02.02.2012 · Zwei Familien fahren in Urlaub, und nur zwei von acht kehren zurück: Veronica Ferres und Hans-Werner Meyer spielen in „Tsunami - Das Leben danach“ eine wahre Geschichte nach.
Von Michael HanfeldMit den Stücken, die üblicherweise sonntagabends im ZDF laufen, hat der Film „Tsunami - Das Leben danach“ nur eines gemein. Und das ist auch sein einziges Manko - die Streicher, die von Beginn an fiedeln und einen in der trügerischen Gewissheit wiegen könnten, es gehe einmal mehr um nette Liebschaften vor sattgrünen Landschaften à la Rosamunde Pilcher. Doch damit ist es spätestens von Minute zehn an vorbei, wenn die Welle kommt, welche die Familie Billi Cramers fortreißt. Und die von Michael Schäffer auch.
Man weiß, was kommt, und das macht es noch schwerer. 230 000 Menschen sind bei der Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember 2004 ums Leben gekommen. Dieser Film erzählt die Geschichte zweier Familien, von denen nur jeweils einer mit dem Leben davonkommt. Billi Cramer verliert ihre beiden Söhne und ihren Mann, Michael Schäffer seine zwei Töchter und seine Frau. Sie haben nur noch sich, sie haben zunächst denkbar wenig für das Leben danach, das nicht nur aus Trauer bestehen soll. Daran ändern auch gute Freunde und Verwandte nichts. Doch dann haben die beiden plötzlich einander, ein Psychologe bringt sie in Kontakt, wohl ahnend, dass sich hier eine Seelenverwandtschaft auftun könnte. Dabei geht es um doppeltes, aber geteiltes Leid und um eine, um die wahre Liebe, um die, die allein die Kraft spendet, das alles auszuhalten.
Dass Veronica Ferres in diesem Film mitspielt, ist ein Versprechen und eine Hypothek zugleich. Sie sorgt für Zuschauer en masse, die allein ihretwegen einschalten, und sie treibt Fernsehkritiker in die Verzweiflung, die sie schon zu oft als Herzschmerzdüse vom Dienst in zu vielen flachen Stücken gesehen haben (in diesem Fach wird sie nur noch von Christine Neubauer überboten). Hier aber zählt dies alles nichts. Dafür sorgen die Drehbuchautorin Natalie Scharf, die Regisseurin Christine Hartmann und der Kameramann Alexander Fischerkoesen. Sie finden für Verzweiflung, Einsamkeit und Behauptungswillen die richtigen Bilder und die richtigen Worte. Manchmal gibt es nur scheinbar Banales zu sagen, manchmal gar nichts, manchmal muss man die Stille einfach aushalten. Das darzustellen gelingt Hans-Werner Meyer in der Rolle des Michael Schäffer ebenso vortrefflich wie Veronica Ferres als Billi Cramer.
Erst kommt das Nichtwahrhabenwollen. Dann folgen Lethargie und Gewissensbisse. „Ich bin schuld. Ich habe meine drei auf dem Gewissen“, sagt Billi Cramer. „In meinen Träumen halten wir uns fest“, sagt Michael Schäffer. Am Strand in Thailand hatte er seine Töchter nicht festhalten können. „Mein Mann war sehr groß, aber er konnte unsere Kinder nicht beschützen“, sagt Billi Cramer. „Ich bin eher klein und ich konnte meine Töchter auch nicht beschützen“, sagt der Mann, den sie dreieinhalb Jahre nach der Katastrophe heiraten wird.
Hervorzuheben ist sicherlich das Werk der Autorin Natalie Scharf, deren Vorarbeiten mehrere Jahre umfassen. Ihr haben Billi Cramer und Michael Schäffer ihre Geschichte anvertraut. Sie haben sie der Richtigen in die Hände gelegt, Natalie Scharf erzählt in dem Wissen, dass es sich hier um eine intime, wahre Geschichte handelt, um eine, bei der sich jede Übertreibung, jeder Zuckerguss, jeder fiktionale Kniff verbietet. Jedwede Spekulation auf möglichst dramatische Bilder vom Tsunami selbstverständlich auch.
„Kommt, Jungs - wer zuerst am Wasser ist“, hatte Burkhard Cramer (Roeland Wiesnekker) gesagt und war mit seinen Söhnen Henry und Mika zum Strand gespurtet. Als die todbringende Welle kam, schafften sie es, wie unzählige andere, nicht schnell genug zurück. Irgendwann sieht sich Billi Cramer die Aufnahmen der Videokamera an, die ihr Mann gerade gekauft hatte. Sie zeigen, wie die drei um ihr Leben rennen, dann brechen die Bilder ab.
Am Ende von „Tsunami - Das Leben danach“ sehen wir nicht mehr Veronica Ferres und Hans Werner Meyer, wir sehen Billi Cramer und Michael Schäffer am Strand spazieren gehen mit ihrer zweijährigen Tochter Sienna Bahia Fee. Ihr Name bedeutet übersetzt „kleiner Stern in der Bucht“.
Wie die Kleine in einer Kirche sechs Kerzen anzündet, das sehen wir nicht in dem von Natalie Scharf, Jürgen Schuster und Nico Hofmann produzierten Film, sondern in der anschließenden Dokumentation von Martina Nothhorn. Wer sich für die ganze Geschichte von Billi Cramer und Michael Schäffer und deren Familien interessiert, sollte nach dem Spielfilm nicht abschalten.