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Im Gespräch: Gerhard Polt Ich weiß nicht, ob die Bayern ein Gen haben

Am Samstag ist CSU-Parteitag, am Montag soll Horst Seehofer zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Ob das alles mit der Lage des Landes noch etwas zu tun hat - dazu haben wir Gerhard Polt befragt.

© Helmut Fricke Vergrößern Gerhard Polt: Es gibt Leute, die praktisch noch nirgendwo waren

Am Samstag ist CSU-Parteitag, am Montag soll Horst Seehofer zum Ministerpräsidenten gewählt werden. Ob das alles mit der Lage des Landes noch etwas zu tun hat, das ist derzeit die Frage in Bayern. F.A.Z.

Herr Polt, war das eine Überraschung für Sie, dieser CSU-Schicksalswahlabend?

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Fast jeder hat gewusst, dass es passieren würde. Man musste sich nur bei den Leuten umhören, die immer am Puls der Zeit sind – bei den Wirten. Die Indianer haben immer die Vögel gefragt, wie’s Wetter wird, die Meteorologen schauen sich die Indianer an, und ich täte immer die Wirte fragen. Die sind ein guter Indikator.

Hat sich am Ende das legendäre anarchische Gen der Bayern gemeldet?

Ich weiß überhaupt nicht, ob die Bayern ein Gen haben. Ich fürchte, dass das alles viel normaler abläuft, als man glaubt. Ich neige dazu, an keine großen Veränderungen zu glauben. Nehmen wir mal die Frage: der Schweinsbraten in Bayern. Glaubt irgendjemand, dass der mit oder ohne CSU in Bayern besser wird?

Eine hintergründige Rolle scheint Edmund Stoiber gespielt zu haben.

Die großen Biographien kommen schon noch. Aber ich weiß noch nicht einmal, ob ich so ein Buch dann lese. Egal, in welches Lokal man bei uns hineingeht, überall kriegt man seinen Stoiber serviert, das weiß man ja vorher. Aber richtige Separatisten gibt es bei uns schon lange nicht mehr. Auch die Bayernpartei ist praktisch verschwunden. In Italien schaut das noch ganz anders aus, da haben noch einzelne Familien viel Macht.

Aber die italienischen Zustände sind nicht auf Bayern übertragbar. Bekommen wir am Ende doch ein Stoibersches „Europa der Regionen“?

Ich glaube, dass es viele Leute gibt, denen das alles im Grunde völlig wurscht ist. Sie sind halt da, wo sie sind, und waren noch nie woanders. Man spricht immer von der großen Mobilität, aber ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich durch meinen Ort gehe und die Leute frage: Wo warst du denn? Dann sagen die: auf den Seychellen, ja, aber bloß vierzehn Tage. – Und wie war’s? – Schön. Warm war’s auch. Wunderbar. Und dann gibt es noch immer die Leute – und das sind gar nicht so wenige die waren in ihrem Leben zweimal in München. Einmal, da war er noch jung, da ist er durchgefahren zum Reichsparteitag nach Nürnberg, und einmal war er dort mit den Schützen beim Oktoberfestzug. Und es gibt Leute, die praktisch noch nirgendwo waren. Die wollen gar nicht irgendwo hin. Solche Leute finde ich interessant. Die sagen: Ich bin ja schon da, ich brauch’ gar nicht irgendwohin.

Der Wahlkampf klang so, als habe Bayern ein Migrationsproblem: Die Politiker redeten vom Zuzug der Fremden, meinten aber innerdeutsche Zuzügler.

Das ist der große Schwachpunkt der Politik – dass sie ständig über Leute hinwegredet. Man spricht von der Bevölkerung als statistischem Wert. Aber das ist keine Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist derartig vielfältig, dass sich das ein Politiker überhaupt nicht erträumen kann. Deshalb werden aufgrund von statistischen Wahrheiten Gesetze gemacht: Der Raucher muss dieses tun, der Schüler muss jenes machen. Aber wer ist der Schüler? Wer ist der Raucher? Ich habe das Gefühl, ich brauchte ein ganzes Leben, um das herauszufinden, und selbst dann wüsste ich es noch nicht.

Es war lange Zeit die Stärke der CSU, dass sie dieses Gefühl erzeugt hat, dass sie die Leute eingebunden hat in dieses Gefühl. Oder war das nur ein Mythos?

Das ist vielleicht nur eine Sage. Oder eben ein Gefühl, aber Gefühle verändern sich. Wenn man in ein Wirtshaus geht, riecht man den Schweinsbraten. Aber wenn man länger drin ist in der Wirtschaft, dann fällt einem der Geruch nicht mehr auf.

Die Staatspartei hat die Gleichung Tracht gleich katholisch gleich Heimat gleich CSU aber gut besetzt gehabt.

Der Sommerstoiber.

Josef Müller, der Ochsensepp, der erste CSU-Vorsitzende, ist noch im schwarzen Anzug gegangen. Den fand er passender.

Die waren alle noch in Zivil. So wie der Stoiber mal zum Erwin Huber gesagt hat, von heute an solle er sich nur noch staatsmännisch anziehen. Da habe ich mir gedacht, man sollte dem Huber einen Stresemann kaufen. Da passt er gut hinein.

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