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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Im Gespräch: Parteienforscher Jürgen Falter Immer dieselben Gesichter

 ·  Kein Zweiter saß so oft wie er im Studio von Sabine Christansen: Der Parteienforscher Jürgen Falter über seine Zeit als Talk-Dauergast, Interviews in Badewannen und im Schlaf und das Verschwinden der Hypotaxe.

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Auch der letzte Sendeplatz für eine Talkshow soll in der ARD einer Talkshow zum Opfer fallen. Rosige Zeiten für einen Mann wie Jürgen Falter. Der Wahl- und Parteienforscher, Professor für Politikwissenschaft an der Uni Mainz, über seine Zeit als Stammgast bei „Christiansen“ und die Mechanismen der Polit-Talkshow.

Es ist ein ziemlich weiter Weg von Ihrer Dissertation über die saarländische Landtagswahl 1970 zum „Parteienforscher der Nation“, wie Sie häufig genannt werden. Können Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt als Experte erinnern?

Das war mit 26 Jahren, zu der Zeit habe ich in Saarbrücken promoviert, für den Saarländischen Rundfunk. Das war reiner Zufall. Ein Schulfreund von mir wurde zur gleichen Zeit Moderator einer Radiosendung namens „Kultur aktuell“. Und wenn er einmal ein politisches Thema hatte, rief er mich an.

Wozu hat er Sie befragt?

Zu Parteien, Wahlen, Extremismus, meinen Forschungsgebieten. Ich habe versucht, eine strenge Themenhygiene zu üben, auch wenn das nicht immer gelingt. Ich kann aber ganz genau sagen, wie mein Durchbruch im Fernsehen kam. Ich habe 1991 meinen Bewerbungsvortrag an der Uni Mainz gehalten. Den Vortrag hat zufällig eine Planungsredakteurin des „heute journal“ gesehen. Zu der Zeit hatte ich viel über politischen Extremismus geforscht - und eines Tages rief mich Peter Voß, der damalige Anchorman der Sendung, an und wollte, dass ich live vor der Kamera etwas über den Aufstieg der Republikaner sage. Das schien ganz gut angekommen zu sein, denn danach trat ich noch ein paarmal im „heute journal“ auf - bis die Redaktion von „Christiansen“ mich für sich entdeckte. Und mich einlud und einlud und einlud.

Wie oft eigentlich?

23 Mal. Die haben mitgezählt, nicht ich. Damit war ich auf Platz drei der „ewigen Bestenliste“ der Meisteingeladenen.

Ein „Stern“-Autor nannte Sie zu der Zeit „das Schweinchen Schlau der deutschen Politik“. Ist so viel TV-Präsenz auch Fluch?

Mehr Segen, denn ich habe ja gleichzeitig weiter wissenschaftlich gearbeitet. Ich hatte mir schon vorher einen Ruf in meinem Fach erarbeitet - und der hat darunter nicht gelitten.

Sicher?

Ja, als Beleg dafür gibt es die sogenannten Reputationsbefragungen unter allen Mitgliedern der deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft. Das ist der Dachverband unseres Fachs. Die Mitglieder werden im Schnitt alle zehn Jahre gefragt, wen Sie in den gesamten Politikwissenschaften und in einzelnen Teilbereichen für den Besten, den Zweitbesten und so weiter halten.

Und?

2006 wurde ich unter allen deutschen Politikwissenschaftlern auf Platz sieben eingestuft und in meinem engeren Fachgebiet, der Politischen Soziologie, auf Platz eins. 1996 war ich da auf Platz drei, in den Methoden auf eins, bei allen aber noch nicht unter den ersten zehn. Es hat also eher geholfen. Andererseits gibt es natürlich Neid: Es gibt etwa das Fax eines Kollegen an die Redaktion von „Christiansen“: Darin schreibt er, mir wurde es gezeigt, der Falter sei doch jetzt schon dreimal eingeladen gewesen, dass sei ziemlich viel; warum man nicht ihn einlade, er könne das schließlich genauso gut.

Was war Ihr größter Fehler in Ihrer Expertenkarriere?

Vermutlich der, dass ich versuchte, nach dem Ende von „Christiansen“ möglichst objektiv über Stärken und Schwächen der Sendung zu reden. Neben allem, was ich gut fand, sagte ich in einem Interview, es gebe in meinen Augen zwei Schwächen: erstens würden zu viele Leute diskutieren. Und zweitens werde zu oft ein Gedanke bereits in der Entwicklung abgebrochen. Ergebnis: Ich wurde durch ein rüde formuliertes Fax von der Abschiedsfeier ausgeladen.

Gibt es Eifersüchteleien um Experten auch zwischen einzelnen Sendungen und Sendern?

Sicher. Ich bin zweimal vom „heute journal“ wieder ausgeladen worden, weil ich am Vorabend bei der ARD war. Einmal saß ich schon im Studio, war mit der Maske fertig, als der damalige Redaktionsleiter Wolf von Lojewski ganz aufgeregt zu mir kam und sagte, der stellvertretende ZDF-Chefredakteur habe beschlossen, das ginge nicht, einen Tag nach der Konkurrenz. Lojewski war das furchtbar peinlich. Seitdem war ich noch höchstens ein oder zweimal beim ZDF. Auch von Maybrit Illner, die ich persönlich einigermaßen gut kenne, wurde ich nie eingeladen, weil ich für sie zur Konkurrenz zählte. Ich war gebrandet, was ja auch stigmatisiert heißt.

Dann waren Sie wohl auch nie bei „Anne Will“ eingeladen?

