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Im Fernsehen: „Kommissarin Lund“ Im Herzen der dänischen Finsternis

Sofie Gråbøl führt uns in „Kommissarin Lund - Das Verbrechen III“ in eine Welt, in der es keinen Halt gibt, nirgends. Das wirkt nach, auch wenn der Fernseher längst wieder aus ist.

© ZDF Vergrößern Hart gegen sich selbst und gern auch gegen andere: Kommissarin Lund (Sofie Gråbøl)

Der weiße Wollpullover mit wahlweise Schneeflocken, Kreisen oder Zickzackstreifen darauf gehört zu Sarah Lund wie einst der schäbige Trenchcoat zu Peter Falks Columbo und dessen zerknautschtem Gesicht. Das grob gestrickte Kleidungsstück, das eher kratzig wirkt als flauschig, verrät einiges über die zierliche Polizistin mit den traurigen Augen, die sich auch nach fünfundzwanzig Dienstjahren immer noch so sehr in ihre Fälle verbeißt, dass sie durchaus auch mal zehn Tage in denselben Klamotten durch das kalte, korrupte Kopenhagen stapft.

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Es ist diese verstörende Mischung aus Zähigkeit und Zartheit einer ganz und gar unheroischen Heldin, die jede neue Staffel von „Kommissarin Lund“ zum Ereignis macht. Die Polizistin, von allen stets nur beim Nachnamen genannt, geniale Außenseiterin, sozial phobisch angelegt und damit als weibliches Rollenmodell gänzlich ungeeignet - löst ja nicht nur in Dänemark nationale Besessenheit aus, mit Einschaltquoten von siebzig Prozent und mehr. Während Hollywood die Serie für das amerikanische Publikum unter dem Titel „The Killing“ längst nachgedreht und in Seattle angesiedelt hat, zeigt sich England vom Original so impressed, dass die Serie im Königreich Quoten erzielt wie sonst nur „The Wire“ - trotz dänischer Fassung und Untertitel.

Ausgelaugt

Dass die Schauspielerin Sofie Gråbøl bei den Dreharbeiten zur ersten Staffel bis kurz vor Schluss selbst nicht wusste, wer den Mord an der dänischen Schülerin begangen hatte, um den die mehr als tausend intensiven Lund-Minuten kreisen (und mit ihrer Vermutung wie fast alle anderen falsch lag), ist nur ein Hinweis darauf, wie sehr man es in der vom ZDF mitfinanzierten Produktion darauf anlegt, die Fiktion bis an den Rand der Wirklichkeit zu treiben. Dem Anspruch, ein zeitgenössisches Dänemark glaubwürdig ins Bild zu setzen und nicht einen Neunzig-Minuten-Wohlfühl-Krimi anzurichten, erfüllt der Autor der Serie, Søren Sveistrup, auch in der dritten Staffel mit beeindruckender Stimmigkeit. Er ist so frei (respektive: man lässt ihm die Freiheit), sich fünfmal hundertzwanzig Minuten lang Zeit zu nehmen, um die Tragödie einer Kindesentführung zu erzählen, die er, inszeniert unter anderem von Mikkel Serup und Hans Fabian Wullenweber, zum großen, dichten Drama unserer Zeit ausweitet. Das hat bei uns bislang nur Dominik Graf gewagt, mit seiner ambitionierten Serie „Im Angesicht des Verbrechens“, die den Dänen gleichwohl nicht das Wasser reicht.

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Worum es geht? Die Finanzkrise hat das Land im Würgegriff, Sparmaßnahmen sind an der Tagesordnung. Entsprechend dürftig nimmt sich die polizeiliche Jubiläumsfeier aus. Lund hat trotzdem ihren vertrauten Pulli gegen die steife blaue Uniform eingetauscht. Sie ist fest entschlossen, die Festlichkeit zu nutzen, um einen Job im Innendienst zu ergattern. Sie ist allein, sie ist müde, sie ist erschöpft von der Radikalität ihres Daseins. Deshalb passt es ihr gar nicht, als Mathias Borch (Nikolaj Lie Kaas) aufkreuzt, den sie von der Polizeiakademie kennt und der inzwischen beim Nachrichtendienst arbeitet.

