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Im Fernsehen: „Nichts für Feiglinge“ : Wohin bloß mit Oma?

  • -Aktualisiert am

Von wegen „wir gegen den Rest der Welt“: Philip (Frederick Lau) und seine Großmutter Lisbeth (Hannelore Hoger) Bild: ARD Degeto/Frank Dicks

Auf Kollisionskurs Richtung Harmonie: „Nichts für Feiglinge“ zeigt einen widerborstigen Enkel, der sich um seine eigensinnige, demente Großmutter kümmert.

          Pflegeleicht. Täuscht der Eindruck, oder gab es zwischendurch einmal Zeiten, in denen diese Eigenschaft Wäschestücken vorbehalten war? Nun jedenfalls scheinen wir in einer Gegenwart zu leben, in der von der Wiege bis zur Bahre kaum etwas sozial wünschenswerter, gesamtgesellschaftlich gesehen forderungswürdiger ist als genau das: pflegeleicht zu sein. Erwartet man ein Kind, wünscht man ihm alle möglichen speziellen Talente. Es soll ein Individuum sein, ausgestattet mit schönem Eigensinn, auf dass es als Person wachse, sich bilde und gedeihe. Ist es auf der Welt, soll es am liebsten sein wie alle. Sich einfügen, ohne großartig aufzufallen.

          In der Grundschule nicht aus der Reihe tanzen, weder zu klug noch zu begriffsstutzig sein. Abweichungen könnten die Gymnasialempfehlung gefährden. In der Ganztagsschule geht es ums Funktionieren, im Studium ebenso, als Erwachsener im Berufsleben und als alter Mensch, nein, als Senior im Altersheim erst recht. Zur Bemäntelung der Tatsache, dass Funktionieren unser Lebenszweck zu sein scheint, hat man allerhand Euphemismen gefunden. Seniorenheime heißen so ähnlich wie „Auf der Sonnenseite“. In unsichtbarer Schrift aber steht geschrieben: Pflegeleicht sein ist erste Bürgerpflicht.

          Ein unterkühltes Generationenverhältnis

          Was aber, wenn einer Pflegeleichtsein als die würdeabschneidende Zumutung empfindet, die es ist? Der Autor Martin Rauhaus hat zu dieser Fragestellung ein Drehbuch verfasst, das sich auf streckenweise bitterbös-trockene, streckenweise humorvoll-humane Weise mit dem Eigenwert des Eigensinns auseinandersetzt, und Michael Rowitz hat es mit zwei Hauptdarstellern verfilmt, die der generationenübergreifenden Beziehungsgeschichte nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern in einem ganz unpathetischen Sinne Würde geben.

          Selbstbewusst und wenig kompromissgeneigt hat Lisbeth Diercksen stets Distanz zu den Mitmenschen gehalten und ihre Liebe zur deutschen Sprache, zu den Klassikern und ihre Unabhängigkeit kultiviert. Ihr querköpfiger Enkel Philip, der an Sturheit seiner Großmutter in wenig nachsteht, studiert Musik und versemmelt mit seiner eigenwilligen Bach-Interpretation fast die Vorprüfung. Doch trotz charakterlicher Ähnlichkeiten ist das Verhältnis von Lisbeth und Philip unterkühlt. Nichts von Wir-gegen-den-Rest-der-Welt. Obwohl die Großmutter den Enkel aufgezogen hat, nachdem seine Eltern ums Leben kamen. Und dann wird Lisbeth dement. Nachdem sie ihre Wohnung versehentlich in Brand gesteckt hat, kündigt der Vermieter. Man muss sich um sie kümmern, vielleicht bald rund um die Uhr. Ein Heim scheint das geringste Übel zu sein. Zumindest für Philip.

          Der Heimleiter als Konversationspartner

          Hannelore Hoger als Lisbeth Diercksen und Frederick Lau als Philip beglaubigen die Eigenschaften, die ihre Figuren eben nicht von der Wiege bis zur Bahre funktionieren lässt, mit spielerischer Leidenschaft; Hoger mit Lust an sprachbewusst genauen Dialogsätzen, die ihre Rolle zur Widerstandsfigur machen; Lau sich tapfer und erfolgreich mit ruppigem, leicht verzweifeltem Charme neben Hogers knurriger Alter behauptend. Aus dem ersten Heim, in dem Philip Lisbeth nach kurzer Zeit „fixiert“ und sediert findet, zieht sie für einen lebensfrohen Moment in Philips Studenten-WG. Philips Freundin Doro (Anna Brüggemann) übernimmt den Part der Spielverderberin. Das Problem „Wohin mit Oma?“ bleibt akut.

          In „Nichts für Feiglinge“ darf Lisbeth Diercksen ihren letzten Lebensabschnitt schließlich in einem gutshofähnlichen, mit Antiquitäten ausgestatteten Luxusheim, das jede erdenkliche Rücksicht auf seine Bewohner nimmt, verbringen. Im Heimleiter Dr. Schneider (Folker Banik) findet sie einen intellektuell anregenden Gesprächspartner. Philip und sie sind sich vertraut geworden. Auf ihre alten Tage hat Lisbeth gelernt, auf andere zuzugehen.

          Das ist ein bisschen viel des Guten und Versöhnlichen. Man versteht zwar, dass es hier um eine Utopie des betreuten Lebensabends gehen soll. Nicht umsonst wirkt das zweite Heim, ganz klar ein Ort für Betuchte, arg märchenhaft. Und um die Darstellung von Demenz geht es in diesem Film der generationenübergreifenden Beziehungen ohnehin nur am Rande (so darf Sandra Borgmann als nette Ärztin Dr. Jonas einen schulbuchmäßigen Vortrag über Entstehung und Verlauf von vaskulärer Demenz halten). Das Ende ist nicht elend, sondern schön, sogar sehr schön. Nicht beschönigend oder pflegeleicht. Aber versöhnlich.

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