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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch mit Wolf Bauer Antworten auf die digitale Revolution

 ·  Wechselvoll ist die Geschichte der Ufa. Ihr Vorstandsvorsitzender will die Filmfirma fürs Zeitalter des Internets umbauen. Was er genau plant, erklärt Wolf Bauer im F.A.Z.-Interview.

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© RTL Die Verhältnisse zum Tanzen bringen und so das digitale Abenteuer bestehen: Szene aus „Alles was zählt“, der Daily Soap, welche die Ufa seit 2006 für RTL produziert

Die Ufa ist mit ihren Tochterunternehmen hierzulande in Film und Fernsehen die größte private Produktionsschmiede. Wie zu hören ist, wollen Sie nun radikal umbauen. Warum?

Wir sind nicht immer die große Ufa gewesen, auch wir haben einmal klein angefangen. Vor zwanzig Jahren verfügten wir über ein Produktionsvolumen von ungefähr zehn Millionen Euro pro Jahr. Damals haben wir die sogenannte Label-Struktur eingeführt und die besten Talente an Bord geholt: Unser Unternehmen ist aufgeteilt in verschiedene Marken, die jeweils für ein Programmgenre stehen: Grundy Light Entertainment für Unterhaltung, Grundy Ufa für tägliche Dramaformate, Teamworx für große fiktionale Eventprogramme und TV-Movies, Phoenix und Ufa-Fernsehproduktion für Hauptabendserien und Krimireihen. Diese Struktur, viele kleine Unternehmen in einem Großen zu vereinen, hat uns sehr geholfen, in einem guten Marktumfeld zu wachsen. Heute erarbeiten wir mehr als das Dreißigfache des einstigen Umsatzvolumens.

Warum also wollen Sie etwas ändern?

Wir befinden uns in einer völlig neuen Situation. Die digitale Transformation reißt alle Mediengeschäfte mit. Dem stellen wir uns und strukturieren deshalb die Ufa um. Wir wollen die Ufa zukunftsfähig machen und unsere Innovationsfähigkeit weiter ausbauen. Wir wollen die kreativen Fähigkeiten unserer Labelchefs und ihrer Kreativteams noch stärker für die gesamte Ufa nutzen. Wir wollen ihre Energien für eine genreübergreifende Entwicklung von neuen Ideen, Formaten und Programmen entfesseln und uns neben dem klassischen Development auf die neuen inhaltlichen Anforderungen des digitalen Marktes einstellen.

Sie wissen, dass unsere Geschäftsführer keine Manager sind, die Manager managen, vielmehr entwickeln sie fortwährend selbst Programmideen, verkaufen und produzieren ihre Visionen. Nehmen wir die zweite Kreativebene dazu, haben wir einen relativ großen Kreis von vierzig bis fünfzig herausragenden Programmmachern, die wir nun genre- und medienplattformübergreifend in einen neuen Ideenentwicklungsprozess einbinden. Tatsächlich werden an uns immer komplexere Aufgaben herangetragen, von unseren bestehenden Kunden, den Fernsehsendern, aber auch von neuen Spielern im Markt wie Hulu, Netflix oder auch Apple und Youtube, die Interesse an Inhalten haben. Diese komplexen Anforderungen müssen mit komplexen Lösungen beantwortet werden.

Und wie sieht das dann genau aus?

