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Im Fernsehen: „Die Auslöschung“ : Vergiss mein nicht

  • -Aktualisiert am

Martina Gedeck und Klaus Maria Brandauer spielen das Vergessen. Bild: SWR / Petro Domenigg

Wenn das Gedächtnis schwindet, wird das alltägliche Leben schwierig. In dem Alzheimer-Film „Die Auslöschung“ gelingt Klaus Maria Brandauer und Martina Gedeck eine berührende Darstellung des Lebens mit der Krankheit.

          Man muss nicht bis zu Tristan und Isolde zurückgehen, um zu sehen, dass große Liebesgeschichten schlecht enden können. In dem Film „Die Auslöschung“ des Regisseurs Nikolaus Leytner kommen der Kunsthistoriker Ernst und die um einiges jüngere Restauratorin Judith zwar zusammen - müssen sich aber nach ein paar glücklichen Jahren wieder trennen, ohne dass sie es wollen, weil sich herausstellt, dass der Professor nicht einfach bloß manchmal zerstreut ist, sondern an Alzheimer leidet.

          Er könnte indes auch jede andere unheilbare Krankheit haben, in deren Verlauf sich die Persönlichkeit des Patienten verändert, denn Leytner schwimmt kein bisschen auf der medialen Demenzwelle mit. Er inszeniert stattdessen triftig, wie sich ein Mensch als souveränes Subjekt definiert und an die Grenzen seiner Autonomie gerät, die er nicht überschreiten will. Deshalb ist Ernst irgendwann der Tod lieber als ein Leben ohne Ratio und Selbstbestimmung. So wird aus der Liebesgeschichte eine Krankengeschichte und dann eine Pflegegeschichte mit letalem Ausgang.

          Abtauchen in die Grauzonen der Existenz

          Sie erscheinen allerdings keineswegs nach dem immergrünen Schema von Erich Segals „Love Story“ aktualisiert. Zum einen sind die beiden Hauptfiguren, die in diese traurige Konstellation geraten, weder jung noch auf eine feste Beziehung aus. Dass sie ein Paar werden, ist für alle Beteiligten überraschend. Zum anderen ist „Die Auslöschung“ durchweg hervorragend besetzt, und den ausgezeichneten Darstellern gelingt es, ohne Rührseligkeit eine emotional bewegende, inhaltlich herausfordernde Fabel zu erzählen. Klaus Maria Brandauer als brillant-prahlerischer Hansdampf von Professor und Martina Gedeck als aparte, zurückhaltende Restauratorin lassen in der suggestiven Intensität ihres Zusammenspiels bis zum bitteren Ende nicht nach.

          Brandauer agiert mit höchstem Einsatz und schafft es doch mit zartesten, genauestens gezeichneten Regungen zu zeigen, wie sich die Zerstörungskraft der Krankheit, das Schwinden der intellektuellen Fähigkeiten und das ungläubige Abtauchen in die Grauzonen der menschlichen Existenz auswirken. Ernsts Kampf gegen das Vergessen und seine lichten Momente, manchmal das Kokettieren mit der baldigen geistigen Absenz - etwa wenn er Judith mit den Worten „Entschuldigen Sie, kennen wir uns nicht?“ begrüßt und über ihr Entsetzen schallend zu lachen beginnt - macht Brandauer virtuos wie subtil deutlich. Ist das noch Becketts Krapp oder schon König Lear, ist es noch eine zwischenmenschliche Tragödie oder schon großes Welttheater?

          Und die bodenständige Judith wird bei Martina Gedeck trotz aller Barmherzigkeit nie zu weich oder nur larmoyant, sondern bleibt unsentimental entschlossen im Versuch, so lange wie möglich ein liebevolles Zusammensein aufrechtzuerhalten. Unterschiedlich fallen die Reaktionen von Birgit Minichmayr und Philip Hochmair als Ernsts erwachsene Kinder aus, die von Unsicherheit und Ablehnung angesichts der Schwäche der väterlichen Autoritätsperson bis zu Anteilnahme und Unterstützung reichen. „Wie stellst du dir die Zukunft vor?“, fragt Bettina (Regina Fritsch) kritisch, weil sie den Rückzug ihrer Freundin an der Seite des kranken Mannes nicht gut findet.

          Zur Stärke dieses leichthändig-unaufgeregt überzeugenden Films gehört es, dass er solche Probleme aufwirft, ohne so zu tun, als könnten sie hier gelöst werden. „Meint er jetzt noch dich?“, fragt später der Sohn, als sein Vater Judith bereits irrtümlich mit dem Namen einer Kindesliebe anspricht. Und die antwortet ohne Umschweife: „Ist das nicht egal?“ Formal ist „Die Auslöschung“ ein konventioneller Erzählfilm, aber mit welch weitem Horizont und wie famos dargeboten! Berührend und schön nimmt er den Zuschauer als nachdrücklich formuliertes, ästhetisch verdichtetes Kammerspiel über Liebe, Leben und Tod ganz und gar gefangen.

          Die Auslöschung, am Mittwoch, den 8.5. um 20.15 Uhr im Ersten.

          Quelle: F.A.Z.

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