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Im Fernsehen: „Sie hat es verdient“ : Das Böse in seiner kindlichsten Gestalt

  • -Aktualisiert am

Atemberaubend sicher spielen Liv Lisa Fries, Francois Goeske und Sina Tkotsch (v.l.) die jungen Gewalttäter Linda, Josch und Kati Bild: ARD Degeto/Hermann Ebling

Es häufen sich Schlagzeilen über junge Gewalttäter. Erklärungen fehlen. Wer sie in diesem, schwer erträglichen Film sucht, findet sie nicht. Aber Wahrheiten.

          Es gibt Menschen, die sind einfach böse.“ So antwortet die Mutter einer Sechzehnjährigen, die ihre Mitschülerin totgeprügelt hat, der Mutter der Toten auf die Frage, warum. Ihre Tochter sei für sie gestorben, fährt sie fort, versteinert wie die Mutter des Opfers, die nicht weiß, weshalb sie die Eltern der Täterin aufsucht. Fast schlimmer noch als das Grauen dieses Dialogs ist der Beginn der Szene: „Möchten Sie vielleicht einen Tee?“ „Nur, wenn es keine Umstände macht.“ Mit leeren Gesichtern werden Höflichkeitsformeln und Handreichungen vollzogen, an die sich alle klammern wie Ertrinkende.

          Seit Menschen ihre Erfahrungen für andere festgehalten haben, wissen wir von solchem Bösen. Wie Homers Zuhörer vor dreitausend Jahren schaudern wir, wenn Klytämnestra ihren Mann abschlachtet, weil er die gemeinsame Tochter um einer Eroberung willen hat töten lassen; frieren, wenn Shakespeares oder Stieg Larssons Monster aus Machtgier grausamste Morde begehen.

          Alles Verständnis versagt

          Wenn wir uns von der Kunst zum Leben wenden, sehen wir erst recht Menschen, die „einfach böse“ sind. Doch wir finden Erklärungen für das Tun und wiegen uns im Glauben an Gegenstrategien. In Fällen aber wie dem, den dieser Film zeigt, versagt alles Verständnis. Es ist gewiss nicht neu, dass Heranwachsende aus, wie man so sagt, wohlbehütetem Haus zu Totschlägern werden. Und dass diese unfassbaren Greuel in den letzten Jahren sprunghaft zugenommen haben, mag eine Täuschung sein, hervorgebracht von der Omnipräsenz der Medien. Trotzdem erleben wir solche Geschehnisse als beispiellos, sind vor der Brutalität der Taten fassungslos, überwältigt, hilflos und ohne jeden Rat.

          Thomas Stiller, Autor und Regisseur, unternimmt keinen Versuch, diese Ratlosigkeit zu kaschieren. Stattdessen rückt er einem in manchmal schier unerträglicher Intensität die Beteiligten vor Augen. Auch ihre Widersprüche: „Ich muss meine Schwester vom Kindergarten abholen“, sagt Kati (Sina Tkotsch), die Freundin und Mitläuferin Lindas (Liv Lisa Fries), der Mörderin, nachdem sie Susanne (Saskia Schindler), das Opfer, mit Tritten gegen den Kopf und in den Unterleib traktiert hat.

          Zwischen Vernichtungswut und Mütterlichkeit

          Josch (François Goeske), Lindas Freund, bleibt und starrt die gefesselte Hilflose an. Mit einem einfachen „sei doch kein Spielverderber“ hat ihn Linda dazu gebracht, die ahnungslose Susanne, die in ihn verliebt ist, auf einen Dachboden zu locken. Das hat er bubenhaft charmant getan, als scheinbar schüchterner Verliebter. Und vielleicht musste er nicht einmal verliebt tun. Aber ein Wort von Linda, dieser Stahlkindfrau mit Engelsgesicht, und er pariert, mal mürrisch, mal beflissen, immer fasziniert von der Willenskraft dieses Mädchens. Und sie, die es fertigbringt, den Kopf der bewusstlosen Susanne gegen die Wand zu schlagen, hat wenige Minuten zuvor ihrem mongoloiden kleinen Bruder mit ruppiger und doch behutsamer Zärtlichkeit über die Haare gestrichen. Eifersucht scheint momentweise als Tatmotiv auf, ein monströser Mutter-Tochter-Konflikt, Missbrauch durch den Vater. Doch Thomas Stiller macht es sich nicht so leicht, das Unbegreifbare damit begreifbar machen zu wollen.

          „Aber man kann es wenigstens versuchen“, sagt irgendwann Nora Wagner (Veronica Ferres), die Mutter des Opfers. Sie besucht Linda im Gefängnis, schlägt ihr einmal ins Gesicht und sieht sich kurz darauf einem Mädchen gegenüber, das mitunter Sätze sagt oder Gefühle verrät, die denen ihrer toten Tochter gleichen. Wie Veronica Ferres das Schwanken zwischen Erloschensein, Grauen, Vernichtungswut und Mütterlichkeit, die wider Willen im Gegenüber das Kind erkennt, spielt, ist erschütternd und - trotz einiger zu zeigefingriger Gesten - grandios. Auch Martin Feifel als bis zur Stummtheit introvertierter Vater der Ermordeten, Saskia Schindler als nicht ganz naives Opfer, Jule Ronstedt als Lindas Mutter, die sich hart wie Granit um ihren Sohn und den Anschein einer intakten Familie müht, und Oliver Mommsen als Lindas den eigenen Dämonen ausgelieferter Vater sind hervorragend.

          Traumwandlerisch sichere Schauspieler

          Atemberaubend aber spielen die drei Täter, allen voran Liv Lisa Fries. Traumwandlerisch sicher, wie es wohl nur Schauspieler in so jungen Jahren können, zeigen sie das Irrlichtern zwischen ekelerregender Brutalität und Verletzlichkeit, sind in einer Sekunde rührend kindlich und in der nächsten abstoßend abgebrüht. Ein Film, so schwer wie Blei. Aber einer, der uns nichts vormacht. Am Ende, vielleicht inspiriert von Lindas Schlaflied, das sie kurz vor der Untat ihrem kleinen Bruder gesungen hat (sogar diese Szene ist frei von Sentimentalität), möchte man zum Abendlied von Matthias Claudius flüchten: „Verschon uns, Gott, mit Strafen. Und lass uns ruhig schlafen.“ Denn einen Rat gibt es nicht in diesem beklemmenden Film.

          Sie hat es verdient läuft um 20.15 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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