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Im Fernsehen: der „Tatort“ aus Münster : Die Geburt des Slapsticks aus dem Krimi

Auf der Flucht vor der Rache des Rindviehs: Christine Urspruch als Alberich und Jan Josef Liefers als Professor Boerne Bild: WDR/Wolfgang Ennenbach

Brachialer Humor und eine Männerfreundschaft: Wie auch der neuste Münsteraner Tatort „Das Wunder von Wolbeck“ das Genre verändert.

          Seit zehn Jahren sind sie ein Paar, mittlerweile haben sie Fernsehgeschichte geschrieben. Sie haben nicht nur schrägen Witz, hintersinnigen Humor und platteste Kalauer in den „Tatort“ gebracht, sondern wurden damit sogar zum beliebtesten Ermittlerteam der Reihe. Während ihre Hamburger Vorgänger Manfred Krug und Charles Brauer eine Männerfreundschaft alter Schule mit durchaus rührseligen Momenten zelebrierten, marschieren Thiel und Börne frotzelnd und unbeirrbar Seite an Seite: aus dem Krimi geboren, für den Slapstick bestimmt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Vor hundert Jahren wurde gelacht, wenn ein Polizist auf dem Hochrad einen Verbrecher im Auto verfolgen wollte, heute radelt Kommissar Thiel kurzbeinig und kurzatmig über die staubigen Landstraßen des Münsteraner Umlands, bis sein Kumpan Börne sich erbarmt und den Sportwagen zum Stehen bringt, damit der schnaufende Ermittler zusteigen kann.

          Zu Chaplins Zeiten war die explodierende Zigarre im Mund des Bankiers eine sichere Nummer, heute schaut Jan Josef Liefers als blasierter Professor einem kränkelnden Rindvieh unter den Schwanz und lässt sich anschließend von seiner Assistentin Alberich ein Tüchlein reichen, um sich die Güllefontäne aus dem Gesicht zu wischen. Das ist zwar mehr altbacken als subtil, kommt aber offenbar besonders beim jungen Publikum gut an: Stolz verkündet der WDR, dass kein anderer „Tatort“ ein geringeres Durchschnittsalter seiner Zuschauer aufweisen kann.

          Wer tötete den Wunderheiler?

          Allein an solchen Witzchen kann es wohl kaum liegen, dass dieses Gespann so erfolgreich ist. Entscheidend dürfte eher sein, das ein klassisches Erfolgsrezept des „Tatorts“ originell variiert wird: sozial relevante Themen werden verboulevardisiert, ohne darüber den dramatischen Kern des Falles je ganz aus dem Auge zu verlieren. So ist der Münsteraner „Tatort“ kleine Tragödie und harmlose Farce zugleich. Diesmal geht es um die Tücken der Fortpflanzung - und zwar bei Mensch und Tier. Der Rinderwunsch unterscheidet sich vom Kinderwunsch ja nur durch einen einzigen Buchstaben. Das scheint zumindest Bauer Kientrup zu denken. Doch er täuscht sich.

          Als wäre das Münsterland eine einziges Boulevardtheater, werden anzügliche Blicke getauscht, wenn es um Seitensprünge, zeugungsunfähige Ehemänner, gebärwillige Dorfschönheiten und Zuchtbullen geht. Der Rekordhalter draußen auf der Weide bringt es auf knapp viertausend Nachkommen, schwächelt aber gerade ein wenig.

          Eine handfeste Männerfreundschaft: Frank Thiel (Axel Prahl) und Prof. Boerne (Jan Josef Liefers)

          Drinnen in der Stube hockt Bauer Kintrup trübsinnig am Esstisch, denn er weiß nicht, ob der Säugling im Kinderwagen wirklich von ihm ist. Raffael Lembeck, Heilpraktiker und Wunderheiler bei Reproduktionssorgen, liegt derweil erschlagen in seinem Haus, das er unter dubiosen Umständen erworben hat. Hat ihn die eigene Ehefrau getötet oder ein eifersüchtiger Ehemann, der nicht glauben wollte, das seine Nachwuchssorgen allein mit Kräutern und guten Worten aus der Welt zu schaffen waren? Oder haben die Brüder Krien etwas mit dem Mord zu schaffen, drei bräsige Dorfheroen, die schweigsam in ihrer Kneipe hocken wie die Gebrüder Ludolf auf ihrem Schrottplatz?

          Verdächtige gibt es reichlich, aber die Aufklärungsarbeit stolpert eher mühsam voran. Thiel radelt ziellos durch die Gegend, während Börne mit einem Paarhufer namens Mimi anbändelt, der nach allesverschlingender Ziegenart wichtiges Beweismaterial gefressen hat. Doch auch diese Beziehung ist nicht von Dauer: Das Tier muss zurück auf die Weide, während Boerne seine Abende weiterhin allein oder beim Schachspiel mit Thiel verbringen muss. Dass er die Spielschulden von der letzten Partie nicht begleichen will, ist der Grund dafür, dass Thiel nur noch über Dritte mit Börne spricht. Eine undankbare Aufgabe für Thiels ohnehin wenig verwöhnte Asistentin Nadeshda Krusenstern, die in dieser Folge besonders unbarmherzig an den Rand des Geschehens gedrängt wird.

          Wer hat ihren Mann auf dem Gewissen? Auch die Lehrerin Stella Lembeck (Lina Beckmann) gehört zum Kreis der Verdächtigen

          Dass dieses fröhlich zusammengeschusterte Drehbuch trägt, verdankt sich neben hübschen Zutaten wie Countrymusik und Rodeoromantik vor allem den Schauspielern. Lina Beckmann als Ehefrau des Toten, Stephan Kampwirth als Bauer Kintrup und die jegliche Witzeleien verweigernde Hildegard Schmahl als verbitterte Ruth Kintrup verhelfen dem Fall zu einem überraschend ernsthaften Finale, das zeigt, dass der Unterschied zwischen Kinderwunsch und Rinderwunsch doch größer ist, als nicht nur Bauern manchmal zu denken scheinen.

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