Home
http://www.faz.net/-gsb-76cjq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Im Fernsehen: „Injustice“ Gegensätze sind aller Laster Anfang

Arte profiliert sich als Seriensender: Der britische Fünfteiler „Injustice“ nährt das Misstrauen in den Menschen. Ein gelungenes Spiel mit Geheimnissen und Gegensätzen.

© Travers Productions/ITV/Des Willie Vergrößern Der Anwalt William Travers (James Purefoy, li.) und der stets genervte Polizist Mark Wenborn (Charlie Creed-Miles) haben mehr miteinander zu tun, als ihnen lieb ist

Er ist ein Mann fast ohne Eigenschaften. Der Polizist Mark Wenborn ist einfach nur genervt von seiner Frau, seinem Baby, seinen Kollegen, Vorgesetzten, von den Verdächtigen, Zeugen und Opfern, mit denen er es täglich zu tun bekommt. Aber trotzdem, oder gerade deshalb, gehen seine Ermittlungsarbeiten erstaunlich gut voran. Ihm wohnt das Talent inne, ganz ohne Ambitionen und zuweilen auch ohne Regeltreue Ziele zu erreichen. Er denkt augenscheinlich über nichts tiefgründig nach, die Schlussfolgerungen ergeben sich aber trotzdem.

Die Hauptrolle spielt der von Charlie Creed-Miles verkörperte Wenborn in „Injustice“ allerdings nicht. Er fällt nur besonders auf, weil er zu allen anderen Figuren der fünfteiligen Miniserie einen radikalen Gegenentwurf darstellt. Denn in der Welt, die Drehbuchautor Anthony Horowitz beschreibt, geht es fast ausschließlich um Interessen und Konflikte, innere wie äußere, die aus ihnen erwachsen, die in Verbrechen und Lügen münden und Reue und Rache zur Folge haben.

Ein Unterschied, der leicht verschwimmt

Betroffen davon sind alle, insbesondere aber der Anwalt William Travers (James Purefoy), der mit seiner Frau Jane (Dervla Kirwan) gerade erst die Balance im Leben zurückgewonnen hat. Mit ihr wohnt er im ruhigen Ipswich, nahe Englands Ostküste, weit weg von London, wo er zur Legende wurde, wo ihm aber auch Schreckliches widerfuhr, so dass er sich für die Provinz entschied, Mandate in Mordfällen konsequent ablehnt und lange Spaziergänge mit dem Hund am Strand unternimmt, manchmal mitten in der Nacht. Die zu Beginn ausbleibenden Antworten auf all die Fragen, die sich zwangsläufig stellen, sind das, was Regisseur Colm McCarthy neben dem englischen Landleben in Szene setzt, wenn die eigentliche Geschichte beginnt. Denn Travers wird nach London zurückkehren, auch gegen den Widerstand seiner Frau, die gute Gründe dafür hat, diese Entscheidung mittreffen zu dürfen, und es wird für Travers nicht nur eine Rückkehr sein, sondern gleichsam auch wieder eine Flucht.

Mehr zum Thema

„Injustice“ ist ein gelungenes Spiel mit Geheimnissen und Gegensätzen. Sie liegen schon im Kontrast der Londoner Glasfassaden zu hölzernen Strandhütten, in dem Widerspruch zwischen Williams Beruf als Anwalt und Janes Tätigkeit als Lehrerin im Jugendknast und selbst in gegensätzlichen persönlichen Vorlieben. William hat ein intuitives Verständnis für das Recht, seine Frau ein Faible für Literatur. Die Widersprüche und Anziehungskräfte, die der Film zeigt, die sich nicht von selbst ergeben, sondern geschickt inszeniert sind, ohne aufdringlich zu wirken, bereiten wirkungsvoll darauf vor, worum es den Filmemachern letztlich geht.

Der eigentliche Konflikt liegt nämlich im Unterschied von Recht und Unrecht und verschwimmt allzu leicht, wenn es um konkrete Personen geht. Im Resultat ist nämlich kaum noch zwischen Tätern und Opfern zu unterscheiden. Der Name der Serie fasst es abstrakt: Unrecht. Für die Protagonisten geht es aber um Schuld und Mitschuld. Dass all das bei Arte behandelt wird, soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei „Injustice“ um mitreißende Unterhaltung handelt.

Injustice beginnt an diesem Donnerstag um 20.15 Uhr bei Arte.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Beatrice Webb Eine Fabrikantentochter für die Arbeiterklasse

Beatrice Webb hat im 19. Jahrhundert das Elend der Londoner Näherinnen erforscht. Ihr Fazit: Die Armen brauchen keine Almosen, sondern Gewerkschaften. Aus unserer Serie Die Weltverbesserer. Mehr Von Lisa Nienhaus

15.11.2014, 13:13 Uhr | Wirtschaft
31.000 Euro erschlichen Bewährung für notorische Sozialhilfe-Betrügerin

Über Jahre hinweg hat sich eine 40 Jahre alte Frau Gelder vom Staat erschlichen. Am Ende waren es 31.000 Euro, die sie zu Unrecht erhalten hat. Der Betrug kam erst durch anonyme Anzeigen ans Licht. Mehr

27.11.2014, 15:49 Uhr | Rhein-Main
Little Dorrit bei Arte Charles Dickens wusste eben, wie es geht

Sieben Emmys hat diese BBC-Produktion gewonnen: zu Recht. Nun zeigt Arte die opulente Verfilmung von Little Dorrit, dem Roman von Charles Dickens. Was da von einem bestens ausgesuchten Ensemble an Menschenmöglichen aufgerollt wird, ist famos. Mehr Von Ursula Scheer

27.11.2014, 17:47 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.02.2013, 15:34 Uhr

Wir sind mitten im Monopolkampf

Von Michael Hanfeld

Mit 384 Stimmen gegen 174 ist das Ergebnis eindeutig. Das Europäische Parlament spricht sich für die Verbraucherrechte im Internet und damit gegen die beherrschende Stellung von Google aus: Eine richtige Weichenstellung. Ein Kommentar. Mehr 6 15