Menschen in irritierend realen Situationen

Borch ermittelt im Fall eines toten Seemanns, den man auf einer Müllkippe gefunden hat, und bittet Lund um Hilfe. Der Tote, stellt sich bald heraus, arbeitete für Zeeland, jene traditionsreiche Ölfirma, die gerade für Wirbel sorgt, weil bekannt wurde, dass sie ihren Standort nach Asien verlegen will. Ihr Fortgang wiederum würde Premier Kristian Kamper (Olaf Johannessen) in Bedrängnis bringen, der sich, zehn Tage vor der Parlamentswahl, mit seiner „Neuen Liberalen Partei“ Hoffnungen auf eine Wiederwahl macht. Dummerweise hat er sich in die Vorsitzende des möglichen Koalitionspartners verguckt, was die politischen Planspiele nicht eben einfacher gestaltet. „Ich habe alles im Griff“, beruhigt Kamper just in dem Moment seine Pressefrau, als ihm die Dinge entgleiten.

Sarah Lund ist so sehr mit sich beschäftigt, dass sie zu spät erkennt, was es mit dem toten Seemann auf sich hat, zumal die Motivlage für den Mord unklar ist. Dann jedoch wird die Tochter des Firmenchefs von Zeeland, Robert Zeuthen (Anders W. Berthelsen), entführt und Lund endgültig aus ihrer Agonie gerissen. Sie ahnt, dass sie es mit einem gefährlichen Täter zu tun hat, dem es nicht um Geld geht, sondern der Zeuthen und Kamper eine große Schuld anlastet. In diesem heiklen Moment kreuzt Lunds Sohn auf der Wache auf, der sich zuletzt jeden Kontakt mit seiner Mutter verbeten hatte. Einige Abende hatte sie am gedeckten Tisch auf ihn gewartet, der ihr nicht einmal gesagt hat, dass er bald Vater wird. Nun, da ihr Jagdinstinkt erwacht, erlebt Mark (Eske Forsting) aufs Neue, was ihn seit seiner Kindheit traumatisiert: dass seine Mutter keine Zeit für ihn hat. Die Drehbücher von Søren Sveistrup leben von Momenten wie diesen: Sie zeigen uns Menschen in irritierend realen Situationen, deren Handlungen zumeist unverständlich sind und deren Beziehungen untereinander die größten Rätsel aufgeben.

Rücksichtslose Kommissarin

Sofie Gråbøl erzählt uns mit Sarah Lund von einer Frau, die in genau der Widersprüchlichkeit des Daseins gefangen ist, die wir Tag für Tag erleben. Als Polizistin ermittelt sie mit bisweilen irritierender Härte, um dann, in den seltenen Momenten, in denen wir sie privat sehen, an sich selbst zu scheitern. Weil Gefühle sich meist nicht der Rationalität beugen. „Ich wollte vor dir und deinem Chaos fliehen“, begründet ihr Sohn sein Fernbleiben.

Hier wird am Ende keine Ordnung wiederhergestellt, die Verbrecher sind nicht nur böse, die Kommissarin ist rücksichtslos nicht nur gegen sich selbst, sondern vor allem auch gegenüber anderen. Dieses kluge Stück Fernsehen mit den symptomatisch eingefrorenen Totalen aus einem dunklen, nebelverhangenen Kopenhagen, zusätzlich verrätselt von der suggestiven Musik Frans Baks, wirkt lange nach - da ist der Fernseher längst wieder aus.

Das ZDF zeigt Kommissarin Lund - Das Verbrechen III an den kommenden fünf Sonntagen. Jeweils zwei Folgen laufen an einem Abend nacheinander um 22 Uhr (Wiederholung um 0.45 Uhr).

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 06.02.2013, 14:53 Uhr

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