Parallelen und Ähnlichkeiten sind beabsichtigt. Wenn Dr. House (Hugh Laurie) heute zum Auftakt der sechsten Serienstaffel in einer Zelle erwacht, ans Bett gekettet, ist er nicht mehr Dr. House. Er ist House, der Patient. Der Patient, der sich selbst in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen hat, nach Wochen der Halluzination und Desorientierung.
Nicht nur der äußere Rahmen der ersten beiden „House“-Folgen der Staffel Nummer sechs ähnelt Milos Formans Verfilmung von Ken Keseys „Einer flog über das Kuckucksnest“. House spielt zunächst denselben Part wie seinerzeit der aufrührerische McMurphy (Jack Nicholson). Er nimmt seine Medikamente nicht, mischt die Patienten auf und zettelt bald einen veritablen Aufstand an, als er den Mitinsassen klarmacht, dass man mit einer Tischtennisplatte und einem Ball ohne Schläger und Netz nicht viel anfangen kann. Der Stationsarzt Dr. Nolan (André Braugher) gibt nach, House feiert seinen ersten Sieg.
Dass seine Siege eigentlich Niederlagen sind und die pubertäre Auflehnung gegen die Ärzte ihm und vor allem den anderen schadet, geht House erst auf, als die Privattherapie scheitert, die er einem jungen Mann angedeihen lässt, der den Tod seiner Frau nicht verwinden kann und sich schuldig fühlt - er hält sich für Superman und meint, er hätte seine Frau retten können. House geht mit ihm auf den Rummel, die beiden lassen sich in die Luft schießen, danach denkt der Junge, er könne tatsächlich fliegen, und springt - vom Dach eines Parkhauses.
Die Kollegen Weißkittel fürchten seine Rückkehr
Erst da vergeht dem passionierten Soziopathen der Zynismus, und er beginnt, sich zu wandeln. Er nimmt Kontakt zu den anderen Patienten auf, anstatt sie zu demütigen, vertraut sich Dr. Nolan an, so wie dieser sich ihm. Und schließlich verliebt sich dieser House auch noch, in Lydia (Franka Potente), die aus Deutschland stammende Besucherin, die sich rührend um ihre verstummte Schwägerin kümmert. Zuerst spielen die beiden Klavier und schließlich ohne Instrument miteinander. Auch dem jungen Superman, der seinen Todessprung überlebt hat, kann geholfen werden.
Das klingt ganz und gar nicht nach dem Dr. House, den die Zuschauer bislang kennengelernt haben. Ist es in seiner Melodramatik auch nicht. Doch scheint der - zeitweilige - Wandel nötig. Nach fünf Staffeln dauernder Schimpfkanonade über alles und jeden, angereichert mit hohen Dosen medizinischer Fachsimpelei im Sekundentakt, war die Sache wirklich ausgereizt. Fünfundvierzig Minuten geballt schlechte Laune pro Woche war das, nicht mehr.
Auch die Serie braucht einen Heilungsprozess
Der Umschwung ist nun drastisch und führt fast zu einem Happy End. Doch wäre House dann nicht mehr House. Wenn er die Klinik verlässt, wissen wir, ist er vielleicht auf dem Weg der Besserung, aber längst noch nicht geheilt. Seine Patienten warten auf ihn, die Kollegen Weißkittel fürchten seine Rückkehr.
Für den weiteren Heilungsprozess von „House“, der Serie, dürfte es darauf ankommen, dass sie nach den beiden außergewöhnlich intensiven Folgen, die RTL an diesem und dem folgenden Dienstag zeigt, nicht wieder in den alten Trott verfällt. Dass House von der Kollegin Cuddy (Lisa Edelstein) nicht wird lassen können, mit der er bislang nur im Traum Sex hatte, zeichnet sich ab. Genauso aber, dass es mit den altbekannten diagnostischen Showdowns kein Ende hat.
Franka Potente hat, wie sie sagt, verständlicherweise keine Sekunde gezögert, das Angebot eines Gastauftritts bei „House“ anzunehmen. Doch entschwindet ihre Lydia nach der „Einer flog ins Kuckucksnest“-Episode leider auch wieder.
Achtung, Spoiler im Kommentar!
Thomas Berger (tberger)
- 06.04.2010, 19:05 Uhr