Am Samstag ist CSU-Parteitag, am Montag soll Horst Seehofer zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Ob das alles mit der Lage des Landes noch etwas zu tun hat, das ist derzeit die Frage in Bayern. F.A.Z.
Herr Polt, war das eine Überraschung für Sie, dieser CSU-Schicksalswahlabend?
Fast jeder hat gewusst, dass es passieren würde. Man musste sich nur bei den Leuten umhören, die immer am Puls der Zeit sind – bei den Wirten. Die Indianer haben immer die Vögel gefragt, wie’s Wetter wird, die Meteorologen schauen sich die Indianer an, und ich täte immer die Wirte fragen. Die sind ein guter Indikator.
Hat sich am Ende das legendäre anarchische Gen der Bayern gemeldet?
Ich weiß überhaupt nicht, ob die Bayern ein Gen haben. Ich fürchte, dass das alles viel normaler abläuft, als man glaubt. Ich neige dazu, an keine großen Veränderungen zu glauben. Nehmen wir mal die Frage: der Schweinsbraten in Bayern. Glaubt irgendjemand, dass der mit oder ohne CSU in Bayern besser wird?
Eine hintergründige Rolle scheint Edmund Stoiber gespielt zu haben.
Die großen Biographien kommen schon noch. Aber ich weiß noch nicht einmal, ob ich so ein Buch dann lese. Egal, in welches Lokal man bei uns hineingeht, überall kriegt man seinen Stoiber serviert, das weiß man ja vorher. Aber richtige Separatisten gibt es bei uns schon lange nicht mehr. Auch die Bayernpartei ist praktisch verschwunden. In Italien schaut das noch ganz anders aus, da haben noch einzelne Familien viel Macht.
Aber die italienischen Zustände sind nicht auf Bayern übertragbar. Bekommen wir am Ende doch ein Stoibersches „Europa der Regionen“?
Ich glaube, dass es viele Leute gibt, denen das alles im Grunde völlig wurscht ist. Sie sind halt da, wo sie sind, und waren noch nie woanders. Man spricht immer von der großen Mobilität, aber ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich durch meinen Ort gehe und die Leute frage: Wo warst du denn? Dann sagen die: auf den Seychellen, ja, aber bloß vierzehn Tage. – Und wie war’s? – Schön. Warm war’s auch. Wunderbar. Und dann gibt es noch immer die Leute – und das sind gar nicht so wenige die waren in ihrem Leben zweimal in München. Einmal, da war er noch jung, da ist er durchgefahren zum Reichsparteitag nach Nürnberg, und einmal war er dort mit den Schützen beim Oktoberfestzug. Und es gibt Leute, die praktisch noch nirgendwo waren. Die wollen gar nicht irgendwo hin. Solche Leute finde ich interessant. Die sagen: Ich bin ja schon da, ich brauch’ gar nicht irgendwohin.
Der Wahlkampf klang so, als habe Bayern ein Migrationsproblem: Die Politiker redeten vom Zuzug der Fremden, meinten aber innerdeutsche Zuzügler.
Das ist der große Schwachpunkt der Politik – dass sie ständig über Leute hinwegredet. Man spricht von der Bevölkerung als statistischem Wert. Aber das ist keine Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist derartig vielfältig, dass sich das ein Politiker überhaupt nicht erträumen kann. Deshalb werden aufgrund von statistischen Wahrheiten Gesetze gemacht: Der Raucher muss dieses tun, der Schüler muss jenes machen. Aber wer ist der Schüler? Wer ist der Raucher? Ich habe das Gefühl, ich brauchte ein ganzes Leben, um das herauszufinden, und selbst dann wüsste ich es noch nicht.
Es war lange Zeit die Stärke der CSU, dass sie dieses Gefühl erzeugt hat, dass sie die Leute eingebunden hat in dieses Gefühl. Oder war das nur ein Mythos?
Das ist vielleicht nur eine Sage. Oder eben ein Gefühl, aber Gefühle verändern sich. Wenn man in ein Wirtshaus geht, riecht man den Schweinsbraten. Aber wenn man länger drin ist in der Wirtschaft, dann fällt einem der Geruch nicht mehr auf.
Die Staatspartei hat die Gleichung Tracht gleich katholisch gleich Heimat gleich CSU aber gut besetzt gehabt.
Der Sommerstoiber.
Josef Müller, der Ochsensepp, der erste CSU-Vorsitzende, ist noch im schwarzen Anzug gegangen. Den fand er passender.
Die waren alle noch in Zivil. So wie der Stoiber mal zum Erwin Huber gesagt hat, von heute an solle er sich nur noch staatsmännisch anziehen. Da habe ich mir gedacht, man sollte dem Huber einen Stresemann kaufen. Da passt er gut hinein.
Der zurückgetretene Erwin Huber hat es auch als CSU-Vorsitzender nicht geschafft, staatsmännisch zu wirken.
