Home
http://www.faz.net/-gsb-yixp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: ARD-Programmdirektor Volker Herres Wir sind nicht Avantgarde, sondern Vollprogramm

 ·  Braucht die ARD einen eigenen Jugendkanal? Manche Politiker meinen das. Im Senderverbund ist man anderer Ansicht. Doch was wird für das jüngere Publikum denn eigentlich geboten? Ein Gespräch mit ARD-Programmdirektor Volker Herres.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (1)

Die ARD und die jungen Zuschauer - das ist ein schönes Thema, beziehungsweise ein kontroverses, sie haben gerade mit ihren Aufsichtsgremien darüber debattiert. Von vielen Seiten wird Ihnen vorgeworfen, Sie kümmerten sich - zum Beispiel im Ersten Programm - nicht genug um die Jüngeren.

Herres: Wir kümmern uns: Die „Tagesschau“ erreichte 2010 durchschnittlich 1,87 Millionen junge Zuschauer und damit mehr als „RTL-aktuell“, die Reichweite des „Tatorts“ bei den Vierzehn- bis Neunundvierzigjährigen ist höher als bei „CSI Miami“, einer Krimireihe, die speziell für das junge Publikum produziert wird. Wir haben den „Eurovision Song Contest“ mit bekanntem Erfolg erneuert und wir punkten mit der „Sportschau“ und Live-Übertragungen regelmäßig in der Zielgruppe. Täglich schalten durchschnittlich 9,1 Millionen vierzehn- bis neunundvierzigjährige Zuschauer das Erste ein. Es gelingt dem Ersten also durchaus, das junge Publikum anzusprechen, aber es gelingt nicht immer und überall.

Auf der Pressekonferenz, die Sie und die ARD-Vorsitzende Monika Piel kürzlich gegeben haben, klang es fast so, als hätten Sie Ihre Bemühungen schon eingestellt: Mit punktuellen Programmen punktet man nicht, für einen ganzen Jugendkanal haben wir nicht die Kapazitäten.

Wir haben unsere Bemühungen keineswegs eingestellt. Klar ist, dass unser Auftrag lautet, Programm für alle zu machen und diesen Auftrag nehmen wir sehr ernst. Klar ist aber auch, dass es ein schwieriger Spagat ist, zum einen die älteren Zuschauer zu halten und zugleich die jüngeren Zuschauer zu gewinnen. Zumal junges Publikum mehr und mehr Angebote zur zeitsouveränen Nutzung erwartet. Das macht es für ein lineares Fernsehprogramm schwierig. Einfache Lösungen gibt es nicht, deswegen hat sich die ARD für eine Vielzahl von Ansätzen entschieden.

Die ARD-Vorsitzende setzt auf „tri-mediale Angebote“, will also das Internet weiter aufpeppen, mit Videos, Radiobeiträgen und der Mediathek. Das gibt es doch schon alles.

Und wird auch angenommen. Um junges Publikum zu erreichen, setzt die ARD auf vielfältige Maßnahmen. In der Diskussion wird häufig übersehen, dass die ARD nicht nur aus dem Ersten besteht. Da sind unsere Dritten, da sind die jungen Hörfunkwellen, mit denen wir viele junge Menschen erreichen, Tag für Tag mehr als fünf Millionen. Die öffentlich-rechtlichen Sender bleiben nicht stehen, sondern entwickeln sich weiter. So hat zum Beispiel der SWR Geld bereitgestellt und ein „Entwicklungslabor“ für junges Fernsehen eingerichtet, das sich an die Vierzehn- bis Neunundzwanzigjährigen richtet. Experimentier- und Ausspielfläche ist dabei der Digitalkanal Eins Plus. Hier spielt das multimediale Programm „Das Ding“ im SWR eine zentrale Rolle. Eins Plus und „Das Ding“ dienen als multimediale Teststrecke für junge Formate des SWR in Hörfunk, Fernsehen und Online. Und für den WDR will die ARD-Vorsitzende und WDR-Intendantin Piel Sondermittel bereitstellen, mit denen Programm-Experimente für die Entwicklung neuer, junger tri-medialer Formate finanziert werden können.

Aus der Politik kommt die Forderung, die ARD brauche einen Jugendkanal. Das meinen die Grünen und in diese Richtung gehen Überlegungen bei der SPD. Das müsste doch eigentlich verlockend klingen, denn für einen neuen Kanal könnte man dann auch mehr Gebühren fordern. Also: Warum nicht?

