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Im Fernsehen: Polizeiruf 110 : Die Faust spricht, wo es am Wort gebricht

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Auf Rockerpirsch: Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner Bild: NDR/Christine Schroeder

Diese Abrechnung unter Rockern geht direkt den Zuschauer an. Der Polizeiruf „Stillschweigen“ lässt rohe Kräfte furios walten und starke Gesten glaubhaft sprechen.

          Dafür, dass es in diesem „Polizeiruf 110“ vor allem ums große Schweigen geht, ist er ziemlich beredt. Man kennt das aus Serien und Filmen, in denen im Sumpf organisierter Kriminalität getaucht wird. Das Schweigegebot gilt dort ohne Ausnahme, und wenn es verraten wird, kommt die Handlung in Fahrt. In „Stillschweigen“, dem neuen Fall von Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) in Rostock, zeigt Regisseur und Autor Eoin Moore zuerst und vor allem Körpersprache.

          Von Anfang an hat der Rostocker „Polizeiruf“, an dessen Grundkonzeption Moore beteiligt war, stark auf die physische Präsenz seiner Schauspieler gesetzt. Mit dieser Folge, die sich das kriminelle Rockermilieu vornimmt, kommt er praktisch ganz zu sich. Körperpositionen, Dominanz- und Unterwerfungsgesten spielen hier nicht nur die Hauptrolle. Sie werden in dem klaustrophobisch aufgeladenen Duell der LKA-Beamtin König mit ihrem möglichen Kronzeugen, dem ehemaligen „President“ der „Satanic Riders“ (Thomas Sarbacher gegen den Strich besetzt), auch eigens als Quelle der Ambivalenz einer Person thematisiert.

          Ein Mord in fast  bukolischer Landschaft

          Zwei der Hauptrollen sind zudem mit Schauspielern besetzt, die auch als Stuntman beziehungsweise -woman arbeiten (Casting: Mai Seck). Beide, Dirk Borchardt (Freddy Mercury in Roh) als gewalttätiges Oberhaupt der „Satanic Riders“ mit einem furios brutalen Auftritt und Alessija Lause als seine Frau (und Besitz) Yvonne, die ein fehdetaugliches Geheimnis mit Leib und Leben schützt, spielen so direkt, dass die Parallelwelt geradezu aus dem Fernseher springt.

          Zwei Morde sind außerhalb von Rostock, wo eine versprengte Schafherde ohne Schäfer sich in fast bukolischer Landschaft verliert, begangen worden. Das eine Opfer, eine Hebamme, die als lokale Berühmtheit nahezu fünftausend Babys ins Leben geholfen hatte, war ein Zufallsopfer - Kollateralschaden bei einer Abrechnung unter Rockern. Aber auch der tote Ricky hatte gerade erst seine Geburt erlebt.

          Unterdrückung, Gewalt und Doppelmoral

          Am Abend zuvor war er von Bernd Tauber (Dirk Borchardt), der seine vollhierarchisierte Organisation knallhart im Griff hält, nach nur einem Lehrjahr mit niedersten Diensten an verdienteren Anwärtern vorbei zum „Prospect“ befördert worden. Bis zum Vollmitglied hätte Ricky es wohl in Rekordzeit bringen können, wäre ihm nicht das gewaltsame Ableben dazwischengekommen. Nicht allen hat das Umgehen der strikten Beförderungsregeln gefallen. Deswegen Mord? Da sei der Kodex vor. Schutzgelderpressung, Prostitution, Drogenhandel, Zusammenschlagen, ja - aber umbringen? Einen Bruder?

          König, die seit Jahren in Sachen Rockerkriminalität ermittelt, ist irritiert und erfreut, als sich ihr Altrocker Rolf Wendland (Thomas Sarbacher) als Aussteiger präsentiert. Um den Preis einer neuen Identität will er reden. Beim Verhör bleibt jedoch im Ungefähren, wer wen dominiert, knackt und zum Reden bringt. Vor allem Wendlands Motiv ist nebulös. Steht hinter seinem Auspacken tatsächlich der Verdruss am Wertverfall in der Szene? An die Stelle von „Easy Rider“, Freiheit, Motorradbegeisterung und Anarchie, sei dumpfe Unterdrückung, Gewalt, Doppelmoral und reine Geschäftemacherei getreten, klagt der Rocker, und will damit nicht länger klarkommen.

          Eine Auseinandersetzung zwischen Clans

          Echt jetzt? Besonders Bukow hat seine Zweifel. Mit der Kollegin liegt er über Kreuz. Während sie von der Chance, nach Jahren des Dossierschreibens mitten ins Wespennest zu stechen, begeistert ist, verfolgt Bukow diesmal grundsolide Spur um Spur. Die bedröhnte Prostituierte Tabea (beeindruckend: Lilith Stangenberg), Rickys Freundin, bekommt dabei das Stillschweigegebot der Rocker mehr als einmal eingebleut.

          Frauen werden überhaupt viel und in großem Rahmen zusammengeschlagen in diesem Film. Männer allerdings auch. Clans bekämpfen sich. Verräter sind am Werk. Frauen treiben Ränke. Anführer gehen unter. Wo es am Wort gebricht, spricht die Tat. Blut fließt. Zum Staunen: In diesem „Polizeiruf“ gibt es - aktuell grundiertes - großes Historiendrama zu sehen.

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