Das Führungsteam der Ufa hat eine tiefgreifende Neuorganisation für das Unternehmen entwickelt. Wir werden die neue Ufa in drei Produktionseinheiten gliedern: einmal in den Bereich „Entertainment“, zum Zweiten in den Bereich „Daily Drama“, und zum Dritten bündeln wir die Fiktionlabels für Kinofilm, Serien, Fernsehfilme und Event-Produktionen in einer „Fiction Unit“. Wir werden unsere sehr gut eingeführten Einzelmarken weiter nutzen, gleichzeitig aber die entstandenen Parallelstrukturen, die es bei einzelnen Ufa-Labels gab, besser zusammenführen. Phoenix Film ist von dieser Maßnahme noch ausgenommen, weil es sich um eine Beteiligung der Ufa handelt. Wir haben vor unserer Umorganisation eine Studie über die Zufriedenheit unserer Kunden durchgeführt, die darlegt, dass Fernsehsender von Produzenten zunehmend multimediale Lösungsangebote für Programme erwarten. Bei insgesamt sehr positiver Bewertung unserer Leistungen ergab sich, dass die Sender durchaus den Wettbewerb der Ideen aus unserem Haus schätzen. Den ihnen gegenüber ausgetragenen Wettbewerb unserer einzelnen Labels untereinander dagegen weniger. Das haben wir begriffen.

Welche Konsequenzen hat das?

Die Erneuerungsprozesse werden sich auf zwei Ebenen vollziehen. Einmal auf der Ebene der drei bereits genannten produktionsspezifischen Einheiten und zum anderen auf der Ebene von neu zusammengesetzten Kreativteams, die unter Anleitung der Geschäftsführer jeweils bestimmte Zukunftsthemen bearbeiten. Wir vernetzen also unsere kreativen Köpfe in einem Entwicklungsprozess, der auch ganz andere Ideen als bislang hervorbringen kann. Schon im heutigen Fernsehprogramm sehen Sie ja, dass Mischformen Konjunktur haben. In den erfolgreichen Castingshows finden wir zunehmend dramaturgisch komponierte Backstories der einzelnen Kandidaten. Bei Realityformaten oder Doku Soaps finden Sie die Variante der Scripted Reality, und Sie finden vor allem Zusatzangebote zu Programmen auf den sogenannten Second Screens.

Nutzer, die sich etwa „GZSZ“ anschauen, kommunizieren parallel auf einer Social Community Website und nutzen Zusatzinformationen über ihre Lieblingscharaktere. Und wenn sich nun zudem neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Programmaggregatoren im Online-Bereich ergeben, sehen Sie die Anforderungen, die wir zukünftig bewältigen wollen. So haben wir gerade in einem europaweiten Pitch zwei Themenkanäle bei Youtube gewonnen, die wir zukünftig als Produzenten ausgestalten wollen. Oder denken Sie an unser Transmediaprojekt „Wer rettet Dina Foxx?“ - eine Kriminalgeschichte, die im ZDF beginnt und im Internet unter Beteiligung der Nutzer fortgeführt wird.

Gibt es die Ufa Cinema, die Ufa-Fernsehproduktion, die Unterhaltungstochter Grundy Ufa, die Serien- und Spielfilmschmieden Phoenix Film oder Teamworx dann nicht mehr?

Die Markennamen bleiben erhalten. Sender kaufen ihre Programme nicht bei einer Firma, sondern bei begabten Produzenten. Es gibt im Wesentlichen zwei kritische Erfolgsfaktoren, die über Erfolg oder Misserfolg eines Produktionsunternehmens entscheiden. Zum einen die überlegene Fähigkeit, Ideen, Formate und Programmkonzepte für unterschiedliche Zielgruppen und Nutzungsarten zu kreieren. Zum anderen, das daraus entstehende Programm in bester Qualität zu niedrigstmöglichen Kosten zu realisieren. In beiden Bereichen wollen wir uns noch weiter verbessern.

Was bedeutet das denn für Ihre Geschäftsführer, die Freiräume und Verantwortung bekanntlich sehr schätzen? Ihr Umbau klingt nach einem Mammutprozess, bei dem am Ende einer im großen Kreis eine Idee hat und 39 oder 49 andere reden ihm oder ihr dann rein.

