27.07.2010 · Der Film zur Weltwirtschaftskrise: Erwin Wagenhofers sehenswerte Dokumentation „Let's make money“ zeigt heute Abend im Ersten mit unbestechlichem Blick die Verheerungen des internationalen Finanzkapitalismus'.
Von Michael HanfeldWer die Globalisierung für einen Wert an sich hält und daran glaubt, dass die Wirtschaft die Welt nach Kriterien ordnet, die den Interessen aller daran Beteiligten Rechnung trägt, der sollte sich heute „Let's make Money“ von Erwin Wagenhofer ansehen. Denn dort setzt es Globalisierungskritik der härtesten Art. Nicht jedes der Beispiele, die Wagenhofer aufführt, passt sich nahtlos in seinen Filmessay ein, doch zeigen einige schlagend, zu welchen Verheerungen der internationale Finanzkapitalismus und das Denken in kurzfristiger Gewinnmaximierung führt: Länder werden ausgebeutet, Gesellschaften versklavt, es ist ein Kolonialismus mit anderen Mitteln.
Einige derer, die sich um „Emerging Markets“, also um Investitionen in der Dritten Welt kümmern, hat Wagenhofer vor die Kamera bekommen. Sie reden Tacheles. Der österreichische Industrielle Mirko Kovats etwa, der im indischen Chennai (früher Madras) investiert, ist der Überzeugung, dass die Armen arm bleiben werden. Sie werden noch mehr arbeiten müssen und es wird dafür nicht mehr Geld geben. Auch in den nächsten Jahren werde in sozialer Hinsicht und beim Umweltschutz „wenig geschehen können“, sagt er und fast meint man, dass er die Ausbeutung bedauere.
Moral gehört nicht in meinen Bereich
Mark Mobius, Vorsitzender des Templeton Emerging Market Fund mit Sitz in Singapur, erscheint bei Wagenhofer als innerlich gefestigter Wirtschaftskrieger. Er findet nicht, dass ein Investor für irgendetwas verantwortlich sein sollte, „für die Ethik, für die Verschmutzung oder das, was eine Firma verursacht, in die er investiert.“ Seine Aufgabe sei es, das Geld seiner Klienten zu mehren. „Es gab einen berühmten Ausspruch, dass die beste Zeit zu kaufen ist, wenn das Blut auf den Straßen klebt“, sagt Mobius. „Ich füge hinzu: auch wenn es dein eigenes ist. Denn wenn es Krieg, Revolution, politische Probleme und Wirtschaftsprobleme gibt, dann fallen die Preise von Aktien und jene Leute, die an diesem Tiefpunkt kaufen, haben jede Menge Geld gemacht.“
Aber zu welchem Preis? In Spanien entstehen Schrottimmobilien, in Burkina Faso arbeiten sich Frauen und Kinder bei der Baumwollernte zu Tode. Das Land ist von der Baumwolle abhängig, verdient daran aber zu wenig, weil - die Amerikaner die heimische Baumwolle schützen. Der freie Weltmarkt hat also seine Grenzen, sobald er bei jenen Opfer fordert, die ihn propagieren. Das gilt erst recht, wenn es um Menschen aus ärmeren Ländern geht. Deren Freiheit ist beschränkt, die des Geldes nicht.
Der Film zur Wirtschaftskrise
Man muss nicht jede Volte mitmachen, die Wagenhofer schlägt. Der Schluss etwa, dass Saddam Hussein nur des Öls wegen von den Amerikanern gestürzt wurde, wie dies ein amerikanischer Gesprächspartner darlegt, der sich als ehemaliger „Wirtschaftskiller“ vorstellt, der im Auftrag von Investoren ganze Länder korrumpierte, lässt viele politische Faktoren außer acht. Und doch rührt Wagenhofer, dessen Film „We Feed the World“ schon für Furore sorgte, an ein Grundübel, an die moderne, weltweite Ausbeutung, für die auch diejenigen einen hohen Preis bezahlen, die scheinbar davon profitieren. Die Hoffnungslosigkeit in vielen Ländern der Welt nämlich ist es, die Extremisten junge Leute als Kanonfutter im „War on Terror“ in die Hände treibt.
Im Nachhinein haben manche gesagt, dies sei der Film zur Weltwirtschaftskrise. Das stimmt insofern, als Wagenhofer, der für „Let's make Money“ den Deutschen Dokumentarfilmpreis bekam, viele der Dinge antippt, die zum Bankenkollaps führten. Filmisch besticht Wagenhofer durch seinen Blick für Details, er montiert die Szenen zu einer Anklage, der laute Gestus eines Michael Moore ist seinem Film fern. Es ist gut, dass die ARD ihn im Ersten zeigt.
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