Nein, war ich nicht. Die Rolle der Experten wurde aber insgesamt zurückgefahren - zugunsten der „Betroffenen“, für die Anne Will ja sogar extra eine Couch einrichtete.

Die ARD hat Günther Jauch für den Sonntag verpflichtet und opfert für ihr neues Programmschema - Talk von Sonntag bis Donnerstag - den letzten Platz für eine Dokumentation in der Primetime. Klingt nach einer rosigen Zukunft für Sie als Talkshowprofi, oder?

Ich finde das trotzdem unmöglich. Ein Grund dafür mag aber auch sein, dass Talk eines der billigsten Sendeformate überhaupt ist. Wenn Sie in der Zeit eine Doku, eine Reportage oder gar einen Fernsehfilm bringen, kostet das ein Vielfaches.

Aber Sie müssen doch dafür sein, mehr oder minder politisch angehauchte Talkshows passen doch so schön zum öffentlich-rechtlichen Auftrag . . .

Ich habe prinzipiell nichts gegen Talkshows, finde viele aber grauenhaft und sehe mir selber nur ganz wenige an. Ich empfinde es meist als vertane Zeit. Immer dieselben Gesichter, Meinungen, Hahnenkämpfe.

Wenn Sie Talkshows so kritisch sehen, die immer gleichen Gesichter beklagen: Warum haben Sie sich dann selbst so oft reingesetzt?

Es hat mir Kontakte und Einblicke in die Politik gebracht, die ich als „einfacher“ Universitätsprofessor nie bekommen hätte. Eine Zeitlang kannte ich die gesamte Spitzengarnitur der politischen Klasse und kenne sie auch heute noch weitgehend. Es hat mir sogar ein persönliches Gespräch mit der heutigen Bundeskanzlerin, einem ihrer Vorgänger und einem ehemaligen Bundespräsidenten gebracht.

Das erklärt noch nicht die Motivation?

Neugierde. Es war für mich eine neue Welt, die ich kennenlernen wollte und die mir sicher auch benefits brachte: Kontakte, Einladung zu Vorträgen, zu Podiumsdiskussion, die zum Teil auch gut bezahlt werden. Aber irgendwann merkt man, dass die Politik ein völlig anderes Wahrheitsverständnis hat als die Wissenschaft oder der Journalismus. Während der Journalist und der Wissenschaftler wissen wollen, was ist, will der Politiker nur wissen, was es ihm bringt. So werden in der Politik ja auch wissenschaftliche Expertisen behandelt: Wenn sie etwas nutzen, arbeitet man mit ihnen, wenn nicht, verschwinden sie in der Schublade. Es geht nicht um Austausch und Dialog, sondern schlicht um Macht und Machterhalt. Das langweilt auf Dauer, wenn Sie es einmal durchschaut haben.

Sie sollen aber sogar morgens, Sie schliefen, ans Telefon gegangen sein und an einer Livesendung im Radio teilgenommen haben - und auch schon in der Badewanne Telefoninterviews gegeben haben. Das macht man doch nur, wenn man ein wenig süchtig ist.

Da hatte ich einen abgesprochenen Termin verschlafen. Im Übrigen behaupte ich nicht, dass ich das nicht gerne gemacht habe. Es ist eine Herausforderung - Sie müssen präsent sein, Sie müssen schlagfertig sein und dann doch eine möglichst gute Figur abgeben. Das ist nicht mein vorrangiges Ziel, aber so eitel bin ich dann doch. Ich freue mich einfach über Beifall.

Sie sagten einmal einen erschreckenden Satz: Im Fernsehen müsse man reden wie Franz Müntefering. Nur Hauptsätze!

Wenn ich wirklich wie Müntefering redete, wäre ich nicht so oft eingeladen worden. Aber ich achte schon darauf, dass die Nebensätze nicht ausufern.

Haben sich die Anforderungen an den Experten durch die vielfältigere Konkurrenz der Medien verändert?

Nein, ehrlich gesagt nicht. Es gibt weiterhin sehr typische Unterschiede zwischen den einzelnen Medien. Es gibt etwa Medien, die Kampagnenjournalismus betreiben und einen Experten suchen, damit der ihre vorgefasste Meinung bestätigt. Manche sind da ganz ehrlich, rufen an, hören sich meine Einschätzung an und sagen dann: Tut mir leid, können wir nicht gebrauchen. Wenn Sie nicht so vornehm sind, schneiden Sie den entscheidenden Relativsatz in der Mitte raus - und haben die Aussage, die sie hören wollten.

Ist Ihnen das schon passiert?

Ja, mit einem privaten TV-Sender. Ich habe daraufhin den Kontakt abgebrochen.

Sie tauchen in „Bild“, „BamS“ und auch bei RTL als Experte auf. Man könnte auch sagen: Sie sind schmerzfrei?

Nicht ganz. Es gibt Dinge, die ich nicht mache: für die „Super Illu“ oder die so genannte „Yellow Press“ etwa habe ich noch nie ein Interview gegeben. Auch nicht für Blätter, die ganz weit rechts oder links stehen. Ich versuche schon im seriösen Spektrum oder zumindest in dem Bereich zu bleiben, der eine wichtige Multiplikatorenfunktion hat: „Bild“ zum Beispiel. Außerdem: Statements für private Sender sind ein leicht verdientes Taschengeld.

Zahlen alle? Und wie viel?

Die Öffentlich-Rechtlichen zahlen für O-Töne nicht, nur für Studio- und Telefoninterviews, die Privaten immer. Da bekommen Sie 200 bis 300 Euro. Warum sollte ich das nicht machen?

Interview Volker Corsten

Quelle: F.A.S.
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