Das wäre eine Albtraumvorstellung. Nein, im Gegenteil. Kreative Freiräume und persönliche Verantwortung werden nicht nur erhalten, sondern sogar gestärkt. Wir wollen einerseits als Führungsteam die Innovationsprozesse für die Entstehung erfolgsträchtiger Programmkonzepte noch besser steuern, und wir wollen noch stärker als bisher gemeinsam programminhaltliche Debatten führen. So zum Beispiel ganz aktuell zu der Frage, mit welchen Stoffen unser Angebot an internationalen Drama-Serien vergrößert werden kann. Oder etwa welche Konsequenzen sich aus verändertem Nutzerverhalten für unsere bestehenden Programme ergeben. Im Markt sehen wir heute eine Vielzahl neuer Partner auf uns zukommen, die Programmbedarf anmelden. Die Anzahl der entwickelten Projekte wird sich deshalb in der nächsten Zeit deutlich steigern müssen.

Zudem sehen wir heute mehr denn je die Notwendigkeit, Ideen nicht mehr nur auf Papier, sondern über vorproduzierte Projektpiloten anzubieten. Also 10 bis 15 Minuten auf eigenes Risiko produziertes Material, das die Vision des Konzepts emotional und sinnlich wahrnehmbar macht. Wir wollen zudem unsere kreativen Köpfe noch stärker in die unternehmerische Verantwortung nehmen. Das Anforderungsprofil für unsere Produzenten heißt in Zukunft „Creative Entrepreneur“, es umfasst die komplette Bandbreite produzentischer Tätigkeiten, also von der Fähigkeit, Ideen und Formate zu entwickeln, über deren Verkauf bei den jeweiligen Partnern bis zur erfolgreichen Umsetzung der jeweiligen Produktion. Zudem erhalten unsere Creative Entrepreneurs eine klare Verantwortung für Etat und Deckungsbeitrag. Wir schaffen damit Anreize für viele Kreative, selbst Unternehmer in unseren Unternehmen zu werden.

Wenn Sie von solchen Parallelstrukturen sprechen, klingt es so, als würden Sie Leute entlassen.

Wenn man ein Unternehmen so durchschüttelt, wie wir das gerade tun, sind alle Möglichkeiten offen. Wir werden sicher Strukturen verschlanken oder zusammenführen. An anderer Stelle werden wir aber auch neue Talente in unser Unternehmen holen.

Und Ihren Unternehmenssitz in Potsdam bauen Sie auch um.

Wir werden alle Unternehmenseinheiten, die bislang in Berlin verteilt sind, nach Potsdam holen. Dies gilt nicht für die Phoenix Film. Die Grundy Light Entertainment bleibt selbstverständlich in Köln. An unserem Hauptsitz gestalten wir eine Architektur, die unsere neue Kommunikationsstruktur aufnimmt und unser optimiertes Innovationsmanagement unterstützt. Wir wollen unser Unternehmen also in inhaltlicher wie auch in baulicher Hinsicht für unsere digitale Zukunft ausgestalten.

Die Ufa Film- & TV-Produktion zählt zu den größten Produktionsfirmen des Landes. Sie produziert Kinofilme sowie Serien, Shows und Spielfilme für alle vier großen Sender, ARD, ZDF, RTL und Sat.1. Die Ufa gehört zur RTL-Gruppe, die wiederum eine Tochtergesellschaft von Bertelsmann ist. Zu Bertelsmann gehört die Ufa seit 1964. Unter dem Dach der Ufa findet sich rund ein Dutzend Tochtergesellschaften, das Produktionsangebot reicht von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ über „Deutschland sucht den Superstar“ bis hin zu den Qualitätsfilmen etwa der Tochterfirmen Teamworx und Phoenix. Der Umsatz der Ufa lag in der jüngsten Vergangenheit bei jeweils knapp 300 Millionen Euro pro Jahr. Die Zahl der dauerhaft festangestellten Mitarbeiter liegt bei ungefähr dreihundert, die Zahl der an Projekte gebundenen Mitarbeiter beträgt etwas das Zehnfache. (F.A.Z.)

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