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Im Fernsehen: „Der Turm“ : Es spielt überall, nicht nur in Dresden

Alter Ego des Autors Uwe Tellkamp: Im Dienst der Nationalen Volksarmee verzweifelt Christian Hoffmann (Sebastian Urzendowsky) an seinem Land Bild: AR

Ein Triumph der Adaption: Christian Schwochow verfilmt den Roman „Der Turm“ von Uwe Tellkamp. Das Ergebnis ist eine jener seltenen Sternstunden des Fernsehens.

          Es ist paradox: Ein aufwendiger Fernsehfilm läuft zur besten Sendezeit, und doch muss man Sorge haben, dass ihn nur wenige sehen. Gibt es also gute Gründe, an diesem Mittwochabend auf die Champions League zu verzichten und sich stattdessen den ersten Teil der Verfilmung von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ im Ersten anzusehen? Ja, es gibt Dutzende solcher Gründe, und sie alle zu nennen würde die Grenzen dieses Textes sprengen. Darum nur die wichtigsten, damit klarwird, womit man es bei der zweiteiligen Literaturverfilmung (die Fortsetzung folgt schon am Donnerstag) zu tun hat: mit einem der bemerkenswertesten Ereignisse im deutschen Fernsehen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der Turm“ erschien 2008, gewann den Deutschen Buchpreis und verkaufte sich seitdem mehr als eine halbe Million Mal. Das ist erstaunlich genug für ein Buch, das fast tausend Seiten hat und alles andere als leicht zugängliche Lektüre bietet. Tellkamp, der darin, stark autobiographisch grundiert, eine Dresdner Familiengeschichte aus den Jahren 1982 bis 1989 erzählt, hat sich nicht darauf beschränkt, die DDR in ihrer finalen Agonie minutiös aus der privaten Sicht von drei Protagonisten - des Chirurgen Richard Hoffmann, seines Sohnes, des Schülers und späteren Armeeangehörigen Christian Hoffmann, und seines Schwagers Meno Rohde, der als Verlagslektor arbeitet - zu beschreiben.

          Geschwister in der Opposition: Anne Hoffmann (Claudia Michelsen) und ihr Bruder Meno Rohde (Götz Schubert)

          Der Schriftsteller hat darum herum ein Erzählnetz gewoben, das eine psychologische Phantastik bietet, die der DDR des Romans den Status eines untergehenden dunklen Märchenlands zuschreibt - im zweifach übertragenen Sinne: einmal im Stil einer an Hauffs Kunstmärchen geschulten Romantik und dann insoweit, als Fluss-, Wasser- und Flutmetaphern von Beginn des Romans an die quecksilbrig-giftige Beweglichkeit jener Zeit beschwören.

          Ein Anfang mit Humor

          Was macht nun die Verfilmung mit dieser Vorlage? Zunächst einmal macht sie alles anders. Wer morgen den ersten Teil versäumen sollte, verpasst ein geradezu burleskes Vergnügen, denn „Der Turm“ als Film setzt gleich hinter die auf proustsche Weise inszenierte Auffahrt von Christian Hoffmann mit der Standseilbahn zum Dresdner Stadtteil Weißer Hirsch die unvergessliche Szene eines Weihnachtsbaumdiebstahls, die im Buch erst viel später erreicht wird.

          Kein Familienfest also zum Auftakt, wie Tellkamp es zur Vorstellung seines Ensembles episch ausführt, stattdessen ein pointierter, fast satirischer Einstieg, der die Protagonisten gleichsam spielerisch und sehr witzig vorstellt. Und zugleich auch einen im Buch nur latenten Grundkonflikt explizit macht: den zwischen Staat und Religion. Die bürgerliche Familie Hoffmann findet im Film viel mehr Rückhalt in der Kirchgemeinde als im Buch. Dadurch aber wird auch der moralische Aspekt des Ehedramas, das sich zwischen Richard und seiner Frau Anne abspielt, weitaus schärfer konturiert als im Roman.

          Mit sicherem Gespür für die optischen Mittel

          Uwe Tellkamp hat im Gespräch mit dieser Zeitung den Drehbuchautor Thomas Kirchner für dessen Leistung hervorgehoben. Ihm gebührt tatsächlich noch vor dem Regisseur Christian Schwochow und den beiden Produzenten Nico Hofmann und Benjamin Benedict höchstes Lob. Wie er die tausend Seiten „Turm“ notgedrungen (trotz insgesamt drei Stunden Sendezeit) verknappt hat und trotzdem etliche Motive, die im Buch nur versteckt oder gar nicht ausgebreitet werden, in den Mittelpunkt rückt, das beweist ein profundes Verständnis des Unterschieds zwischen literarischer und filmischer Narration.

          Ein Blick für Richard: Während der Hochzeit von Ina Rohde und Thomas Wernstein schaut Josta Fischer (Nadja Uhl) zu Richard Hoffmann (Jan Josef Liefers)

          Ob es die ambivalente Liebesbeziehung zwischen Christian und seiner Mitschülerin Reina ist, der dienstliche wie private Absturz von Richard Hoffmann nach seinem Stasi-Sündenfall, die subtil sich steigernde Faszination von Meno Rohde für die von ihm betreute Schriftstellerin Judith Schevola - Kirchner hat ein Gespür für das, was durch Blicke, Gesten, Konstellationen, also optische Mittel, erzählt werden kann. Genauso wie Uwe Tellkamp ein Gespür hat für das, was man nur beschreiben kann. Seine irreale tropische Flusswelt bei Dresden, die in ihrer Opulenz ganz Kopfgeburt ist, wurde in der Verfilmung deshalb konsequent ausgelassen.

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