik vollkommen entfernt haben, auf attraktive Weise Orientierung anzubieten, wie sie zum Beispiel Stefan Raab auf Pro Sieben mit seiner Sendung zur Bundestagswahl gegeben hat.
Was sagt „die“ Politik, was sagen die Ministerpräsidenten zu Ihren Plänen? Da gibt es bestimmt Gesprächsbedarf.
Ich bin mit den Ministerpräsidenten seit letztem Jahr im Dialog. Die Resonanz ist differenziert, offen und durchaus auch verständnisvoll. Wir führen Einzelgespräche, haben die Politik informiert, dass wir einen Verkauf neben anderen Optionen ernsthaft prüfen, und bleiben im Dialog. Wir hoffen, dass auch dies zu einer guten Lösung für N24 beiträgt.
Und in welchem Zeitraum geht die Sache vonstatten?
Wir gehen davon aus, dass wir zum Ende des ersten Quartals eine Bewertung der verschiedenen Optionen vornehmen können. Erst danach werden wir entscheiden, ob ein Verkauf der richtige Weg ist oder ob wir eine der anderen Alternativen wählen.
Beim Ebeling fehlt mir das Tempo
peter Schuler (dentel_DE)
- 14.01.2010, 10:45 Uhr