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Im Fernsehen: „Zivilcourage“ : Damit wir sehen, was ist

Geschützte Innerlichkeit: Götz George als Antiquar Peter Jordan Bild: WDR/Maria Krummweide

In dem herausragenden Fernsehfilm „Zivilcourage“, der in Berlin-Neukölln spielt, besticht Götz George in der Rolle des Antiquars Peter Jordan. In einer rohen Welt versucht er, zu seinen Maßstäben zu stehen. Sehr hoch ist der Preis, den er dafür bezahlen muss.

          Der Antiquar Peter Jordan, den Götz George in dem herausragenden Fernsehfilm "Zivilcourage" fabelhaft verkörpert, verhält sich zu Kommissar Horst Schimanski, also zur Lebensrolle dieses Schauspielers, in etwa so wie der fromme Einsiedler zum marktschreierischen Angeber. George muss (und darf) dieses Mal ein feinsinniger Weichling sein, ein bebrillter Bücherwurm und ein treuer Leser überregionaler Qualitätszeitungen. Zum Arbeitsbeginn brüht er sich jeden Morgen eine Kanne grünen Tees auf, auch um der nun über viele Stunden währenden Kontamination mit dem trockenen Buchstabenstaub seines kleines Ladens ein wenig Paroli zu bieten. Ja, dieser Jordan in seinem ewiggleichen Cordanzug wäre ein wandelndes Privatgelehrten- und Gutmenschenklischee, gäbe ihm Götz George nicht eine so selbstverständliche wie stille Würde mit auf den Alltagsweg, vor allem jedoch eine Eigenschaft, die in dem Umfeld, in dem er beharrlich lebt, so selten ist wie Schnee im Mai - jenen schlichten Anstand eben, den dieser Film etwas plakativ mit "Zivilcourage" übersetzt.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Jordans Umfeld, ja seine Heimat ist der Norden des Berliner Stadtteils Neukölln, jene Gegend also um die Sonnenallee, die Karl-Marx- und die Hermannstraße (im Film als "Hausmannstraße" camoufliert), die wegen ihres hohen Migrantenanteils, der überdurchschnittlichen Arbeitslosigkeit und ihrer Hartz-IV-Mentalität mit schöner Regelmäßigkeit in den Problemberichten des Berliner Senats ganz obenan zu finden ist. Bundesweit in Verruf gebracht haben diesen Kiez vor vier Jahren die haarsträubenden Zustände an der Rütli-Schule, die sich inzwischen, so die amtierende Senatorin für Stadtentwicklung erst vor wenigen Tagen, zwar zu einem "Musterinstitut" gewandelt haben mag, damit jedoch die vielen sozialen Brennpunkte des Viertels wohl lediglich um einen einzigen zu verringern vermochte. Fast jeder, der es sich irgendwie leisten kann, will, wie Jordans Tochter und ihre junge Familie, jedenfalls nach wie vor nur eines: ganz schnell bloß weg von hier.

          Im Gefängnis einer gewalttätigen Scheinfreiheit

          Der Preis, den der Antiquar fürs Ausharren bezahlt, ist hoch: Sein Geschäft - es hat eh kaum Laufkunden und zehrt mehr schlecht als recht vom Bestellversand -, hat Jordan mit Gitter, Schloss und Riegel zu einer einigermaßen einbruchssicheren Geisteszone gemacht, die deshalb aber auch fatal einem Gefängnis ähnelt. Davor lungert meist eine Jugendgang herum, deren Lebensgefühl vom leitmotivisch eingespielten Song des Berliner Real- und Gangsta-Rappers Deso Dogg illustriert wird: "Willkommen in meiner Welt voll Hass und Blut". Dass auch die Gang-Mitglieder ganz im Gefängnis ihrer gewalttätigen Scheinfreiheit eingeschlossen sind, führt eine ganz kurze, dafür sehr kunstvolle Einstellung prägnant vor Augen: An die Tür zu ihrem verwahrlosten Zimmer hat die sechzehnjährige Jessica (Carolyn Genzkow) ein Schild mit der Aufschrift "No Entry!" geheftet.

          Die Jugendgang wird Jordan gleich verprügeln und hält die Szene per Handy fest.

          Man muss gerade die Kunstfertigkeit des Films rühmen. Denn ohne sie wäre die Geschichte, die er erzählt, zu einer bloß bebilderten Sozialstudie oder aber zu einem empörten Problemfilm mit Anleihen an das Münchner S-Bahn-Verbrechen am zivilcouragierten Dominik Brunner geworden. All dies ist er auch - und zugleich entschieden mehr. Natürlich liegt das an den vier Hauptdarstellern, neben Götz George und der ebenfalls brillanten Carolyn Genzkow also auch an Marko Mandic und Arnel Taci, die ein vom vergangenen Krieg in ihrer Heimat ebenso verletztes wie verrohtes Brüderpaar aus dem Kosovo spielen.

          Nicht minderen Anteil am Kunstgelingen der Kiezkatastrophe aber haben das Drehbuch von Jürgen Werner und die Regie von Dror Zahavi, der jüngst auch Marcel Reich-Ranickis Autobiographie "Mein Leben" verfilmte. Die Dialoge, die sich ihr Film einfallen lässt, sind vollkommen authentisch - ganz egal, ob es sich um die gegenseitige Fäkalanmache der Jugendlichen, die Kneipengespräche von Altachtundsechzigern oder das Sofagebrabbel von Jessicas Prekariatsmutter handelt. Was immer gesagt, gestammelt oder geschrieen wird: Es zitiert Wirklichkeit, macht so die Figuren kenntlich, denunziert sie dabei jedoch kein einziges Mal.

          Eine Schauspielerin ist zu entdecken: Caroly Genzkow

          Um Jordans scheinbar geschützte Innerlichkeit und die ganz offen überlebensrohe Gewaltbereitschaft der Brüder Dalmat und Afrim Lima miteinander in Bezug zu setzen, bedarf es einer Handlungsbrücke. Selbstredend muss man sie konstruieren. Und die Konstruktion bürdet der jungen Jessica dann eine Last auf, die bei einer weniger begabten Schauspielerin wohl nur auf Kosten der Glaubwürdigkeit des Geschehens zu tragen gewesen wäre. Carolyn Genzkow muss einerseits edle Seele sein, weil sie an Stelle der dauerfernsehenden Mutter auch noch ihre kleineren Geschwister versorgt. Sie muss zudem wilde Göre spielen, weil sie Afrims Freundin ist und zu seiner Gang gehört. Und sie muss schließlich plausibel machen, warum sie, eine Legasthenikerin aus Überzeugung - wozu soll man auch Bücher lesen? -, ihre Projektwoche ausgerechnet in Jordans Antiquariat absolvieren will. Und siehe da, sie schafft es. Die Brücke hält nicht nur, sie trägt auch.

          Selbst dass Götz George etwas symbolüberhöht aus Georg Büchners "Danton" zitiert - "Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?" -, und Jessica am Ende sogar für "Romeo und Julia" begeistern kann, nimmt man dem Film ab. Der Grund: Obwohl seine Geschichte jede Menge soziale und politische Brennpunkt-Botschaften birgt, dient er als Kunstwerk keiner einzigen von ihnen. Nicht zum Verstehen, Verzeihen oder Verurteilen also fordert er uns auf. Er will nur, dass wir sehen, was ist. Darin besteht sein großes Verdienst.

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