Es gibt Leute, die haben von Haus aus ein staatsmännisches Auftreten. Die anderen sind Politiker, die ihre Figur nicht gepackt haben. Das ist wie am Theater: Es gibt Rollen, die einer sehr gut erfüllt, und deswegen bekommt er eine Aura. Der andere kann anziehen, was er will, das hilft nichts. Da kann der Garderobier machen, was er will. Einen Hermelin umhängen? Deswegen wird der König nicht ernster.
Die Dirndl-Verweigerung durch Marga Beckstein war ein großes Thema. Warum hat sie die Tracht verweigert?
So eine Frage hochzustilisieren ist affig und blöd. Da würde es mir gehen wie dem Reich-Ranicki – das ist niveaulos. Man muss der Frau überlassen, was sie anzieht.
Da geht es hin, das Mir-san-mir-Gefühl.
Schon der Begriff ist doch verdächtig. Wenn einer sagt „Mir san mir“. Wer „mir“? Wer ist das? Früher hat man gesagt: Mir san mir und schreiben uns uns.
Auch die Grünen sind nicht wirklich zum Zug gekommen.
Der Auseinandersetzung hat die Theatralik gefehlt. Das Gefühl, dass in Bayern um existentielle Probleme gerungen wird, fehlt in der Politik. Wie die Politiker im Parlament reden, zeigt, dass sie eine Rolle spielen wollen. So wie der Huber. Der kann nicht Hochdeutsch, aber er will es um jeden Preis, weil er dann wuchtiger wirkt. Es geht um die Wirkung. Viele verbiegen sich, und das spürt man. Es redet aus ihnen. Alles ist angelernt, manieriert.
Der Grüne Sepp Daxenberger wirkt authentisch. Das hat auch nicht geholfen.
Kann sein, dass er für bestimmte Milieus wieder nicht passt. Da sind wir wieder bei den vielen Wirklichkeiten. Trotz gestiegener Informationsmöglichkeiten habe ich nicht den Eindruck, dass sich die Leute besser kennenlernen würden – im Gegenteil: Das Nichtwissen vom Nachbarn ist erschreckend groß. Nehmen wir irgendeinen Pendler-Vorort. Die Leute nutzen den Ort als Schlafplatz, ein Sich-Erzählen findet nicht mehr statt. Viele Kindern erleben heute nicht mehr, was ihre Eltern im Beruf machen. Sie erscheinen höchstens abends wie ein Spuk. Der Satz von Karl Valentin – „Nirgendwo ist der Fremde fremder als in der Fremde“ – ist nirgends wahrer. In diesem Sinn fremdeln Politiker auch, weil sie ihre Wähler nicht kennen. Auch Ärzte schauen heutzutage nicht mehr ihre Patienten an, sondern auf einen Bildschirm.
Bei den österreichischen Nachbarn ging es im Wahlkampf weniger zierlich zu. Offener Rassismus war keine Ausnahme.
Es gibt Ratten, und es gibt den, der pfeift. Der Rattenfänger sagt, was kann ich dafür, dass die hinter mir herkommen? Und es gibt die Ratte, die sagt, was soll ich tun, wenn gepfiffen wird, dann muss ich kommen. Das war das Thema von Ionescos „Die Nashörner“. Wie lang hat die Rechtschreibreform gedauert?
Zehn Jahre.
Und das Ergebnis? Die Politik schreibt vor, wie man zu schreiben hat. Der Duden macht Reklame mit dem Spruch, jetzt stehe fest, wie man „amtlich“ schreibt. Ich schreibe, wie ich mag, und nicht amtlich. Früher hieß das: Es ist „polizeilich verboten, auf den Boden zu spucken“. Aber das ist nicht polizeilich verboten, das ist gesetzlich verboten.
Zum Neubeginn in Bayern gesellt sich der Untergang der Finanzmärkte. Das passt ja wieder.
Der Wunsch zu spekulieren ist im Menschen drin. Der Ablasshandel ist auch eine Art Spekulation gewesen – eine Spekulation auf schon begangene Sünden und auf zukünftige. Wenn man richtig einsteigt, bekommt man im Jenseits einen guten Platz. Aber wenn man für die falschen Sünden gezahlt hat und den falschen Ablass gewählt hat? Das scheint mir ein schönes Beispiel zu sein für das, was heute passiert: Der Ablasskäufer hofft auf Gewinn im Himmel.
Den Bezug zum Diesseits haben viele Banker offenbar längst verloren.
Die gehen in keine Wirtshäuser, die spielen nicht Karten, die sind nirgendwo zu finden. Beim Oktoberfest würden sie in einer Box sitzen. Die wirkliche Welt kennen die gar nicht. Deswegen sagt man ja auch: ein Va-Bank-Spiel.
Wer hätte das gedacht?
Marvin Parsons (mapar)
- 24.10.2008, 14:55 Uhr