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Im Fernsehen: „Tatort - Lohn der Arbeit“ : Was tun wir für unsere geringsten Brüder?

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Was nicht passt, wird passend gemacht, und koste es auch Menschenleben: Chefinspektor Eisner (Harald Krassnitzer, Mitte), rückt dem Bauunternehmer Filzer (Alexander Strobele, links) und dem Journalisten Feyersinger (George Lenz) auf die Pelle Bild: rbb/ORF/Bernhard Berger

Drehbuchautor Felix Mitterer und Regisseur Erich Hörtnagl haben hoch gegriffen. Die „Tatort“-Folge „Lohn der Arbeit“ ist ein Lehrstück über den Ellenbogenkapitalismus.

          „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Mit diesem Zitat aus einem der Gleichnisse Jesu antwortet ein Pfarrer in Tirol auf den Vorwurf, er habe flüchtige Verdächtige beherbergt. Der Geistliche ist slawischer Herkunft – neudeutsch: Migrationshintergrund –, die Flüchtlinge sind Mazedonier. Sie haben ohne Arbeitserlaubnis für den Subunternehmer eines Baulöwen geschuftet und sind um ihren Lohn geprellt worden.

          Den Unternehmer hat man mit eingeschlagenem Schädel am Kran einer seiner Baustellen hängend gefunden, der Sub ist verschwunden, die beiden Mazedonier (Branko Tomovic und Mustafa Nadarevic, hervorragend unterkühlt), die ihrerseits ihrem Geld nachjagen, werden als Hauptverdächtige gejagt.

          Ihre Jäger sind Kommissar Eiser (Harald Krassnitzer, endlich ohne alle „Winzerkönig“ -Sentimentalität) und Kommissar Pfurtscheller, für diesmal sein Assistent. (So gut Alexander Mitterer seine Sache als raunzig ranziges, pensionsreifes Muttersöhnchen macht, man wartet unentwegt auf Eisners Neue, die fahrige Bibi Fellner der Adele Neuhauser). Doch eigentlich ist jeder in Tirol Jäger. Denn die beiden Schwarzarbeiter, im Waldversteck verdreckt und ausgemergelt, fallen auf, sobald sie sich unter Menschen wagen. Auch der Kassiererin eines Supermarkts, in dem der Jüngere ein Brot stiehlt. Sie schaut ihn an, dann weg: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder . . .“

          Jeder ist sich selbst der Nächste

          Lichtblicke wie sie oder der beherzte Pfarrer sind selten. Mit Eisner immer fassungsloser die Vorgänge beobachtend, lernen wir – nach einem zähflüssigen und verwirrenden Anfang – Tirol als Spiegel der Welt kennen, in der wir leben: „Unsere Wirtschaft ist eine Schattenwirtschaft“, heißt es einmal. Gemeint ist, dass in Österreich zigtausende Illegale, (wie die Slawin Hyazynthia, die Pfurtscheller hartnäckig Hyazinthe nennt, obwohl sie seit Monaten – ungemeldet – seine demente Mutter pflegt), aus Osteuropa arbeiten, ohne deren Billiglöhne ganze Branchen zusammenbrechen würden. Wenn dieser Satz fällt, ist jedem Zuschauer schon klar, dass es um unser aller Ellenbogenkapitalismus geht, den wir nicht nur erdulden, sondern befördern.

          Man muss nicht, wie der ermordete Unternehmer Kogler oder sein Kumpan Filzer, von Haus aus Kapitalist sein, um die unmenschlichen Zustände zu zementieren. Wo inzwischen jeder sich selbst der Nächste ist, geraten alle in das Räderwerk des ahumanen freien Markts: die junge zweite Frau Koglers, die sich von der Kellnerin zur Unternehmersgattin hochgeschlafen hat, Koglers Sohn, der besser als sein Vater die Taktik beherrscht, eine untadlige Betriebsfassade zu errichten, hinter der man umso besser seine Machenschaften betreiben kann. Dann gibt es die Bauaufsicht, die Beamte wie Jakob Wieser (prägnant: Martin Zauner), die ihre Pflicht zu ernst nehmen, erst von bestechlichen Psychiatern für krankhaft pedantisch erklären und dann vom Dienst suspendieren lässt. Oder den Journalisten Feyersinger (George Lenz, gekonnt undurchsichtig), den Enthüllungsartikel zur Schattenwirtschaft seinen Job kosteten und der nun ein doppeltes Spiel treibt.

          Das Oben und Unten

          Ist einmal nicht Profitgier treibende Kraft, dann die Gier nach Liebe: Koglers erste Frau, die die Trennung negiert, serviert den beiden ausgehungerten Flüchtlingen eine Mahlzeit, verspricht ihnen ihr Geld – und ruft als postumen Liebesdienst an ihrem Mann stattdessen die Polizei. All dies ist eingebettet in die selbstzufriedene, bigotte Atmosphäre einer mittelgroßen idyllischen Bergstadt, in der jeder ebenso zäh die uralten Ressentiments wie das verklärte Selbstbild pflegt.

          Drehbuchautor Felix Mitterer und Regisseur Erich Hörtnagl haben hoch gegriffen, als sie ihren „Tatort“ nach Henri-Georges Clouzots legendärem Film „Lohn der Angst“ betitelten, in dem vier Fremdarbeiter das Gewinnversprechen eines Erdölkonzerns mit dem Leben bezahlen. Mit der nahezu unerträglichen Spannung des Sozial-Thrillers von 1953 hat „Lohn der Arbeit“ nichts zu tun. Aber viel mit dem Oben und Unten, an dem die beiden Mazedonier, auch wenn sie überleben, so scheitern wie Clouzots Helden. Diese Aussichtslosigkeit, die an den Opfern des markthörigen Europas klebt wie das Rohöl an Clouzots Protagonisten, gibt dem Film sein Gewicht. Die Krimielemente – irgendwann traut man dem Journalisten den Mord zu, der Ex-Kellnerin, dem Sohn –, sind dagegen kaum von Belang.

          Rührige Weltverbesserer

          „Man kommt nicht gegen sie an“, sagt der suspendierte Fahnder Wieser einmal. Auch der zunehmend wortkarge Eisner muss das einsehen. Wie ein Mahlstrom fesseln ihn die Verhältnisse, gipfelnd in der trägen Befangenheit seiner Kollegen. Was ihm bleibt, ist eine tröstliche gemeinsame Zigarette mit einem gerade entlarvten Schwarzarbeiter. „Europa“ sagt achselzuckend der zur Abschiebung Bestimmte – und wir denken an die rührigen Weltverbesserer im Europa-Parlament, die Zigarettenkonsum regeln, über die exakte Form von Salatgurken grübeln und uns Sparlampen aufzwingen, aber nicht sehen wollen, was diese beleuchten. Das Jesus-Gleichnis ist übrigens nachzulesen im Matthäus-Evangelium, Kapitel 25, Verse 31-46.

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