Helmut Markwort hat das Nachrichtenmagazin „Focus“ 1993 erfunden und zu einem veritablen Konkurrenten des „Spiegels“ gemacht. Die Chefredkation gibt er im Herbst ab, bleibt aber Herausgeber des Blattes. Im Gespräch erläutert er die Zukunftsperspektive - für den „Focus“ wie für sich selbst.
Am nächsten Montag erscheint der neue „Focus“. Damit kommen Sie – historisch gesehen – eine Woche zu spät.
Richtig. Wir wollten ihn eigentlich zum Geburtstag präsentieren, das wäre der 18. Januar gewesen, zu dem „Focus“ vor siebzehn Jahren zum ersten Mal erschien. Aus redaktionellen Abläufen heraus haben wir die Sache um eine Woche verschoben.
Seit siebzehn Jahren erscheint „Focus“, nun wird das Heft runderneuert. Dafür schien es wohl an der Zeit.
Wir haben uns Gedanken darüber gemacht, dass wir etwas verbessern und unsere Geschichten vertiefen müssen. Wir haben festgestellt, dass unsere Leserschaft nicht so stabil ist, wie wir uns das wünschen. Wir verkaufen mit einem Titel eine hohe Auflage am Kiosk und gewinnen viele Leser, die sind aber manchmal am kommenden Montag schon wieder weg. Zudem sehen wir, dass „Focus“-Leser stärker als andere das Internet nutzen. Wir wollen deshalb mehr Bindungskraft schaffen, vertiefender, vielleicht etwas weniger flüchtig. Daran haben wir seit März 2009 gearbeitet, in drei Gruppen, die hießen Alpha, Beta und Ypsilon. In Klausuren am Spitzingsee haben sich die Arbeitsgruppen x-mal getroffen, ihre Projekte voreinander geheim gehalten und enthusiastisch gearbeitet, dann haben wir die Vorschläge zusammengeführt, in der Hoffnung, dass den Lesern die neuen Seiten von „Focus“ gefallen. Wir haben keine Berater von außen geholt, sondern alles in der Redaktion entwickelt. Die Kollegen waren begeistert.
Was macht den neuen „Focus“ aus?
Er ist optisch überarbeitet, arbeitet mit größeren Fotos. Wir zeigen ein paar neue Rubriken und Kolumnen und gehen bei einzelnen Themen stärker in die Tiefe.
Sind Titel wie „Die 500 besten Anwälte“, „Die 100 besten Orthopäden“, passé?
Nein. Das ist nicht vorbei, darin liegt eine Kernkompetenz: news to use. Unsere Hefte mit den Übersichten – „die besten Anwälte“ und so weiter – sind diejenigen, die sich am besten verkauft haben. Wir arbeiten schon an neuen Listen. Das ist ein gutes Beispiel: Die Ärzte-Hefte haben wir bestens verkauft, und in der Woche darauf waren manche Leser wieder weg. Die wollen wir halten. Es geht keinesfalls um einen radikalen Kurs- und Themenwechsel, mit dem wir unsere Stammleser eventuell verprellen würden.
Die Auflage des „Focus“ ist gesunken. Bereinigt von Sonderverkäufen liegt sie bei 580 000 Stück. Es gab Zeiten, da schienen Sie zum „Spiegel“ aufzuschließen, der bei rund einer Million liegt.
Wir haben uns nie am „Spiegel“ gemessen. Es gibt zwei Nachrichtenmagazine in Deutschland. Wir sind solide im Markt. Wir haben Sonderverkäufe reduziert und beteiligen uns nicht mehr an Prämienschlachten um Abonnenten, mit denen sich die Verlage bekämpfen, weil es wirtschaftlich keinen Sinn ergibt. Statt mit Kaffeemaschinen wollen wir mit den neuen Seiten des „Focus“ neue Leser gewinnen.
„Focus“ bekommt auch in anderer Hinsicht ein neues Gesicht: Wolfram Weimer wird Chefredakteur, neben Uli Baur. Weimer sollte im Herbst ran, jetzt kommt er am 1. März, um zu übernehmen.
Das will ich gerne aufklären. Wolfram Weimer wird am 1. September – wie seinerzeit mitgeteilt – Chefredakteur von „Focus“ zusammen mit Uli Baur. Am 1. März kommt Weimer zu einer Aufwärmphase und wird Entwicklungsarbeit leisten. An der aktuellen Produktion ist er noch nicht beteiligt. Er wird die Redakteure kennenlernen, reisen, Autoren gewinnen. Wolfram Weimer war ursprünglich bei Ringier als Chefredakteur von „Cicero“ bis zum 30. Juni gebunden. Wir haben uns gefreut, dass er früher einsteigt, damit er bei uns alles kennenlernen kann. Er fungiert zunächst als Entwicklungschef.
Also hat „Focus“ ein halbes Jahr lang drei Chefredakteure.
Nein. Zwei Chefredakteure, Wolfram Weimer ist einer von beiden vom 1. September an.
Es sieht so aus, als schüfen Sie vollendete Tatsachen: Weimer kommt früher, aber doch zu spät. Wollen Sie ihm von Beginn an zeigen, wo es langgeht?
