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Im Gespräch: Geert Lovink Wem läuft die Netzavantgarde nach, Herr Lovink?

 ·  Seit ihrem Entstehen hat der Medientheoretiker Geert Lovink die Utopien begleitet, die der Entwicklung des Internets den Weg weisen sollten. Heute erscheint ihm die Avantgarde, die damals aufbrach, zerstreut und zerrieben. Wer kann noch die Meinungsführerschaft über das Netz beanspruchen?

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Seit ihrem Entstehen hat Geert Lovink die Utopien, die der Entwicklung des Internets den Weg weisen sollten, verfolgt und mitzugestalten versucht - als Aktivist, Organisator von Medienfestivals und schließlich als Wissenschaftler.

Herr Lovink, Sie haben die These aufgestellt, dass die Vermassung des Internets zu einer Situation grundlegender Desorientierung geführt habe. Es gebe im Internet kein gemeinsames Ziel mehr, jeder gehe seiner eigenen Wege. Ein Jahrzehnt nach ihrem Auftauchen und ihrer rapiden Ausbreitung sei die Internetkultur zwischen widerstrebenden Kräften zerrissen. Wer darf sich heute zur Netzavantgarde berufen fühlen?

Geert Lovink: Ich würde gerne sehen, dass es so etwas wie eine Netzavantgarde überhaupt gibt. Anfang der Neunziger konnte man vielleicht von einer solchen Bewegung sprechen. Da gab es Leute, die verstanden hatten, was für einen überwältigenden Einfluss das Internet auf die Gesellschaft haben würde.

Das dürfte heute keine besonders originelle Ansicht mehr sein.

Ja, aber wenige der Ideen, die damals entstanden sind, haben sich wirklich durchgesetzt. Einer der zentralen Gedanken der damaligen Zeit war die Veränderbarkeit der Identität. Die Internetkultur ist jedoch in eine völlig andere Richtung gegangen. Es geht heute im Netz um eine völlig einfache und konservative Form der Selbstdarstellung. Es ist so, als ob man sich ständig irgendwo bewerben würde. Das war so nicht gedacht. Man wollte damit viel spielerischer und kreativer umgehen.

Die Möglichkeit ist doch noch vorhanden.

Ja, aber sie wird nur von wenigen genutzt. Die sozialen Netze, die in den letzten Jahren aufgebaut worden sind, sehen in der Virtualität eine reine Kopie der realen Welt. Die Benutzer finden das prima. Das Netz ist eine Tragödie der Selbstrepräsentation.

Es gibt doch zahllose Plattformen, auf denen virtuelle Identitäten gepflegt werden können.

Ja, aber das Problem ist, dass die Anonymität dort überschätzt wird. Alles wird inzwischen überwacht, Suchmaschinen sammeln unzählige Daten, man weiß sehr viel über die Nutzer. Viele Scheinidentitäten fliegen daher sehr schnell auf. Der Traum, im Internet ein anderer sein zu können, ist damit passé. Die Identität der Benutzer ist fast völlig transparent geworden.

Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen?

Der wichtigste Faktor, der das freie Variieren der Identität verhindert hat, war der E-Commerce und seine „Trust“-Parole. Es ist eben aus wirtschaftlicher Sicht nicht vorteilhaft, nicht zu wissen, mit wem man seine Geschäfte treibt. Das hat auf die sozialen Netzwerke abgefärbt. In der Vergangenheit war das Internet ein öffentlicher Raum. Auf Plattformen wie Facebook kann es soziale Abweichung hingegen nicht mehr geben. Der zweite Grund ist der Einfluss der Nationalstaaten, der sich in den letzten Jahren ständig ausgeweitet hat und die Gefahr breitflächiger Überwachung bringt. Die Zäsur war hier der 11. September 2001. Inzwischen sind überall „National Webs“ im Aufbau.

Aber das Internet macht es doch einfach, nationale Rechtsprechungen zu umgehen.

Das stimmt. Aber man muss erst einmal in der Lage dazu sein und über die entsprechenden technischen Kenntnisse verfügen. Das Problem ist, dass nicht jeder ein Programmierer ist und die Technik in den Griff bekommt.

Mithalten oder gegensteuern kann nur der, der in ständiger Fortbildung an der Spitze des informationstechnischen Fortschritts steht.

So ist es. Tut man das nicht, wird man zum unmündigen Konsumenten; zum Opfer, das nicht über die Folgen seines Tuns Bescheid weiß. Die Computer werden immer einfacher zu benutzen sein. Das fördert die Illusion, souverän mit dem Medium umzugehen. Vor Jahren konnte man diese Illusion nicht haben. Jetzt kann man das Medium gedankenlos nutzen.

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Das Gespräch führte Thomas Thiel.

Quelle: F.A.Z.
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