Das neue Beitragsmodell wird wohl nicht mehr Geld in die Kassen spülen, schon jetzt sparen alle Sender und werden dies auch noch weiter tun müssen. Geld, das in einen solchen Kanal ginge, würde an anderer Stelle fehlen. Zudem bedarf ein solcher Kanal auch einer medienpolitischen Beauftragung. Das innerhalb der ARD diskutierte und geplante Maßnahmenbündel, der tri-mediale Weg, erscheint da aussichtsreicher und erfolgversprechender.

Oder haben Sie längst einen Plan in der Schublade und lassen sich künstlich drängen und eigentlich ganz gern zum Jagen tragen?

Fremdbestimmung ist nicht so mein Ding; ich handle gern aus eigenem Antrieb.

Was wird aus den drei Digitalkanälen, aus Eins Plus, Eins Extra und Eins Festival? Da wäre doch so etwas wie ein Programm für die Jüngeren drin, wie es das ZDF mit ZDFneo vormacht: amerikanische Serien, Kinofilme, flippige Dokusoaps.

Wenn Sie die Rangliste der meistgesehenen ZDFneo-Sendungen betrachten, finden Sie dort vor allem Wiederholungen bekannter Reihen wie „Inspector Barnaby“ und „Lafer! Lichter! Lecker!“, also keine amerikanischen Serien und flippige Dokusoaps. Unser Digitalkanal Eins Festival bietet schon ein speziell auf jüngeres Publikum ausgerichtetes Programm mit neuen Formaten und jungen Moderatoren. Mit der Sendung „Einsweiter“ wurde eine junge Programmfarbe eigens für Eins Festival entwickelt.

Zurück zum Ersten: Wieso gibt es dort eigentlich nicht - vor allem in der Unterhaltung - den Versuch, sich zu verjüngen? Das Ende der Lena-Mayer-Landrut-Festspiele ist ja mit dem Finale des Eurovision Song Contest absehbar.

Der Eurovision Song Contest ist sicher das herausragende Beispiel für junge Unterhaltung, aber es ist nicht das einzige. Wir haben den „Echo“ zurück ins Erste geholt und wollen die Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Musikindustrie auch in den nächsten Jahren fortsetzen. In der fiktionalen Unterhaltung ist „Mord mit Aussicht“ eine innovative und junge Serie, die erfolgreich an den Start gebracht wurde. Und wir haben im Infobereich unseren „Experimentierplatz“ am Sonntagabend, auf dem zum Beispiel „Entweder Broder“ lief - eine Reihe, die wir dieses Jahr gerne fortsetzen möchten.

Wo sind die jungen Talente hin, welche die ARD vor Jahr und Tag noch hatte? Jauch, Gottschalk, Kerkeling, Schmidt, um nur einige der längst Arrivierten zu nennen, haben vor Urzeiten alle mal bei ARD-Sendern begonnen, im Fernsehen oder beim Radio. Dann kam nix mehr. Eine Sendung wie zum Beispiel „Es geht um mein Leben“ mit Pierre M. Krause wirkt bei der ARD heute wie eine exotische Veranstaltung.

Journalisten kann man ausbilden, Entertainer nicht. Das ist kein Lehrberuf. Aber ich bin durchaus der Meinung, dass die Dritten sich wieder stärker auf ihre traditionelle Rolle als Entwicklungsstuben für neue Formate und Protagonisten besinnen sollten.

Ist das nicht die entscheidende Frage: nicht neue Kanäle zu schaffen, sondern - in den bestehenden Programmen - die Inhalte zu haben, die die Generation Fünfzig-Minus angehen?

Verjüngung muss in bestehenden und neuen Formaten über die handwerkliche Machart und die Protagonisten stattfinden und die Initiative muss von den Redaktionen der Landesrundfunkanstalten ausgehen. Das gilt für alle Kanäle.

Andererseits könnte man sagen: Die Gesellschaft altert, irgendwann deckt sich der Altersschnitt der Bevölkerung mit dem unserer Zuseher. Motto: Wir sind Avantgarde, weil wir das reifere Publikum schon längst haben. Und dabei bleiben wir.

Die über Fünfzigjährigen stellen in der Bevölkerung - noch - nicht die Mehrheit, wohl aber beim Fernsehkonsum. Das Erste ist nicht Avantgarde, sondern ein Vollprogramm, das sich an die gesamte Bevölkerung richtet. Deshalb werden wir auch in Zukunft für junge Zuschauer Programmangebote machen.

Die Fragen stellte Michael Hanfeld.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen

Geklonter Murks

Von Joachim Müller-Jung

Die Studie des Gen-Forschers Shoukhrat Mitalipov zeugt von erheblichen Schlampereien. Aufgedeckt wurden sie auf einer Gutachterseite im Internet. Hatte Luzifer seine Hände im Spiel? Mehr 2