Um Himmels Willen nicht! Es tut mir schrecklich leid, dass durch einige bösartige Darstellungen dieser Eindruck von Feindseligkeit vermittelt worden ist. Im März 2009 haben wir mit unserer internen „Renovierung“ begonnen. Im September gab es erste Gespräche mit Wolfram Weimer. Ich habe ihm sofort von unserem Vorhaben berichtet. Er weiß, dass Uli Baur bei Werbeagenturen und Firmen unsere Pläne präsentiert hat. Den Prozess wollten und konnten wir nicht stoppen, wir hätten sonst ein Jahr lang Stillstand gehabt. Wolfram Weimer weiß das auch. Wir haben ihm die neuen Seiten gezeigt. Dass manche in der Öffentlichkeit eine Rivalität suggerieren wollten, tut mir leid, für ihn und für die Redaktion.
Kein Affront und kein Zerwürfnis mit dem Verleger Hubert Burda?
Überhaupt nicht. Was Sie dazu vielleicht gelesen haben, stimmt nicht. Ich will mich nicht selber loben, aber auf seinem Neujahrsempfang hat Hubert Burda gerade eine schöne kleine Rede auf mich gehalten, woraufhin es zu herzlichen standing ovations kam, minutenlang. Hubert Burda und ich sind freundschaftlich verbunden, zwischen uns passt kein Titelblatt.
Was geschieht am 1. September? Dann sind Sie immer noch Herausgeber – also heimlicher Chefredakteur? Im Vorstand von Burda sitzen Sie bis Ende des Jahres.
Vom 1. September an werde ich zwei Aufgaben erfüllen, das haben wir in einem neuen Vertrag festgelegt: Ich werde für die Dauer von zwei Jahren Herausgeber von „Focus“ und behalte die Zuständigkeit für die Radio- und Fernsehbeteiligungen des Unternehmens. Aber ich werde die Chefredakteure in ihrer Tagesarbeit nicht stören. Ich habe mir vorgenommen, ein dezenter Herausgeber zu sein. Ich werde in die Tagesarbeit nicht eingreifen. Als „Reporter“ bleibe ich aktiv und gebe Hinweise und Informationen an die Chefredakteure weiter – sonst aber nichts. Meine Kolumne, mein Tagebuch, das von manchen geschätzt wird, werde ich weiterhin jede Woche abliefern. Aber das ist kein Grund dafür, dass die beiden Chefredakteure nicht selber schreiben, und zwar vorne im Magazin. Meine Kolumne können die Chefredakteure irgendwo im Heft platzieren, wie sie es für geeignet halten.
„Focus“, seine Ableger und weitere Magazine sind Ihr Beritt bei Burda. Was wird daraus, wenn Sie gehen?
Meine Vorstandsbereiche werden aufgeteilt. „Focus“, der Hamburger Verlag Milchstraße, der „Playboy“, das geht an Philipp Welte über. Den Bereich Radiobeteiligungen übernimmt Paul Bernhard Kallen. Dort sind Burda und ich ja Partner, ich bin selbst Radiounternehmer und werde es weiter sein.
Sehen Sie den „Focus“ in guten Händen, oder gehen sie zagend?
Der „Focus“ ist und bleibt mein Baby, auch wenn ihn andere wickeln. Er ist ja auch längst erwachsen geworden. Ich übergebe den beiden Chefredakteuren eine hervorragende, vielseitige Redaktion mit phantastischen Individuen, begabten und gebildeten Kollegen. Uli Baur und Wolfram Weimer werden das sicherlich sehr gut machen. Ich werde sie mit Sympathie beobachten. Natürlich ist es schwer, ein solches Magazin aus der Hand zu geben. Aber ich habe lange darüber nachgedacht, es zählt schließlich zu den Aufgaben von Gründern und Unternehmern, sich auf die Übergabe der Geschäfte vorzubereiten.
Der „Focus“ gilt seit geraumer Zeit als großer Verlustbringer.
Wir haben noch nie Verlust gemacht, auch 2009 gab es einen kleinen Gewinn. Die Rückgänge im Anzeigengeschäft sind kein „Focus“-, sondern ein Gattungsproblem, das insbesondere die Nachrichtenmagazine und Zeitschriften trifft, die sich verstärkt an ein gebildetes, männliches Publikum wenden, weil unsere Hauptwerbekunden gerade auch die Branchen sind, die besonders stark unter der Wirtschaftskrise leiden: Auto, Banken, Finanzdienstleistungen. Wir haben aber kein Minus gemacht, doch ist auch ein kleines Plus für „Focus“ zu wenig.
Aber um einen Stellenabbau kommen Sie nicht herum?
Da geht es uns leider wie vielen anderen. Wir müssen auch in der Redaktion sparen. Wir besetzen keine Stelle, die frei wird, und versuchen, in Einzelgesprächen sozialverträgliche Lösungen zu finden.
Sie fürchten nicht, dass Weimer eine Reform der Reform unternimmt?
Warum soll ich das fürchten? Ich bin voller Hoffnung, dass er viele neue Ideen und Gedanken mitbringt, sicher auch gute Autoren für das Blatt gewinnt. Das wird einen neuen Schub geben. Eine solche Zeitschrift ist jede Woche neu, sie wird immer weiterentwickelt. Ich denke, wir müssen sogar erwarten, dass Baur und Weimer dem „Focus“ noch einmal einen neuen Drive geben. Ich freue mich darauf, dass mich als Leser der „Focus“ positiv überrascht.
Die Fragen stellte Michael Hanfeld.
Helmut Markwort und "Focus"
Klaus D. Wolf (LaoK)
- 23.01.2010, 17:40 Uhr
Nicht viel gelernt
Closed via SSO (Morrissey)
- 23.01.2010, 19:58 Uhr
Wenn dann noch der ...
Wilko Schröter (wilko0070)
- 25.01.2010, 12:33 Uhr