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Im Fernsehen: Seyran Ates Das Unerhörte wird Ereignis

08.08.2010 ·  Jahrelang versteckte sich die Türkin Seyran Ates vor ihren Eltern, um selbst über ihr Leben entscheiden zu können. Die Gewalt, zu der diese Kultur fähig ist, erfuhr sie am eigenen Leib. Heute setzt sie sich als Anwältin für andere Frauen ein.

Von Karen Krüger
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Als Seyran Ates ein junges Mädchen war, gab es ein Bild in ihrem Kopf, das all das versinnbildlichte, was sie sich wünschte: Zwei Freundinnen sitzen in einem Café, die Sonne scheint, sie trinken Tee, tratschen und freuen sich des Lebens. Es war ein harmloses Bild. Und doch war es viel mehr, als ihre Familie der Türkin jemals erlaubt hätte.

Niemals durfte das Mädchen allein irgendwohin; nach der Schule musste sie sofort nach Hause kommen. Immer wieder brachen die Eltern ihren Willen - mit Verboten, und wenn die nicht halfen, mit der Faust. Sie wollten nicht, dass aus Seyran eine Frau mit einem Durchsetzungswillen für persönliche Bedürfnisse und berufliche Ziele werde. Denn Mädchen, die ein selbstbestimmtes Leben führen oder die sich verlieben wollen, gab es in der Tradition der aus Anatolien stammenden Gastarbeiter nicht. In ihren Augen waren solche Frauen Huren. Niemals hätte man das in der muslimischen Familie offen ausgesprochen - Sexualität war ein Tabu.

Befreiung aus dem elterlichen Gefängnis

Und dennoch wurde die Persönlichkeit der Tochter einzig auf ihr Frau-Sein reduziert. „Ich fand das immer widerlich“, sagt Seyran Ates heute, gut vierzig Jahre später. Seyran Ates ist Anwältin, Frauenrechtlerin und Migrationsforscherin. Im Alter von sechs Jahren kam sie aus der Türkei nach Deutschland. Man kennt ihr Gesicht aus Talkshows, in denen sie kluge Sätze zu Themen der Integration sagt und für eine zeitgemäße Auslegung des Islams plädiert. Man hat sie auf Büchern gesehen, die den Kampf muslimischer Frauen um Selbstbestimmung beschreiben. Und man weiß, dass sie sich bei der vergangenen Islamkonferenz um einen Dialog mit den muslimischen Verbänden bemühte. Sieht man die Arte-Dokumentation „Mein Leben - Seyran Ates“ von Ilona Kalmbach und Sabine Jainski, dann möchte man diese Frau ganz unweigerlich persönlich kennenlernen. So sympathisch ist sie, so unerhört ist das, was sie erlebte und wegen ihres Engagements bis heute erlebt.

Wir sehen, wie sie bestimmt, doch freundlich mit Journalisten spricht. Wir begleiten sie und ihre Eltern durch das Istanbuler Stadtviertel, in dem die Familie Mitte der sechziger Jahre wohnte. Wir beobachten, wie behutsam sie mit ihrer kleinen Tochter umgeht, mit ihren fünf Geschwistern scherzt, für die sie als Älteste so vieles erkämpfte. Wie einer alten Freundin begegnet sie hingegen ihrer ehemaligen Gymnasiallehrerin. Denn deren Vorbild und Unterstützung halfen Seyran Ates letztendlich, sich aus dem elterlichen Gefängnis im Berliner Wedding zu befreien: Kurz bevor sie achtzehn Jahre alt wird, läuft sie von zu Hause fort und kommt in der Wohnung der Lehrerin unter. Die Abiturprüfung im Fach Deutsch besteht sie mit Bestnote. Dann studiert sie Jura.

„Dass sie nicht so lebt wie ich, gefällt mir“

Jahrelang versteckt sich Seyran Ates vor den Eltern - sie kennt die Schimpfworte, die Türken für Mädchen verwenden, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen wollen. Die Gewalt, zu der diese Kultur fähig ist, erfährt sie am eigenen Leib: Mit einundzwanzig Jahren wird sie angeschossen. Der Anschlag gilt ihrer Tätigkeit: Seyran Ates arbeitete damals in einem Beratungszentrum für muslimische Frauen. Sechs Jahre dauerte es, bis ihr Körper und ihre Seele das Trauma überwunden haben. Dann machte sie weiter - jetzt erst recht.

Die berührendsten und überraschendsten Momente dieses sehenswerten Films sind jene, in denen die Eltern von Seyran Ates über ihre Tochter sprechen. Vater, Mutter und Tochter sitzen auf der Terrasse ihres alten Hauses in Istanbul, vor ihnen eine Schale mit Melone. Nach allem, was man über sie erfahren hat, möchte man den beiden Alten böse sein. Und kann es nicht, genauso wenig, wie die Tochter ihnen etwas nachzutragen scheint. Sie hätten Seyran zu sehr eingeschränkt, sagt die Mutter. Der Vater fängt zu weinen an, als er an seine Wut über die Flucht der Tochter denkt. Gelassen hört er dann zu, wie seine Frau eine Wahrheit ausspricht, die auch ihm gilt: Mit einem türkischen Mann könnte Seyran niemals zusammenleben. Ein türkischer Mann wolle immer, dass die Frau ihm unterlegen sei. „Dass sie nicht so lebt wie ich, gefällt mir.“

Sie habe ihre Eltern immer in diese wunderbare Welt der Freiheit mitnehmen wollen, in die sie gegangen sei, sagt Seyran Ates am Ende. Ein wenig scheint ihr dies gelungen zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass ihr auch jene Frauen folgen, für deren Rechte Seyran Ates gekämpft hat und kämpft.

Mein Leben - Seyran Ates läuft am Sonntag um 17 Uhr bei Arte

Quelle: F.A.Z.
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